Besuch bei einer alten Dame

In ihrer erfrischenden Offenheit scheint die 85-jährige Schriftstellerin Judith Kerr immer noch jenes neunjährige Mädchen zu sein, als das sie sich in ihrem Klassiker „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ beschreibt.
Von Axel Reiserer, London

Man kann Judith Kerr nicht anders als mit Ehrfurcht begegnen. Die Schriftstellerin und Kinderbuchautorin feierte heuer am 14. Juni ihren 85. Geburtstag, und wenn man bei ihr zu Besuch ist, kann man über ihre jugendliche Frische nur bewundernd staunen. Das Haus im grünen Londoner Vorort Barnes ist makellos sauber, auf dem Couchtisch liegt die aktuelle Tageszeitung, von der Sitzecke hat man Blick auf endlose Bücherreihen. Bücher waren Judith Kerr gleichsam in die Wiege gelegt worden, als sie 1923 in Berlin als Tochter des Theaterkritikers Alfred Kerr zur Welt kam. Kerr, mit dem sich Karl Kraus Zeit seines Lebens wilde Auseinandersetzungen lieferte („Schuft“ war noch eines der freundlicheren Worte in ihren bis vor Gericht ausgetragenen Konflikten), war in Deutschland vor und nach dem Ersten Weltkrieg eine der größten Kritikerautoritäten, dessen Urteil Karrieren beenden konnte.

Nichts von dieser Kampfbereitschaft scheint an Tochter Judith weitergegeben worden zu sein. Im Gespräch mit der Schriftstellerin entdeckt man, dass es auch einen anderen Alfred Kerr – einen liebevollen, um seine Kinder Sorge tragenden Vater – gegeben haben muss. „Was mir mein Vater mitgegeben hat für das Leben, ist eines: Du musst glücklich sein.“ Das hat sie sich zur Maxime gemacht, und im Gegensatz zu ihrem Vater bezieht sie Glück nicht aus Kritik und Urteil, sondern dem Versuch zu verstehen. Judith Kerr vernichtet niemanden mit ihren Meinungen, sie bildet sich ihre Ansichten umfassend und sie scheut sich auch nicht zu sagen: „Das weiß ich nicht.“

In ihrer erfrischenden Offenheit scheint die 85-Jährige immer noch jenes neunjährige Mädchen zu sein, als das sie sich in ihrem Klassiker „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ beschreibt. Das erstmals 1971 erschienene Buch wurde im deutschen Sprachraum seither millionenfach gelesen, in Berlin trägt heute sogar eine Schule den Namen von Judith Kerr. Es schildert die Flucht der Kerrs 1933 vor den Nazis, erst in die Schweiz, dann nach Frankreich und schließlich nach Großbritannien.

Als prominenter und wortmächtiger Nazigegner und Jude stand Alfred Kerr nach der Machtergreifung Hitlers ganz oben auf den Verhaftungslisten des braunen Regimes. Als er rechtzeitig gewarnt wird, setzt er sich zuerst in die damalige Tschechoslowakei ab und hofft zunächst noch auf ein baldiges Ende des Spuks in Deutschland. Nach dem Reichstagsbrand Ende Februar 1933 erkennt er aber hellsichtig, dass die Katastrophe erst ihren Anfang nimmt. Er findet Zuflucht in der Schweiz und lässt umgehend seine Familie nachkommen.

Das Flüchtlingsleben ist für Kerr eine schwere Belastung. In Deutschland kann er nicht mehr veröffentlichen, in den Exilpublikationen bringt er manchmal Beiträge unter, bald aber wird das Geld knapp. „Wir waren nicht reich gewesen in Berlin, aber sicher wohlhabend. Was wir gehabt hatten, mussten wir zurücklassen. Nun wurde es ein Problem, wenn wir so elementare Dinge wie Zahnpasta brauchten“, erinnert sich Judith Kerr. Nach der Begegnung mit reichsdeutschen Urlaubern in der Schweiz, deren Benehmen das Allerschlimmste befürchten ließ („Spielt nicht mit den Judenfratzen!“), und in der Hoffnung auf bessere Verdienstmöglichkeiten (die neutrale Schweiz wollte Nazi- Deutschland nicht mit kritischen Publikationen provozieren), zog die Familie nach Paris.

