Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Hoppala! | Nr. 02 (3/2000) - Elui 5760
  • Eindruecke einer Newcomerin

    „Was die uebrigen Kultusraete machen, ist mir nicht bekannt“ meinte ein Leser in der letzten Ausgabe von NU. Ich habe lange in den Statuten der IKG nachgeblaettert um herauszufinden, warum wir, die Kultusvorstaende der IKG, Versteck spielen muessen, waehrend einer von uns, naemlich der Praesident, aus allen erdenklichen Schlupfwinkeln heraus seinen Kopf in die Oeffentlichkeit steckt und auf unverantwortliche Art und Weise die uebrigen 23 Kultusvorstaende die Verantwortung fuer seine beruehmten Sprueche tragen laesst. Im Anschluss an Sitzungen beruhigt er uns dann immer wieder mit dem Argument „wer nichts macht, macht auch keine Fehler“ oder entschuldigt sich – seinem jeweiligen „Kavaliersdelikt“ entsprechend.
    Von Eteri Oneli

    Wie auch die anderen 23 Kultusvorstände wurde ich bei den letzten IKG -Wahlen 1998 in den Kultusrat gewählt. Schon vor der Wahl ist mir die ganze Situation sehr mysteriös und unkoscher vorgekommen. Die ganzen Packeleien zwischen verschiedenen Fraktionen, das unentwegte Tauziehen der „Mächtigen“, die unbedingt, um jeden Preis, an der Macht bleiben wollten.

    Nun, Schwamm drüber, gehört ja auch schon zur Vergangenheit. Kaum waren die Wahlen vorbei, boten uns, den „neuen“ Kultusvorständen, unsere „alten“ (Watikim)-Kollegen am Abend der Abende eine Oscar-reife Show: Die Wahl des Präsidenten der IKG. Wer dabei war, wird mir bestätigen, dass für die Wahlentscheidung nur eine einzige Stimme der 24 stimmberechtigten Kultusvorstände eine große Rolle gespielt hat. Nach zweimal unentschiedenem Ergebnis siegte der Präsident 11:13. Wem immer diese entscheidende Stimme gehörte, muss genau gewusst haben, was er tat, denn nichts geschieht in der IKG zufällig. Verdacht? Nein. Kein Verdacht, sondern eine Tatsache, eine der Ta tsachen, die in der IKG tagein tagaus geschehen. Je mehr ich mich mit der Situation in der IKG beschäftigte, umso mehr erstaunten mich die Vorgehensweisen und die Arbeitsmoral der Machtausübenden. Ihr Motto lautet: „Die Machtlosen demotivieren“. Wie ein Stolperstein im Weg der Macht we rden wir, die Machtlosen, hin- und hergeschubst, um uns zu zeigen, was für Nichtsnutze wir sind. Der Leser wird sich wahrscheinlich fragen, von welcher Macht und Machtlosigkeit hier die Rede ist. Die Macht in der IKG ist eigentlich auch keine andere als anderswo. Man nehme 24 Kultusvorstände, „teile und hersche“. Machtlos sind natürlich die, die, so wie ich, als Einmann/frau-Fraktion mit einem Mandat im Kultusrat vertreten sind, allein gegenÉ

