Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Rezension
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  • ausgabe:  Christian Rainer | Nr. 66 (04/2016) - Kislev 5777
  • Zwischen Liebe, Bangen und Hoffnung

    Briefe aus einer versinkenden Welt ist ein Buch, das das Leben geschrieben hat – ein Leben zwischen Liebe, Bangen und Hoffnung. Es besteht aus Briefen, sehr persönlichen Briefen, die auf berührende Weise Einblicke in Trennung, Emigration und den langen Weg nach Übersee geben.
    VON BRIGITTE KRIZSANITS

    Eines gleich vorweg: Dieses Buch wurde nicht als Buch geschrieben. Das „Manuskript“ besteht aus losen Seiten; Briefen, die nicht für ein breites Publikum gedacht waren, sondern nur für zwei Menschen, die darin ihr Schicksal teilten. Die Korrespondenz gelangte letztendlich doch an die Öffentlichkeit, vielleicht war das auch ihre Mission.

    Rund 400 Briefe in nicht einmal einem Jahr schrieben sich der aus Wien erst nach Mailand und dann nach Zürich geflohene Arzt Ludwig Popper und seine Frau Friederike zwischen August 1938 und Juli 1939. Die Korrespondenz ist bis heute erhalten geblieben – obwohl der Familie die Emigration nach Übersee gelang, von wo sie im November 1947 wieder zurückkehrte. Die Briefe, gegenseitige Stütze in schweren Stunden, waren dabei so wichtig, dass sie stets im Gepäck blieben. Lutz Elija Popper, der Sohn des Paares, hat diese Korrespondenz bereits 2008 in Buchform veröffentlicht. Im Herbst 2016 erschien die zweite, überarbeitete Auflage. Und schon das Vorwort zeigt, wie persönlich das Buch angelegt ist: Es richtet sich an „meine über alles geliebten Enkel“, aber auch an „alle Söhne, Töchter und Enkelkinder dieser Welt“ und soll ihnen, anhand der eigenen Geschichte, eine lebendige Darstellung der Zeit der Flucht seiner Eltern aus Wien geben.

    Emigration und Alltag

    Der Vater des Herausgebers, Ludwig „Lutz“ Popper, hatte in Wien Medizin studiert und 1936 seine Ausbildung im Allgemeinen Krankenhaus abgeschlossen. 1938 wurde er aufgrund „nichtarischer Abstammung“ entlassen und floh in die Schweiz, wo er vorerst bei einem befreundeten Arzt unterkam und in einer Klinik arbeiten konnte. Seine Frau Friederike, „Friedl“, eine Krankenschwester, blieb mit den zwei Kindern – einem Säugling und einem Einjährigen – in Wien zurück. Sie bewältigte den Alltag als Familienerhalterin, erledigte für ihren Mann Behördengänge und kümmerte sich dazu auch noch um die Kinder wie auch um den Schwiegervater.

    Jeden Tag einen Brief

    Fast täglich schrieb sich das Paar einen Brief, tauschte sich über das Geschehen im persönlichen Umfeld, aber auch über politische Vorgänge aus. Themen, die sonst am Küchentisch besprochen wurden, wurden so zu Papier gebracht – die Sudetenkrise, Ärger über den Amtsschimmel, aber auch die Diskussion über die Zulassung von Chiropraktikern in der Schweiz waren unter anderem Teil der Korrespondenz und geben so auch Einblicke in die allgemeine Situation der Jahre 1938/39. Der Autor des Buches und Sohn des Paares greift immer wieder erklärend ein, erläutert familiäre wie auch politische Zusammenhänge und schafft es so, aus den einzelnen Briefen eine Geschichte entstehen zu lassen, in deren Zentrum die Hoffnung und die Bemühungen, nach Amerika zu gelangen, stehen. Diese Geschichte ist aber vor allem auch geprägt von der starken Zuneigung ihrer Schreiber zueinander, eine starke Liebe, an der der Leser teilhaben darf – was manchmal vielleicht sogar ein wenig beschämt, so sehr mit dem fremden Schicksal mitzuleiden.

    Der Traum von Amerika erfüllt sich letztendlich nicht. Dennoch bekommt die Familie die Möglichkeit, in Bolivien für die nächsten acht Jahre ein gemeinsames Leben zu führen. Die Korrespondenz endet mit der Abreise aus Europa – und erst hier ist es möglich, die Lektüre wieder aus der Hand zu legen. Denn Briefe aus einer versinkenden Welt ist eines jener Bücher, bei denen man nicht aufhören kann, bevor man sie nicht zu Ende gelesen hat.

    Lutz Elija Popper
    Briefe aus einer versinkenden Welt
    edition lex liszt 12, 2. Auflage 2016
    492 Seiten, EUR 25,00

    Brigitte Krizsanits

    Brigitte Krizsanits

    studierte Germanistik und Geschichte an der Universität Wien und war anschließend in Wien und Prag in der Erwachsenenbildung tätig. Seit 2010 ist sie freie Journalistin und publizierte unter anderem die Bildbände Das Leithagebirge. Grenze und Verbindung und Eisenstadt.
    Brigitte Krizsanits

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