Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Carl Djerassi | Nr. 37 (3/2009) - Tischri 5770
  • Zeugnis Tirols jüdischer Geschichte

    Wo Tiroler Juden schon vor über 500 Jahren ihre Toten bestattet haben, zeugt seit Juli eine neue Gedenkstätte erstmals von der jahrhundertealten israelitischen Tradition im „heiligen Land“.
    Text: Steffen Arora, Fotos: Arno Gisinger

    „Wir sind auf einen Bühel hinaufgegangen und von einem Friedhof heruntergekommen“, erzählt der Innsbrucker Historiker Niko Hofinger. Mit dem Historiker und Archäologen Michael Guggenberger hat Hofinger die Außenmauern des ältesten jüdischen Friedhofs Westösterreichs am sogenannten Judenbühel freigelegt. „Ein Meilenstein“, wie Hofinger erklärt, „denn bisher gab es in Tirol keine alten Zeugnisse für die jüdische Geschichte des Landes.“

    Die erste urkundliche Erwähnung des Friedhofs an der Bergflanke im Norden Innsbrucks datiert auf das Jahr 1503 zurück. Bis 1864 bestatteten die Tiroler Juden hier ihre Toten. Nach wiederholten, antisemitisch motivierten Schändungen der Grabstätten in den 1860er Jahren stellte die Stadt Innsbruck ihren jüdischen Bürgern einen Teil des weniger abgelegenen Westfriedhofs zur Verfügung, der bis heute in Verwendung ist. Der alte Friedhof geriet in Vergessenheit. Allein der Flurname „Judenbühel“, den die Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkriegs kurzerhand in „Spitzbühel“ umänderten, zeugte von der Vergangenheit des Ortes. Bis vor Kurzem diente das Plateau in der Nähe des Alpenzoos als beliebtes Ausflugsziel. „Jetzt ist klar, dass hier der Friedhof war und es finden keine Grill- oder Kinderfeste mehr an diesem Ort statt“, erklärt Hofinger.

    Schlichte, mannshohe Metallplatten mit Davidsternen markieren die Grundrisse des ehemaligen Friedhofs. Die alten Mauerreste wurden wieder zugeschüttet. „Weil es schlichtweg die beste und einfachste Form der Konservierung ist“, erklärt Hofinger. Für die künstlerische Ausgestaltung der neuen Gedenkstätte zeichnen die Dornbirner Architekten Ada und Reinhard Rinderer verantwortlich. Sie haben bewusst nur drei der insgesamt vier Seiten verbaut, um den Platz metaphorisch für Besucher offenzuhalten. Die Architektur unterstreicht den pietätvollen Charakter, den der Ort nun zurückgewonnen hat. Denn um die heilige Totenruhe nicht zu stören, haben die Historiker nur die Grundmauern, nicht aber die noch immer hier befindlichen Gräber freigelegt. Wie viele Menschen tatsächlich am Judenbühel begraben liegen, bleibt ein Geheimnis.

    Im Laufe der Jahrhunderte, in denen der Friedhof in Verwendung war, dürften es aber nicht allzu viele gewesen sein. Denn bis in die 1860er Jahre waren nie mehr als drei oder vier jüdische Familien in Tirol wohnhaft. Erst nach 1867, nachdem es Juden erlaubt war, sich ohne Einschränkung in Tirol niederzulassen, entstand eine kleine Gemeinde. Während ihrer Blütezeit, um 1910, lebten rund 500 Juden allein in Tirol. Heute zählt die israelitische Kultusgemeinde für Tirol und Vorarlberg knapp 150 aktive Mitglieder.

    Esther Fritsch, die Präsidentin der Kultusgemeinde, ist begeistert von der neuen Gedenkstätte am Judenbühel: „Das ist ein wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung der jüdischen Geschichte Tirols.“ Die Idee dazu, so Fritsch, ging vom Tiroler Altbischof Reinhold Stecher aus. Während eines Spaziergangs in den Wäldern rund um den Judenbühel schmiedete er den Plan, diese historische Kultstätte vor dem Vergessen zu bewahren. Die Finanzierung der wissenschaftlichen und architektonischen Arbeiten übernahmen das Land Tirol und die Stadt Innsbruck.

    Steffen Arora

    Steffen Arora

    ist Redakteur bei der Tiroler Straßenzeitung 20er und arbeitet daneben als freier Journalist. Er wohnt in Innsbruck, ist verheiratet und hat drei Kinder.
    Steffen Arora

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