Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Benny Fischer | Nr. 65 (03/2016) - Elul 5776
  • Helfen half uns allen

    Ein Jahr nach Bahnsteig eins: Von September 2015 bis Februar 2016, als tausende Flüchtlinge die Bahnhöfe passierten, stand ich als Arabisch-Übersetzerin am Wiener Westbahnhof. Nicht aus Altruismus, sondern als einzig wirksames Rezept, um gegen die eigene Wut und Ohnmacht anzukämpfen.
    VON SASKIA SCHWAIGER

     

    5. September 2015, Hauptbahnhof. Es war einer dieser heißen Spätsommertage, kurz bevor die Schule wieder losging. Ich kam mit dem Nachtzug von Split vom Urlaub zurück. Schon beim Aussteigen sah ich sie: hunderte Menschen, dicht gedrängt, schmutzig, in Flipflops, die meisten Frauen mit Kopftuch, die Kinder um sich geschart. Ich fuhr Richtung Wohnung zum Westbahnhof, wo am späten Nachmittag bereits an die tausend Flüchtlinge auf Züge Richtung Deutschland warteten. Am Bahnsteig erkannte ich in der Menge einen alten Freund, er hielt ein Megafon und schrie auf Arabisch: „Qitar ala Almania!“ (Zug nach Deutschland!). „Hallo, lange nicht gesehen, wie geht’s?“ Er lachte. „Gut! Hier kommen noch ungefähr hundert, du sprichst doch Arabisch, zeig ihnen, wo Bahnsteig acht ist.“ OK, rief ich durch die Menge. Aber was heißt eigentlich Bahnsteig?

    Tausende Fragen

    Arabisch habe ich auf Reisen und bei längeren Aufenthalten als Volontärin im Österreichischen Hospiz in Jerusalem gelernt. Später studierte ich Arabistik und Judaistik als Nebenfach. Meine erste große Reise führte mich 1989 nach Israel: Ich war 19, fuhr mit dem Zug nach Griechenland und nahm die Fähre von Athen nach Haifa, um Freunde zu besuchen. An Bord – es war kurz nach dem Zerfall der Sowjetunion – befanden sich unzählige russische Auswanderer, darunter alte Frauen mit Kopftuch, Männer mit Wollhauben und kleine Kinder. Sie hatten riesige Koffer, die sie mit Schals und Gürteln zusammengebunden hatten und keine Sekunde aus den Augen ließen. Sie deuteten der Buffetverkäuferin mit abgegriffenen einzelnen Dollarnoten (oder waren es Rubel?) auf die abgepackten Sandwiches in der Auslage. Sie sprachen ausschließlich Russisch.

    Daran musste ich denken, als ich die ersten Flüchtlingsfamilien am Westbahnhof sah: Männer und Frauen in Tüchern und Decken, abgekämpft und müde, die Habseligkeiten unter dem Arm oder in einem Plastiksack. An der Hand die Kinder. Auf uns Übersetzer prasselten tausende Fragen ein: Wo können wir Zugtickets kaufen? Wo sind wir hier? Werden wir hier registriert? Wie weit ist es nach Deutschland? Kann man da mit der U-Bahn hinfahren? Wieviel kostet das Taxi nach Deutschland? Wohin fahren diese Züge?

    Wir hatten selbst noch keine Antworten. Wir fragten die Polizisten. Auch keine Ahnung. Deutschland wahrscheinlich. Steigt ein, ihr fahrt nach Deutschland. Schnell, schnell, schnell. Hier fehlt noch eine Mama, ein Onkel, eine Oma, wir können nicht einsteigen, das Kind muss aufs Klo. Schreien, weinen. Mein Handy ist verloren gegangen, mein Bruder fehlt, und nein: wir wollen jetzt gar nichts essen, nichts trinken, wir wollen keine Decke und nein, wir wollen auf gar keinen Fall übernachten. Wir wollen nach Deutschland.

    Im September und Oktober war ich jeden Tag am Bahnhof, morgens zwei Stunden vor der Arbeit, dann nachmittags, manchmal abends noch zwei Stunden. Bahnsteig eins, das war der Bereich, in dem die Flüchtlinge sich tagsüber aufhielten, bis ein Sonderzug sie nach München, nach Passau, nach Salzburg oder nur nach Wels brachte. Rundherum entstand rasch eine vorläufige Infrastruktur: Essensausgabe, Kleiderdepot, Mobiltoiletten, die Erste- Hilfe-Station, ein Nachtquartier mit Feldbetten und Einwegdecken. Morgens, wenn die Halle aufgesperrt wurde, taumelten ein paar verschlafene Kinder durch die Gänge, die ÖBB-Mitarbeiter schickten sie zum Bahnsteig eins, wo sich in der Früh auch die ÜbersetzerInnen trafen, um zu erfahren, wann und wo die Sonderzüge wegfuhren. Nachts wurden die Übriggebliebenen mit Bussen in Notquartiere gebracht, die in den ersten Tagen im Stundentakt aus dem Boden gestampft worden waren.

