Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: 
  • SCHLAGWöRTer: ,
  • ausgabe:  Carl Djerassi | Nr. 37 (3/2009) - Tischri 5770
  • Das ist nicht haltbar

    Der EU-Sonderbeauftragte für Bosnien, Valentin Inzko, erzählt vom jüdischen Leben in Sarajevo und erklärt, warum die Juden neben Bosniern, Serben und Kroaten bald als vierte Nation anerkannt werden sollten.
    Von Margaretha Kopeinig

    NU: Wie ist das jüdische Leben in einer Stadt, in der 85 Prozent der Bewohner Muslime sind?

    Valentin Inzko: Das Leben der jüdischen Gemeinde ist – gemessen an den erwähnten Prozentsätzen – erstaunlich vielfältig und reichhaltig. Die Gemeinde ist zahlenmäßig wirklich klein geworden, aber der Stadt gibt diese Zahl noch immer eine ganz bestimmte Prägung. Erst kürzlich, als mein Kollege Andreas Wiedenhoff heiratete und ich ihm ein Hochzeitsgeschenk mitbrachte, ein Werk eines Kupferschmieds der 10. Generation, des Hadschija Jabucar, waren auf dem prächtigen Kupferwerk Symbole der vier Religionsgemeinschaften Sarajevos abgebildet: eine Moschee, eine orthodoxe Kirche, die katholische Kathedrale und die jüdische Synagoge. Der Kupferschmied ist Moslem, ein Pilger (Hadschia), der aber sehr stolz auf die Anwesenheit der jüdischen Gemeinde in Sarajevo ist.

    Wie ist der Alltag? Nimmt man Notiz vom Leben der jüdischen Community?
    Vor dem Sabbat versammelt sich die ganze Gemeinde regelmäßig. Aschkenasim und die viel älteren Sephardim, kürzlich feierten sie ihr Pessach-Fest, sie verfügen über eine lebhafte verlegerische Tätigkeit und sind in der Stadt sehr stark präsent. Erfreulicherweise irgendwie überproportional. So war es auch während des Krieges, als die jüdische Wohltätigkeitsorganisation „La Benevolencia“, die noch in der Monarchie gegründet wurde, mit Medikamenten Moslems, Kroaten und Serben half, unabhängig von der Glaubenszugehörigkeit. Als Vermittler und als nicht Krieg führender Bevölkerungsteil durfte die jüdische Gemeinde nämlich Arzneien und Medikamente relativ ungehindert in die belagerte Stadt einführen.

    In Belgrad und Zagreb hat die jüdische Gemeinde Polizeischutz, in Sarajevo nicht. Ist Sarajevo so sicher?
    Die Bevölkerung von Sarajevo kann sich ein Leben ohne die jüdische Gemeinde gar nicht vorstellen. Die Juden sind ein fester Bestandteil ihrer Stadt, ihrer Identität, ihrer Vergangenheit und Gegenwart. Die Gemeinde ist willkommen und so erübrigt sich die Frage nach einem Polizeischutz. Die mehrheitlich moslemische Bevölkerung schützt die jüdische Gemeinde mit ihrer positiven Einstellung.

    Welchen Stellenwert hat die jüdische Gemeinde heute?
    Auf der ganzen Welt gibt es nur vier Exemplare des berühmten jüdischen Gebetsbuches „Haggadah“. In Washington in der Library of Congress, in Jerusalem, in Barcelona und in Sarajevo. Schon während des Zweiten Weltkriegs wollte sich ein deutscher Offizier dieser Rarität bemächtigen, aber ein kroatischer Direktor und ein Moslem haben das Buch gerettet. Während des Bosnienkriegs, in den Jahren 1992 bis 1995, galt auch die Überzeugung, dass Bosnien so lange bestehen, existieren werde, so lange es die „Haggadah“ in Sarajevo geben werde. Deshalb wurde sie von den Moslems (!) in einem Safe verwahrt, unterirdisch, in einer Bank und nur ganz ganz wenige hatten Zutritt zu diesem heiligen Buch. Daraus ist der Stellenwert der „Haggadah“ aber auch der jüdischen Gemeinde für Sarajevo ersichtlich. Ohne jüdische Gemeinde wäre Sarajevo nicht mehr das Sarajevo, das wir heute kennen und schätzen.

