Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Juden verstecken war auch Widerstand | Nr. 28 (2/2007) - Tamus 5767
  • Die stillen Helden

    Das Museum „Blindes Vertrauen“ in Berlin erzählt die Geschichte Otto Weidts und Inge Deutschkrons. Die Basis dafür wurde von Studenten gelegt.
    Von Hanna Ronzheimer

    Studenten vom Fachbereich Museumskunde der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft Berlin waren es, die im Rahmen ihres Abschlussprojektes die Ausstellung „Blindes Vertrauen“ in den alten Räumlichkeiten der Blindenwerkstatt abhielten und dazu die Zeitzeugin Inge Deutschkron einluden.

    Entstanden ist daraus das „Museum Otto Weidt“, dessen erweiterte Dauerausstellung 2006 wiedereröffnet wurde. Es stellt eine Erinnerung an die hier stattgefundenen, nicht immer geglückten Rettungsversuche, an Opfer und Helfer dar. Auf Initiative von Michael Naumann, damals Beauftragter der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und Medien, übernahm im Jahr 1999 der Bund die Verantwortung, weitere Förderer sind die Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Berlin und die Europäischen Fonds für regionale Entwicklung. Die inhaltliche und organisatorische Vorbereitung übernimmt seit 2005 die „Gedenkstätte Deutscher Widerstand“, die als rahmenübergreifende Institution die Gedenkstätte „Stille Helden“ plant.

    Nicht weit von der Werkstatt Otto Weidts, in der Stauffenbergstraße, dem ebenfalls historisch besetzten Ort des Umsturzversuches vom 20. Juli 1944, werden hier ab 2008 die Geschichten sogenannter stiller Helden aus ganz Deutschland erzählt. Verfolgung und Zwangslage, aber auch das Handeln und die Motive der Helfer werden anhand von Berichten, Fotos und Dokumenten sowie mündlichen Erinnerungen von Nachfahren in Bild und Ton dargestellt. Die Leiterinnen Dr. Beate Kosmala und Barbara Schieb wenden sich als Sammlerinnen dieser (Über-)Lebensgeschichten direkt an die Bevölkerung. Inhaltlich unterstützt werden sie vom Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin, das 1997–2002 unter der Leitung von Wolfgang Benz ein Forschungsprojekt zur „Rettung von Juden im nationalsozialistischen Deutschland 1933–1945“ durchführte.

    Als hilfreich erwiesen sich auch die Personenakten der bundesweit einmaligen Ehrungsinitiative des Innensenators Joachim Lippschitz von 1956 bis 1963, mit der 738 Westberliner Helfer gewürdigt wurden, unter ihnen auch Else Weidt, die die posthume Ehrung für ihren Mann entgegennahm.

    Schätzungsweise 10.000 bis 12.000 untergetauchte Menschen gab es im gesamten Deutschen Reich. Bei zirka 7.000 „U-Booten“ in Berlin kann man dort von über 30.000 Helfern ausgehen: Pro versteckter Person war ein Netzwerk von etwa sieben Helfern notwendig. Wer half, musste mit strenger Bestrafung rechnen, mancher riskierte sein Leben.

    Auch unter den Bedingungen der NS- Diktatur gab es Handlungsspielräume und Entscheidungsmöglichkeiten, die zwar riskant waren, aber nicht von vornherein todesbereiten Widerstand verlangten. Dies in der Öffentlichkeit zu thematisieren, scheint erst in den letzten zehn Jahren wirklich möglich

    geworden zu sein. Für die Mehrheitsgesell-schaft in Nachkriegsdeutschland war es „ganz schwierig, Menschen zu akzeptieren, die in der Nazizeit etwas getan haben, die also etwas anderes als sie selbst getan haben, nämlich mitzumachen“, so Barbara Schieb im Gespräch mit Deutschlandradio. Erst jetzt beginnt man generationenbedingt einen weniger belasteten Zugang zu finden.

    Otto Weidt und sein Helferkreis gehörten der Minderheit an, die sich nicht in die Triade aktiver Zustimmung, Zurückhaltung und kritischer Distanz einfügte. Es waren Menschen aus allen sozialen Schichten und mit unterschiedlichsten Motiven, großteils Frauen, die meistens zuvor um Hilfe gebeten wurden. Als Helden wollten sich die wenigsten stilisiert sehen, weshalb auch der von den Opfern aufgebrachte Begriff der „Stillen Helden“ zur Diskussion herausfordert. Widerlegt wird aber auch das Bild, alle Helfer seien Engel gewesen. Auch problematische Seiten bei Hilfeleistungen werden thematisiert. Selten, aber doch, war Hilfe nicht gratis, auch sexuelle „Bezahlung“ wurde gefordert.

    Oft waren es die Überlebenden, die den oft schon verstorbenen Helfern öffentlich danken wollten. So auch im Fall von Otto Weidt, der auf Inge Deutschkrons Initiative 1971 posthum als „Gerechter unter den Völkern“ von Yad Vashem ausgezeichnet wurde. Im Januar 2007 ehrte Yad Vashem 443 deutsche „Gerechte“.

    Hanna Ronzheimer

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