    Leyla, die blonde Fahrschullehrerin aus Damaskus

    Für viele Flüchtlinge war der Westbahnhof die erste Station zum Durchatmen, nach Tagen ohne Schlaf und ohne Essen. Und oft die letzte Station vor dem ersehnten Ziel: Ich erinnere mich an Leyla, die blonde Fahrschullehrerin aus Damaskus, die mich ansprach, ob ich für sie in die Schweiz telefonieren könne, ihre Schwester und ihr Schwager lebten dort. Sie nannte einen Ort, den ich nicht kannte. Ihr Handy war heruntergefallen, das Display zerbrochen, sie fischte aus ihrem bunten türkischen Seesack ein zerknittertes Notizbuch und entschuldigte sich für ihr Aussehen. Ihre Hose war schmutzig, die langen Haare unfrisiert, die Schminke unter den Augen zerronnen. Sie hatte Blasen an den Füßen, die in seltsamen großen Herrenschuhen ohne Socken steckten. Ich tippte in mein Handy die Nummer aus ihrem Notizbuch. Ein freundlich klingender Mann meldete sich, der auf Schwyzerdütsch mit einem unverkennbar arabischen Akzent sprach. „Ja, klar“, sagte Ahmad. „Sie soll ruhig kommen, wir holen sie beim Bahnhof ab.“ Nebenan im Caritas-Kleiderlager entdeckten wir ein Paar Lederstiefel in Größe 37 und gewaschene Jeans. Auf der Bahnhofstoilette wusch sich Leyla Gesicht und Arme. Als sie sauber mit einem Becher Kaffee, einem Schokoriegel und dem Zugticket nach Bregenz am Bahnsteig stand, fiel sie mir plötzlich um den Hals und begann zu schluchzen. Ich umarmte sie lange und weinte ein bisschen mit ihr, dann stieg sie in den Zug. Am nächsten Tag fand ich eine Whatsapp- Nachricht vor, geschickt von einer Schweizer Nummer, mit drei roten Herzen darunter.

    Für uns HelferInnen war es eine besondere Zeit, schön und schrecklich zugleich; viele standen tagelang rund um die Uhr am Bahnhof. Viele trieb auch die Wut und das Gefühl der Ohnmacht gegenüber der Politik auf die Bahnhöfe: Die Bilder der toten Kinder an Griechenlands Stränden, die Untätigkeit der österreichischen Regierung im Sommer in Traiskirchen, die Bilder der Schlägertrupps in Ungarn… Helfen half dabei, die Wut zu kanalisieren. Auch für mich waren die Tage am Bahnhof und später das Teekochen im Tageszentrum, wo obdachlose Flüchtlinge unterkamen, wo es nach nassen Jacken und ungewaschenen Füßen roch, wie ein tägliches Ritual gegen Zorn und Hilflosigkeit. Wahrscheinlich ist das der wichtigste, wenn auch am wenigsten erwähnte, Aspekt der sogenannten – und mittlerweile in Verruf geratenen – Willkommenskultur.

    Zahra aus Aleppo

    Ich traf Zahra, ihr Bruder lebte in München, sie reiste mit Ehemann und zwei süßen Mädchen, sie kam aus Aleppo, wo es Bomben hagelte. Ich brachte Zahra ins Tageszentrum, es gab keine Züge mehr an diesem Nachmittag. Wir schoben zwei orange Plastiksessel zusammen und die Vierjährige rollte sich zusammen und schlief sofort ein. Zahra nahm Tee und Weißbrot, an diesem Tag gab es sogar Hummus, den ein türkischer Verein vorbeigebracht hatte. „Setz dich“, sagte sie zu mir, „tfaddali“, iss mit uns. Ich setzte mich. Zahra war 21 und die Chefin der Familie, das war offensichtlich. „Wollt ihr nicht im Notquartier übernachten? Gleich hier am Bahnhof?“ „Nein danke“, sagt Zahra, „wir schlafen hier in der Wartehalle, wir müssen den allerersten Zug nach München erreichen, wir können nicht bleiben.“ Wir verabredeten uns für sieben Uhr früh am nächsten Tag. Als wir uns wiedertrafen, lernte ich Eva kennen, die die Familie um 23 Uhr nachts zu sich nach Hause genommen hatte. Wir brachten Zahra gemeinsam zum Zug. In den Wochen danach schickte sie traurige Nachrichten aus verschiedenen Flüchtlingslagern in Deutschland. Mittlerweile bekomme ich Fotos, auf denen saubere Gärten mit Einfamilienhäusern zu sehen sind. Die Mädchen spielen in rosa Sommerkleidchen auf kurz geschnittenem Rasen. Ihre Nachrichten schreibt sie jetzt auf Deutsch.