    Es gibt Klagen von Juden, wonach sie mit dem Friedensabkommen von Dayton nicht einverstanden sind, weil es nur die sogenannten konstitutiven Nationen – Bosniaken, Serben und Kroaten – als staatstragende Nationen anerkennt. Ist das ein Verstoß gegen internationales Recht?
    Das ist nicht haltbar, das ist ein deutlicher Verfassungsbruch, das kann in Hinkunft nicht mehr toleriert werden.

    Beim Europäischen Gerichtshof in Straßburg hat ein Sarajever Jude deswegen eine Klage eingereicht. Die jüdische Gemeinde macht sich damit zum Motor einer Verfassungsdebatte, die politisch hoch brisant ist.
    Ich bin der jüdischen Gemeinde, ich bin dem Vorsteher der Gemeinde, Botschafter Jakob Finci, sehr dankbar für diese Initiative, die ja auch anderen Minderheiten helfen wird, gleichgestellt zu werden. Aber auch Personen aus sogenannten gemischten Ehen. Ein Sohn eines Bosniaken und einer Kroatin oder Serbin kann ebenfalls für gewisse Ämter nicht kandidieren, falls er sich nicht für ein konstitutives Volk entscheidet. Also müsste er sich gegen den Vater oder gegen die Mutter entscheiden. Viele, sehr viele wollen das nicht und deklarieren sich als „Bosnier“ (nicht als Bosniaken) und können somit für gewisse Ämter nicht kandidieren. Wieder einmal spielt also die kleine jüdische Gemeinde eine Vorreiterrolle, von der viele profitieren werden, denn Finci wird beim Europäischen Gerichtshof sicherlich gewinnen. Das ist ein schönes Beispiel, wie die aktive jüdische Gemeinde ihre Rolle sieht und versteht.

    VALENTIN INZKO
    Der österreichische Spitzendiplomat Valentin Inzko (59) lebt und arbeitet in Sarajevo. Er ist seit März 2009 der Hohe Repräsentant der internationalen Staatengemeinschaft für Bosnien- Herzegowina. Über diese Funktion hat der UN-Sicherheitsrat entschieden.

    Für Österreich ist das ein Top-Job und eine Aufwertung als Player am Balkan. Inzko hat sich für diese Funktion gegenüber Bewerbern aus mächtigen EU-Staaten, wie Großbritannien, durchgesetzt. International anerkannt ist er wegen seiner historischen und politischen Kenntnisse der Region, wegen seiner Sensibilität für Konflikte in diesem Teil Europas und wegen seiner sprachlichen Kompetenz: Er beherrscht nicht nur sämtliche slawische Sprachen, sondern auch Dialekte.

    So kann er sich mit jeder, mit jedem in jedem Dorf des Balkans unterhalten. Sarajevo ist für Inzko so etwas wie eine Heimkehr. Er war nach dem Ende des Krieges von 1996 bis 1999 der erste österreichische Botschaft in Sarajevo. Valentin Inzko ist Kärntner Slowene – zu dieser Herkunft steht er auch. So hat er im Wahlkampf 2006 als österreichischer Botschafter in Slowenien auf den Slogan „Kärnten wird einsprachig“ des damaligen Landeshauptmannes Jörg Haider (BZÖ) reagiert. In einem offenen Brief in der Kleinen Zeitung hat er sich gegen die Aussage verwahrt und Haider das Du-Wort entzogen.

    „Herr Landeshauptmann, Sie haben einen Tabubruch begangen und eine unsichtbare Grenze überschritten. Selbst die größten Gegner der Volksgruppe haben in letzter Zeit diese Grenze respektiert, denn auch diesen war immer bewusst, dass Kärnten seit jeher die Heimat zweier Sprachen und Kulturen war“, schrieb Inzko. Der vielsprachige Diplomat nimmt sich kein Blatt vor den Mund: „Es gibt Tage, an denen ich mich als begeisterter Österreicher schäme, als Kärntner Slowene erniedrigt fühle und als Jurist fassungslos bin“, gestand er wenigen Jahren in einem Interview. Inzko ist mit der international bekannten Mezzosopranistin Bernarda Fink verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

    Margaretha Kopeinig

    Margaretha Kopeinig

    ist Leiterin des Ressorts Europa beim „Kurier“ und Buchautorin, zuletzt „Jean-Claude Juncker: Der Europäer“ (Czernin-Verlag) und „Das Kreisky-Prinzip. Im Mittelpunkt der Mensch“. 2008 erhielt sie den Claus Gatterer-Preis.
    Margaretha Kopeinig

    Neueste Artikel von Margaretha Kopeinig (alle ansehen)