    Eigentlich zu meinem Bedauern, weil ich bin der Meinung, dass gerade in Zeiten wie diesen unser Motto „einer für alle“ sein müsste. Mit großem Eifer, die Ärmel hochgekrempelt, begannen 1998 viele von uns trotz aller Missstände und „Vergangenheitsbewältigung“ (der „alten“ Kultusvorstände) unsere Arbeit. Soweit unser Können und unsere Erfahrung benötigt wurden, waren wir bereit, ehrenamtlich unseren Beitrag für die gemeinsame Sache zu leisten. Ich raste von einer Sitzung zur anderen, um nur ja nichts zu vers.umen. Für viele Beobachter war ich schon während der Wahlen ein Phänomen. Bei einer Fraktion, deren Mitglieder georgische bzw. asiatische Juden sind, sollte eigentlich eine Frau nichts zu sagen haben, geschweige denn auch noch die Vorsitzende einer solchen Fraktion sein, meinten einige Kultusvorstände, die angeblich Bescheid .ber unsere Mentalität wissen. Dazu kam noch die Erkenntnis, dass ich eine .beraus große Klappe h.tte. Äußerst gefährlich erschien es einigen, als ich im August 1998 einen Artikel in der „Gemeinde“ veröffentlichen wollte. Weil ich am 4. August 1998 als Protest gegen den Pr.sidenten die Plenarsitzung verlassen hatte, traf dieser mich am 5. August, zufällig, vor der „Gemeinde“- Redaktion und forderte vor mehreren Anwesenden die Redaktionschefin auf, meine Artikel in der „Gemeinde“ ab sofort ausschließlich zensuriert zu ver.ffentlichen. Um meinen guten Willen zu zeigen, ver.ffentlichte ich einen Artikel, der ausschlie§lich ein Kulturbericht .ber das Judentum in Georgien war. Seit diesem Vorfall habe ich die Insider-Seite der „Gemeinde“ nie wieder beansprucht.

    Kein Stein würde auf dem anderen bleiben, warnte der Ehrenpräsident, HR Paul Grosz würde er den Mund aufmachen. Vielleicht waren es diese Worte, die das Fass zum überlaufen brachten und meinen Geduldfaden reißen ließen. Was wissen die „alten“ Kultusvorstände, das die „neuen“ nie erfahren sollen? Werden all die Kündigungen des „alten“ Personals, die in den letzten zwei Jahren durchgeführt wurden, die Vergangenheit vertuschen? Was geschieht eigentlich in der Gegenwart, und um wieviel ist es anders als in der Vergangenheit? Wieviele Schulden bzw. Kredite sollen wir noch aufnehmen, sei es auch zu sehr günstigen Zinsen, von denen einige zwar profitieren, die aber das IKG – Budget mit roten Zahlen überschwemmen? Unlängst wurde ich von einem Kultusvorstand beruhigt, dass eigentlich nicht der gesamte Schuldenbetrag als Schuld anzu sehen sei, wenn wir u n se re Immobilien in die Waagschale legen. Immobilien. Warum auch nicht. Schließlich haben wir im Kultusrat den Profi in diesem Bereich.

    Bei vielen Sitzungen hat meiner eins übrigens das Gefühl in einem Immobilienbüro zu sitzen. Kaum ist ein Projekt „verdaut“, wird das nächste durchgesetzt. Wen schert’s, wenn einige dagegen stimmen. Die Stimmenmehrheit haben die Machthaber, und so eine unbedeutende Fraktion wie die meine soll dankbar sein, dass sie bei solch wichtigen Entscheidungen, wo es oft um Millionenbeträge geht, überhaupt dabei sein darf. Einige Kultusvorstände kichern amüsiert bei fast jeder Wortmeldung, die von mir kommt, was wohl darauf deuten soll, dass ich endlich begreifen möge, dass ich zu den Machtlosen gehöre und nichts, aber auch gar nichts, sich durch setzen wird, das meinen Vo rstellungen entspricht – es sei denn, dass es zufällig auch im Interesse der Machthaber ist. Die paar hundert russische Juden, oder, wie sie sich auch nennen, arbeitslose U-Boote, die in Wien leben – falls man das Leben nennen kann, sind doch, gut Wienerisch gesagt, „wurscht“. Die sind doch ohnehin für nichts qualifiziert, außer dafür im Ghetto am Mexikoplatz ihr täglich Brot zu ve rdienen. Die haben ja auch nichts anderes verdient, diese Schandflecken des Judentums. Die Leser sollen es mir nicht übel nehmen, falls ich Politik mit Emotionen vermische. Mancher Kultusvorstand soll keinen Aufstand machen, dass es für o.g. Artgenossen Institutionen wie Esra und JBBZ gibt, oder gar ein Sephardisches Zentrum. Aber was nützt das alles dem, der über zehn Jahre lang ohne Aufenthaltsgenehmigung in Österreich lebt? Vom Argument der „österreichischen politischen Lage heute“ wird mir langsam Übel.