Judith und teilweise auch ihr zwei Jahre älterer Bruder Michael erleben vieles davon noch als ein großes Abenteuer. „Ich dachte mir, wie herrlich ist das. An vielen Orten leben und viele Sprachen lernen, neue Freundschaften schließen“, erinnert sie sich. Die Wirklichkeit aber war eine ganz andere. Das Überleben in Paris stellt sich als noch viel härter als in der Schweiz heraus. Was die Familie zusammenhält, ist das enge Verhältnis zwischen Eltern und Kindern, die sogar Belastungen wie Einkaufsversuche des Vaters (ein Debakel) und erste Kochversuche der Mutter („Sie konnte es einfach nicht“, sagt Judith Kerr) übersteht.

Der aus Ungarn stammende, jüdische Filmproduzent Alexander Korda kauft Alfred Kerr schließlich um damals außergewöhnlich großzügige 1.000 Pfund ein Drehbuch für einen Napoleon-Film ab und überredet die Familie 1936 zur Übersiedlung nach London. Der Film wurde nie gedreht. „Mein Bruder und ich haben uns oft gefragt, ob Korda das Drehbuch nur kaufte, um uns zu helfen“, erinnert sich Judith Kerr. Während die Kinder in Großbritannien erneut rasch Fuß fassen, ist das Leben für die Eltern äußerst schwierig. „Vater sprach praktisch kein Englisch, und unsere finanzielle Lage war mehr als problematisch.“ Judiths Bruder Michael wurde ein herausragender Jurist. Vater Alfred versuchte 1948 eine Rückkehr nach Deutschland, erlitt bei einem Besuch in Hamburg einen Schlaganfall und setzte danach seinem Leben ein Ende.

Judith und ihre Mutter blieben in London. Sie wurde eine äußerst erfolgreiche Kinderbuchautorin und -illustratorin und war von 1954 bis zu dessen Tod im Jahr 2006 mit dem Drehbuchautor Nigel Kneale verheiratet. Ihre Bücher „The Tiger Who Came to Tea“ und die Abenteuer des Katers „Mog“ sind Klassiker. Als Queen Elizabeth vor zwei Jahren ihren 80. Geburtstag feierte, gehörte Judith Kerr zu den geladenen Gästen.

Über ihre neue und ihre alte Heimat sagt sie: „Das hier ist mein Zuhause, keine Frage. Ich muss vielen in meinem Leben danken, vor allem aber England, das uns damals aufgenommen hat. Wenn ich heute nach Deutschland fahre, ist das immer noch etwas seltsam für mich. I feel uneasy. (Judith Kerr, die darauf bestanden hat, unser Gespräch auf Deutsch zu führen, spricht hier plötzlich englisch. Anm.) Ich bedauere das, und es ist ungerecht, denn ich habe viele wundervolle junge Deutsche kennengelernt. Aber ich verspüre immer noch ein gewisses Unbehagen. Vor vielen Jahren war ich mit meinem Mann in Berlin, und ich habe ihm auf seinen Wunsch hin die Orte meiner Kindheit gezeigt. Da kamen wir auch zu jenem Vorstadtbahnhof, wo wir als Kinder oft waren, ich aber konnte nur denken: Von hier sind Züge nach Auschwitz abgefahren.“

Was das „Rosa Kaninchen“ auszeichnet, ist, dass es konsequent aus der Perspektive der Neunjährigen erzählt wird. Den Anlass, es zu schreiben, gaben ihre eigenen Kinder. „Meine Tochter Tracy wollte immer von mir wissen, wie es früher war. Ich versuchte ihr zu erzählen, aber so richtig gelang es mir nicht. Da sah unser Sohn Matthew, er war damals sieben, mit der Schule diesen grässlichen Film ,The Sound of Music‘ und erklärte dann ganz zufrieden: ,Jetzt weiß ich, wie es wirklich war, als Mami ein kleines Mädchen war.‘ Ich aber dachte mir, nein, so war es aber eben genau nicht. Und machte mich daran, meine Erinnerungen aufzuschreiben.“