    Der Afghane Mohammad

    Am Bahnsteig eins kam an einem Tag im Oktober auch der Afghane Mohammad auf mich zu, in seiner Hand ein Mobiltelefon, aus dem deutlich eine deutschsprechende Frau zu hören war, sie stellt sich als Astrid vor, eine Sozialhelferin in Schweden. Sie erklärte, dass die Familie ein fünfjähriges Kind in Malmö habe, das dringend auf eine lebensrettende Herzoperation warte, der kleine Bub, der mit anderen Verwandten vorgeschickt worden sei, weine jeden Tag nach seinen Eltern. Was tun? Anrufe bei der Botschaft, beim Ministerium. Es dauerte Wochen, bis klar wurde, dass die Familie legal nach Schweden reisen darf. Asylantrag, Dublin-Out-Verfahren. Die Familie brachte ich kurzerhand bei Freunden unter, die vorübergehend ihr Büro leerräumten. Immer wieder traf ich Mohammad, seine Frau und die beiden Kinder am Bahnhof. Mohammad saß meistens irgendwo stumm, schaute starr vor sich hin. Das elfjährige Mädchen stand mit wachen Augen dabei, und schon nach wenigen Tagen sagte sie auf Deutsch: „Danke vielmals“, oder sie sagte, „Bitte kannst du meinen Bruder halten?“ Dann verlor ich die Familie aus den Augen. Oft kam es zu jener Zeit vor, dass Flüchtlinge in immer wieder andere Transitquartiere quer durch Österreich überstellt wurden. Eines Nachts im Winter meldete sich Astrid am Telefon, um zu sagen, dass die Familie bei Schneetreiben am Flughafen Stockholm eingetroffen sei. Der Fünfjährige habe nicht geschlafen vor Aufregung, die Eltern nach einem halben Jahr wiederzusehen. Monate später schickte sie die Nachricht, dass der Bub erfolgreich am Herzen operiert worden war.

    Amany, eine Krankenschwester aus Damaskus

    Zweimal nahm ich Essensgäste mit nach Hause. Amany war dabei, eine Krankenschwester aus Damaskus. Wir saßen in der Küche und sie verschlang eine riesige Portion Risotto mit Mangold und Parmesan. „Weißt du“, sagt sie, „ich habe seit der Türkei nichts Richtiges mehr gegessen, nur ein bisschen Sandwich, das ist nicht gut für mich und das Baby.“ Sie lächelte und zeigte auf ihren Bauch. Mehrmals telefonierte sie an diesem Nachmittag mit ihrer Schwester in Paris. Sie hatte sich ein Ticket für den Nachtzug gekauft, aber kann man einfach so nach Frankreich reisen? Zuvor war ich mit ihr bei einer Bank auf der Mariahilfer Straße. Ihr gesamtes Geld und den Pass hatte sie noch von der Überfahrt auf dem Schlauchboot wasserdicht in einem OP-Handschuh verstaut und in einer Innentasche ihres T-Shirts versteckt. Es war ihr allerletztes Geld, das sie in dieses Ticket nach Paris investierte. Die Grenzen nach Deutschland waren zu diesem Zeitpunkt noch offen. Aber nach Frankreich? Im Dezember schickte sie mir eine Nachricht, dass ihre Tochter Maria heiße. Auf die Welt gekommen war sie in einem Flüchtlingslager in Frankreich. Unsere Kinder fragen immer wieder nach ihr, sie schauen sich die Fotos an, die wir von ihr und ihrem dicken Bauch gemacht haben.

    Ein Jahr später ist Normalbetrieb am Westbahnhof, das Kleiderlager und das Tageszentrum, das die Caritas dort betrieben hatte, sind seit Februar geschlossen. Einmal in der Woche gehe ich gemeinsam mit einem Farsi-Übersetzer in ein Notquartier, um mit den Kindern zu spielen oder mit den Müttern Deutsch zu lernen. Noch immer kommen Flüchtlinge, aber es geschieht weitgehend unbemerkt. Sie kommen schmutzig an von langen Fußmärschen, sie schlafen im Gebüsch und nehmen Schlepper in Anspruch, die sie in geschlossenen Lastwagen durch Europa karren. Und sie bleiben unerkannt in einer Großstadt wie Wien, die die Neuankömmlinge schluckt, bis sie sich unbemerkt weiterbewegen auf ihrer Reise durch Europa. Aber hier wie dort treffen Menschen auf Menschen.

    Saskia Schwaiger

    Saskia Schwaiger

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