Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Heute im NU, morgen in Hollywood | Nr. 29 (3/2007) - Tishrei 5768
  • Identität und Stil

    Gibt es so etwas wie jüdische Architektur? Und wenn ja, was zeichnet sie aus? NU sprach mit dem Architekten Adolf Krischanitz, der die Neue Welt Schule und den Lauder Chabad Campus errichtet hat.
    Von Margaretha Kopeinig

    Eine Ausstellung des Jüdischen Historischen Museums Amsterdam ging der Frage nach, ob es eine spezifische „jüdische Architektur“ gibt. Die Schau „Yibaneh!“ (Hebräisch: Es wird gebaut) warf einen Blick auf eine neue Architektur für jüdische Institutionen in Europa, Israel und den USA und beschäftigte sich mit jüdischer Identität in der zeitgenössischen Architektur. In dieser Schau fanden die Arbeiten des österreichischen Architekten Adolf Krischanitz große Beachtung. Die von ihm errichteten jüdischen Schulen in Wien, die „Neue Welt Schule“ (1991–1994) und der „Lauder Chabad Campus“ (1996– 1999) wurden in Berlin als „hervorragende Beispiele für Architektur in jüdischem Umfeld“ beschrieben. NU sprach mit dem Architekten und Professor an der Universität der Künste Berlin.

    NU: Herr Krischanitz, gibt es jüdische Architektur?

    Adolf Krischanitz: Ich würde diese Frage nicht mit Ja beantworten können, eine spezifische jüdische Architektur, die eine bestimmte Stilausprägung hat, gibt es nicht. Vielmehr ist es so, dass es keine bestimmte Stilentwicklung gibt, die sich für jüdische Aufgaben besonders eignet. Es gibt wesentliche Beiträge jüdischer Architekten und jüdischer Bauherren an der Architektur, speziell in Wien. Vor allem das assimilierte Judentum hat vor der Ausrottung und Vertreibung diesbezüglich sehr viel geleistet. Im Übrigen ist jüdische Identität viel zu komplex, um sich einem Stil verpflichtet zu fühlen.

    Wie kommt es, dass man dennoch von jüdischer Architektur spricht?
    Weil es spezifische Bauaufgaben gibt, vor allem für den schulischen und den religiösen Bereich, zum Beispiel, eine Synagoge zu bauen. Da ist ein gewisses Ritual gefragt. Wie man weiß, sind Synagogen aus traditionellen und politischen Gründen kaum so angelegt, dass man sie von weitem sieht, meistens sind sie integriert in ein profanes Gebäude. Neuerdings, wie in München, werden sie aber auch anders errichtet, mit Präsenz. Das könnte man als neues Selbstbewusstsein bezeichnen. Natürlich hat es immer wieder Versuche gegeben, Bauaufgaben auf eine spezielle Art zu lösen, und man war versucht, zu sagen, dass ist jüdische Kultur, doch so eine Feststellung ist eigentlich immer zu eng.

    Können Sie Beispiele nennen?
    Die Bibliothek „Der Schrein des Buches“ von Frederick Kiesler (1957 – 1965) in Jerusalem oder neuerdings das Jüdische Museum in Berlin von Daniel Libeskind. In Wahrheit sind diese Architekturen bestimmte Spielarten der Moderne. Andererseits wurde gerade durch jüdische Architekten die Moderne immer wieder hinterfragt und nie so tierisch ernst genommen wie es zum Beispiel deutsche Architekten taten. Dies hat das spielerische Potenzial erhöht.

    Warum haben sie die Moderne hinterfragt?
    Wie kann man das erklären? Sie hatten ein anderes historisches Verständnis und waren zu skeptisch, um nicht zu wissen, dass die Moderne nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann und auch einmal historisch werden würde. Es war dieses andere, umfassendere Geschichtsbewusstsein, das einzelne Menschen in die Lage versetzte, die Moderne relativiert und kritisch zu betrachten.

    Gibt es solche Beispiele in Österreich?
    Die vergangenen 200 Jahre Architektur in Wien. Gerade in den zwanziger und dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts gab es hervorragende jüdische Architekten, die eine kritische, aber fruchtbare Einstellung zur Moderne entwickelt hatten. Ein wichtiger jüdischer Architekt aus Wien war Josef Frank, der als einziger Österreicher an der Werkbund-Siedlung in Stuttgart gebaut hat. Nachdem er 1932 die Wiener Werkbund-Siedlung gebaut hatte, musste er wegen des kommenden Nationalsozialismus nach Schweden emigrieren. Frank hat dort den schwedischen Wohnstil mitbegründet. Sein berühmter Zeitgenosse Adolf Loos hat die Moderne letztendlich aber auch kritisch gesehen. Josef Hoffmann war als Architekt stilistisch nahezu grenzenlos zielsicher, politisch jedoch naiv. Er hat offensichtlich gedacht, Architektur hätte mit Politik nichts zu tun, eine Position, die nicht zu halten ist.