Kerr war damals Mitte 40, aber sie fand den Ton und das Bewusstsein eines Kindes. Es war das erste Kinderbuch über den Nationalsozialismus aus einer Kinderperspektive. Damit konnte sie ein Millionenpublikum erreichen, auch wenn es ursprünglich Widerstände gab: „Mein englischer Verleger sagte: ,Gut, über Hitler haben wir nichts, mach das.‘ Aber in Deutschland wollte man zunächst überhaupt kein Buch, das Hitler im Titel hatte. Zwei, drei Jahre später konnte man dann in Deutschland kein Buch mehr kaufen, das nicht mit Hitler zu tun hatte. So gesehen war mein Buch das richtige Buch zum richtigen Zeitpunkt.“

In Deutschland steht Kerrs Buch auf dem Stundenplan, um Kindern und Jugendlichen eine erste Einführung in die Geschichte des Nationalsozialismus zu geben. Auf die Frage, wie man mit Kindern über den Holocaust sprechen soll, meint sie: „Man soll mit ihnen sprechen, wenn sie danach fragen. Die Schulen machen heute sehr viel. In Deutschland müssen Kinder sogar Aufsätze über mein Buch schreiben. Das ist grässlich.“ Warum? „Man soll ein Buch genießen, nicht es zu Tode analysieren.“

Was Kerr in ihren Büchern – auf das „Rosa Kaninchen“ folgten die beiden Fortsetzungsbände „Warten bis der Frieden kommt“ und „Eine Art Familientreffen“, die deutlich düsterer sind und die Schwierigkeiten der Flüchtlingsexistenz eindringlich schildern – und im Gespräch versucht, ist ihr Leben, ihre Familie, ihre Existenz von den Nazis zurückzufordern. „Ich wollte nicht über den Holocaust schreiben, sondern nur über meine Eltern.“ Intellektuell gesteht sie zu, dass nach den Ereignissen von 1933 bis 1945 das eine nicht ohne das andere gesehen werden kann. Emotional widerstrebt es ihr bis heute, dass Hitler und seine Schergen sozusagen bis heute eine Deutungshoheit über sie und ihre Familie haben.

Das spiegelt sich auch in ihrer Einstellung zum Judentum wider. „Wir wuchsen ohne Religion auf, mein Vater sagte aber immer: ,Weil wir Juden sind, müssen wir darauf achten, dass wir besser sind, dass wir ihnen keinen Anlass geben.‘ Ich halte es da mit dem legendären britischen Journalisten Bernard Levin, der einmal schrieb: ,Das einzige Mal, dass ich mir bewusst bin, Jude zu sein, ist, wenn sich ein anderer Jude schlecht benimmt.‘ Man freut sich zum Beispiel über einen Einstein und ist weniger glücklich über einen Maxwell (ein jüdischer Medienmogul, der 1991 nach einem betrügerischen Bankrott, der Tausende ihrer Existenz beraubte, Selbstmord beging. Anm.).“

Ein Entkommen aber gab es nicht
Selbst eine in sich ruhende Frau wie Judith Kerr – anerkannte Künstlerin, mehr als 50 Jahre lang glücklich verheiratet, Mutter zweier erfolgreicher Kinder, stolze Großmutter zweier Enkelkinder, für immer bewundernde Tochter ihres Vaters Alfred, seit mehr als 70 Jahren sicher im Schutz des Vereinigten Königreichs und im Alter von 85 Jahren bei bester Gesundheit und voller Tatendrang (ein neues Buch ist vor der Fertigstellung) –, auch diese vornehme, weise, jüdische Dame fügt hinzu: „Man fühlt sich mehr als Jude, als man es getan hätte, wenn es keinen Hitler gegeben hätte. Man kann diese Millionen, die kein Leben gehabt haben, nicht verraten. Nach dem Krieg hatten wir sehr starke Gefühle, als man entdeckte, was damals alles passiert war. Von Konzentrationslagern wusste ich mit neun Jahren, aber das ganze Ausmaß, wie das war, und die Millionen, die umgebracht worden waren, und das ganze Entsetzen … Da haben mein Bruder und ich uns geschworen, dass wir etwas machen müssen aus unserem Leben, dass man das Leben nicht verschwenden darf, denn das schulden wir den Millionen Ermordeten, die alles dafür gegeben hätten zu leben.“

 

Die mobile Version verlassen