    Tatsache ist, dass die IKG sich nie wirklich um die Frage der Integration gekümmert hat. Wen interessiert schon eine Sache, die keinen Profit bringt? „Wohin soll ma den die integrieren?“, sagte einmal ein Kultusvorstand ironisch. Bei so vielen negativen Aspekten will ich auch das Positive in Erinnerung rufen und keineswegs die “ Güte“ unseres Präsidenten vergessen. Als er auf billige Wohnungen für bedürftige IKG-Mitglieder angesprochen wurde, meinte er, sehr überzeugend, dass es vernünftiger sei, die Wohnungen teuer zu vermieten, um aus dem Erlös mehrere Bedürftige zu unterstützen. Sofern mir bekannt ist, fließen die Erlöse der teureren Mietwohnungen allerdings in die Tilgung der durch das Bauen entstandenen Bankschulden der IKG. Und es wird trotz aller Überschuldung weiter gebaut und umgebaut. Das nächste Bauprojekt, das voraussichtlich den Schuldenberg der IKG zu verdoppeln droht, winkt uns bereits: Praterstraße, Aspernbrückengasse, Ferdinandstraße. Vielleicht wäre es gar nicht so schlecht, wenn wir einen zeitgemäßen Protestslogan auch für unsere Kreise ins Leben rufen: „AUFWACHEN!“

    Ein bisschen Selbstkritik hat noch keinem geschadet. Es wäre wirklich höchste Zeit, den Kurs zu ändern, gerade wegen der heutigen politischen Situation in Österreich. Man kann nicht von anderen Recht fordern, wenn man selbst im Unrecht ist. Kritik schmeckt oft bitter, aber das ist kein Grund zu eskalieren: Bei einer Sitzung der Steuerschätzungskommission der IKG ging ein Mitglied derselben mit einer Flasche in der Hand auf mich los, weil ich deren Arbeitsmethoden mit jenen des KGB, die ich Gott sei Dank nur aus Büchern kenne, verglich. Dass die anderen auch nicht besser sind als wir, ist auch kein Argument und schon gar keine Entschuldigung. Auf uns schaut die Welt. Was den anderen schon zur Gewohnheit geworden ist, wird uns noch nachgetragen. Geldgier wird nur dann markant, wenn sie mit uns Juden in Zusammenhang gebracht wird. Bei keiner Religionsgemeinschaft werden in der Öffentlichkeit die Abweichungen Einzelner so verallgemeinert, wie es bei der jüdischen der Fall ist. Gerade deshalb sollte sich jeder von uns in Acht nehmen, um das nicht zu tun, was uns allen in der Gegenwart, sowie unseren Nachkommen in der Zukunft, zum Vorwurf gemacht werden.

    Da fällt mir gerade eine Meinung von einem Kultusvorstand ein, der sagte, dass Antisemitismus nicht von unserem Verhalten, sondern von Vorurteilen provoziert wird, dass es sogar keiner Juden bedürfe antisemitisch sein zu wollen. Aber, lieber Kollege, gerade da liegt der springende Punkt. Dort, wo es uns nicht gibt, gibt es die Mundpropaganda durch welche eine einzige Tat verallgemeinert wird. Gegen solche Täter in unseren Kreisen sollten wir, soweit es uns möglich ist, ankämpfen – wenn es uns auch sehr schwer fällt. Wegschauen oder „drei Affen-Verhalten“ befreit keinen von uns von Schuld. Jeder muss mit seinem Gewissen leben und fertig werden. Mein Appell an alle wäre, nicht gegeneinander, sondern miteinander für jede gute und vernünftige Sache, im Dienste aller IKG-Mitglieder sowie des Judentums in der ganzen Welt, zum Wohle aller Menschen gerade zu stehen.

    In diesem Sinne an alle ein friedliches „Schalom“!

    Eteri Oneli

    Kultusvorsteherin und Vorsitzende der „Georgisch-sephardischen Liste“

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