Braunes Wien

Ein Reiseführer durch die braune Topografie von Wien macht historische Stätten erlebbar – viele davon waren bisher der breiten Öffentlichkeit unbekannt.
VON EVELYN ADUNKA

2009 veröffentlichte der Wiener Czernin Verlag einen Reiseführer durch die braune Topografie der Stadt und des Bundeslandes Salzburg, verfasst von Susanne Rolinek, Gerald Lehner und Christian Strasser. 2010 folgte ein Band über Oberösterreich, geschrieben vom gleichen Autorenteam. Im Vorwort heißt es, dass die vielen positiven Reaktionen auf den Salzburg-Band zu dem Entschluss führten, über alle Bundesländer derartige zeitgeschichtliche Reiseführer zu verfassen.

Gerald Lehner, Mitautor des nun publizierten Bandes über Wien, hat eine Biografie über Leopold Kohr veröffentlicht, ebenso wie eine kritische Auseinandersetzung mit dem Tibetforscher Heinrich Harrer, der, wie man im rezensierten Buch nachlesen kann, 1938 die Synagoge in Graz mit angezündet hatte. Eva Maria Bachinger ist eine in Wien lebende Autorin und Journalistin, die ein Buch über die besten Bergsteigerinnen der Welt veröffentlicht hat.

Vom Rothschild-Palais bis zum Hotel Metropole

Das Buch Im Schatten der Ringstraße beginnt mit einer schwerwiegenden Aussage: „Wien war seit dem 19. Jahrhundert die europäische Hauptstadt des Judenhasses.“ Der Band ist sehr übersichtlich strukturiert und kundig illustriert; am Beginn jedes der 62 kurzen Kapitel wird das Reiseziel mit Hinweisen auf die Erreichbarkeit durch öffentliche Verkehrsmittel angegeben und am Ende der kurzen Abschnitte gibt es Literaturund Webtipps. Die rund 500 erwähnten Personen wurden auch indexiert.

Erinnert wird unter anderem an die Demolierung des im Krieg nur leicht beschädigten Palais von Albert Rothschild (auf dem Gelände befindet sich heute das Gebäude der Wiener Arbeiterkammer), des Palais Miller-Aichholz in der Prinz-Eugen-Straße 28, das dem Industriellen und Luftfahrtpionier Camillo Castiglioni gehört hatte, sowie des Aspangbahnhofes, von wo aus zigtausende Wiener Jüdinnen und Juden deportiert worden waren. Er wurde 1977 abgerissen, „ohne dass Österreichs Politik ein Wort über die Opfer verlor“, wie es im Buch heißt.

Im Abschnitt über die Synagogen in Wien wären Hinweise auf die beiden wichtigen Bücher von Pierre Genée (es wurde vor kurzem neu aufgelegt) und von Bob Martens und Herbert Peter (auch ins Englische übersetzt) eine wertvolle Ergänzung gewesen.

Ein Kapitel ist Simon Wiesenthal gewidmet, einem „der wahren Nationalhelden Österreichs“, wie Eva Maria Bachinger resümiert, ein weiteres gilt dem Jüdischen Museum Wien. Jakob Bronner, Onkel des Kabarettisten Gerhard Bronner und Kurator des Wiener Jüdischen Museums vor 1938, wurde allerdings nicht, wie es darin heißt, ermordet, sondern konnte nach Haifa flüchten, von wo aus er noch nach 1945 mit der IKG korrespondierte.

Im Kapitel über die Donau-Bar in der Karl-Schweighofer-Gasse 10 wird auch ein Artikel von Eva Konzett zitiert, der im Dezember 2013 im NU erschienen ist. Konzett ging darin dem Gerücht nach, dass sich in den Räumen der Bar einmal eine Synagoge befunden hätte – ein Mythos, wie übrigens Andrea Maria Dusl im Falter schon 2010 geschrieben hatte. Der Besitzer des Hauses, in dem sich die Bar befand, war der Klavierfabrikant und Dirigent Friedrich Karbach, der 1942 in Theresienstadt starb. Dessen Sohn, das sei hier ergänzt, war Oskar Karbach (1897–1973), in den dreißiger Jahren Sekretär der jüdischen Völkerbundliga, Mitarbeiter von Martin Bubers Zeitschrift Der Jude und 1933 Verfasser der Schrift Wende der staatlichen Judenpolitik. 1938 flüchtete er mithilfe von Salo W. Baron nach New York, wo er für das Institute of Jewish Affairs des World Jewish Congress arbeitete.

Einer der wohl bekanntesten Orte des braunen Terrors in Wien ist der Morzinplatz, wo im Hotel Metropole (Anmerkung: diese Schreibung ist die korrekte) die Gestapo ihr Wiener Hauptquartier hatte. In direkter Nähe dazu haben sich jüngst auch Sophie Lillie und Arye Wachsmuth in einer Ausstellung, die im Frühjahr 2015 im Rahmen der Wiener Festwochen zu sehen war, mit diesem Ort auseinandergesetzt.

Zu Adolf und Olga Böhm, die im selben Kapitel genannt werden, wäre noch zu erwähnen, dass Adolf Böhm nicht wegen seiner familiären Verbindung zur Generaldirektorin des Hotels Metropole bekannt war, sondern als Fabrikant, Vorstandsmitglied der Israelitischen Kultusgemeinde und vor allem als zionistischer Publizist und Historiker. Er gab die Zeitschrift Palästina heraus und verfasste eine grundlegende, zweibändige Geschichte des Zionismus.

Im Schatten der Ringstraße ist ein überaus informatives Buch, das jeder zeitgeschichtlich interessierte Bewohner und Besucher Wiens mit viel Gewinn lesen wird.

 

Eva Maria Bachinger, Gerald Lehner
Im Schatten der Ringstraße
Czernin Verlag, Wien 2015
328 Seiten
23,90 EUR

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