    Bauen für jüdische Institutionen bedeutet auch Bauen an jüdischer Identität. Kann Architektur jüdische Identität stiften?
    Das ist klar und spielt eine Rolle. Gebäude haben in der Regel einen erheblichen Darstellungswert. Sie sind präsent im Raum und bewirken damit eine gewisse Identitätsbildung. Jedes bauliche Manifest ist wie ein Stempel, den man einem Ort aufdrückt. Die Frage ist, ob nur jüdische Architekten jüdische Einrichtungen bauen dürfen. Es spricht für die Toleranz und Offenheit der jüdischen Bevölkerung und jüdischer Bauherren, dass dem nicht so ist. Sonst hätte ich nicht bauen können. Ich bin nicht sicher, ob zum Beispiel katholische Institutionen ähnlich offen sind.

    Was war für Sie ausschlaggebend, jüdische Schulen in Wien zu bauen?
    Gab es eine Ausschreibung? Es war eine Direktvergabe, die nur über Vertrauen möglich war. So eine Bauaufgabe ist natürlich delikat. Die Neue Welt Schule in Wien wurde von Alexander Kahane finanziert und von Rabbi Bidermann betrieben, während Ronald S. Lauder die Augartenschule finanziert hat. Die Gespräche mit diesen Personen waren für mich wichtig und ausschlaggebend. Man braucht für solche Projekte erhebliches Einfühlungsvermögen, und das haben mir jüdische Bauherren ermöglicht zu entwickeln. Es gibt bestimmte Vorgaben ritueller und funktioneller Natur, die man lernen kann, wenn man mit Fachleuten darüber spricht. Die Grundtendenz im Lehrbetrieb ist, dass eine bestimmte Einstellung vermittelt wird, die zwischen einem aufgeklärten Pragmatismus und einer tiefen Religiosität zu liegen scheint.

    Verstehen Sie sich nun als Vertreter jüdischer Architektur?
    Auf keinen Fall. Ich übernehme Bauaufgaben, wenn ich den Eindruck habe, ich könnte dazu einen Beitrag leisten. Das war bei den beiden Schulen der Fall. Dazu kam eine Gewissheit, Österreich hätte an der jüdischen Bevölkerung etwas gutzumachen. Hinter der Augarten-Schule steht ein Geschützturm der ehemaligen Fliegerabwehr. Nach dem Krieg – man stelle sich das vor – hätte dieser umgebaut werden sollen zu einem Monument für Hitler, mit Marmor verkleidet, etc. Jetzt ist es für mich allerdings ein Monument gegen Hitler. Noch viel mehr durch die Tatsache, dass davor heute diese jüdische Schule steht, die erst das entscheidende Signal zur politischen Umkehr setzt.

    Gegen das Zustandekommen der jüdischen Schule im Augarten gab es Proteste von Anrainern. Wie geht man damit um?
    Es gab Unterschriften-Aktionen. Im Text stellte man die Frage „Sind Sie für eine jüdische Schule im Augarten?“ – Das war an der Grenze zum Antisemitismus. Diese Unterschriftenlisten wurden auch in Supermärkten verteilt. Die Stadt Wien war zum Glück politisch stark genug und hat das Vorhaben trotzdem durchgesetzt. Die Schule ist heute erfolgreich und selbstbewusst. Jetzt wird ein neues Stockwerk daraufgesetzt. Sie ist ein Gebäude, das man nicht übersehen kann. Noch dazu befindet sie sich an einem historischen Ort – in der Zwischenkriegszeit stand hier ein jüdisches Kinderheim.

    Margaretha Kopeinig

    Margaretha Kopeinig

    ist Leiterin des Ressorts Europa beim „Kurier“ und Buchautorin, zuletzt „Jean-Claude Juncker: Der Europäer“ (Czernin-Verlag) und „Das Kreisky-Prinzip. Im Mittelpunkt der Mensch“. 2008 erhielt sie den Claus Gatterer-Preis.
    Margaretha Kopeinig

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