Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Dajgezzen und Chochmezzen
  • SCHLAGWöRTer: 
  • ausgabe:  Erwin Steinhauer | Nr. 67 (01/2017) – Adar/Nissan 5777
  • Zwischen Alaba-Allee und Wurstplatz

    Rainer Nowak und Peter Menasse haben sich im InterCont getroffen, um über Platzbenennungen, Politikermode und ihre eigene Fernseh-Tauglichkeit zu reden.

    Nowak: Wir wollten uns in meiner neuen Lieblingskantine, dem IKI am Erste Bank Campus, treffen. Jetzt sitze ich mit dir unter lauter alten Leuten im InterCont an der Bar. Was ist los mit dir, warum hast du mich hierher bestellt? Hast du zu viel von der 60er-Serie Mad Men gesehen?

    Menasse: So heißen wir ja. Dass hier so viele alte Leute sitzen, entspringt der statistischen Logik. In Wien gibt es mehr alte als junge Leute. Daher haben wir Alte ja auch die meisten Wählerstimmen und bestimmen ganze Regierungen. Und außerdem ist das InterCont einfach echtes Stadtkulturerbe.

    Nowak: Ich dachte, es wird endlich abgerissen, damit dein Eislaufverein endlich richtig zur Geltung kommt.

    Menasse: Der Eislaufverein wird heuer 150 Jahre alt. Mehr Geltung geht gar nicht. Übrigens, jetzt will man den Heldenplatz umbenennen auf Platz der Republik, Platz der Demokratie oder so ähnlich. Das finde ich ziemlich fad, noch dazu, wo alle internationalen Anzeichen dafür sprechen, dass die Demokratie auf der ganzen Welt abgeschafft wird.

    Nowak: Das mit dem Heldenplatz ist eine wirklich absurde Diskussion. Die sogenannten Helden stammen aus der Monarchie. Nur weil der Braunauer Parvenu und Massenmörder sich dort feiern ließ, darf man die frühere Geschichte nicht verschwinden lassen. Da müsste man ja auch München und Berlin umbenennen. Außerdem argumentiert Thomas Drozda unlogisch: Wenn er schon ein entsprechendes Zeichen setzen will, müsste er fordern, ihn Anti-Hitler-Platz zu nennen.

    Menasse: Du nimmst das Leben heute aber ernst. Ich meinte ja nur, dass es bessere Namen gäbe. Zum Beispiel Alaba-Allee oder Marcel-Hirscher-Platz. Das würde die österreichische Identität viel besser treffen.

    Nowak: Als Zeichen der Verbundenheit mit unserer großartigen Regierung und dem jeweiligen Messias, vulgo Regierungschef, könnte man ihn jede Legislaturperiode neu benennen: Jetzt Kern-Platz, dann vielleicht Kurz-Platz.

    Menasse: Billige Namenswitze von dir. Ich bin enttäuscht.

    Nowak: Einer geht noch: Wir benennen ihn zu Ehren Conchitas um. Was könnte typischer für Wien sein als Wurstplatz?

    Menasse: Wenn schon nach Legislaturperioden, dann doch nach der Parteifarbe des Regierungschefs. Wir hätten dann endlich auch einen Roten Platz.

    Nowak: Und dort steht dann ein schwarzer Block?

    Menasse: Ja, du hast recht. Keine gute Idee. Schließlich könnte es sonst ja bald heißen blau-schwarzer Platz oder aber rot-grün-pinker Platz.

    Nowak: Deine Fantasie ist schon sehr ausschweifend. Wobei Kern ein Regenbogen- Platz sicher gefallen würde. Mit vielen Bäumen, die Matthias Strolz umarmen kann, und einem dem Speakers Corner nachempfundenen Foto-Corner für den Kanzler. Und für die Grünen …

    Menasse: … reichen ein paar Fahrradständer.

    Nowak: Und schöne große Aschenbecher für den Präsidenten.

    Menasse: Es tauchen in letzter Zeit weltweit immer mehr Populisten auf. Welcher ist denn dein Liebling aus dieser Liste des Schreckens?

    Nowak: Jörg Haider, der lebt nicht mehr. Und deiner?

    Menasse: Bei mir führt Kim Jong-un. Der trägt die schönsten Pyjamas.

    Nowak: Ha! Du willst ernsthaft über Populismus und Mode mit mir diskutieren. Dann sind wir aber gleich bei deinen schicken Salonsozialisten, Kern, Trudeau, Macron. Das sind die neuen Slimfit-Sozialdemokraten, die keine Kleidergröße zu viel haben.

    Menasse: Irgendetwas muss ja die Sozialdemokraten und die Konservativen voneinander unterscheiden. Die einen haben zu wenig, wovon die anderen zu viel haben, zumindest beim Körpergewicht. In ihrer Politik ist ja nicht viel Unterschied zu erkennen.

    Nowak: Da tust du Sebastian Kurz aber unrecht, oder auch Frau Sophie Karmasin.

    Menasse: Du hast ja auch die Gewichtigkeit von Minister Doskozil nicht genannt. Übrigens, hast du gehört? – Der ORF hat sich die Ausstrahlungsrechte für den Villacher Fasching bis 2022 gesichert. Ich nehme an, das freut dich sehr.

    Nowak: Du meinst, ich soll mich freuen, wenn der ORF noch mehr Geld ausgibt, das er nicht hat. So zynisch wie du bin ich nicht. Außerdem bist du nur neidig, dass Dajgezzen keinen ORF-Sendeplatz bekommen hat.

    Menasse: Wir waren doch ohnehin in einem Massenmedium präsent. Was glaubst du, wie viele Menschen unser Dajgezzen auf Okto gesehen haben.

    Nowak: Ich weiß es: du und deine Frau. Meine hat verweigert.

    Menasse: Das liegt möglicherweise an dir und nicht am Sender.

    Nowak: Dünnes Eis, Menasse. Uns ist doch auch heute eine ziemliche Meisterleistung gelungen. Wir wollten lustig sein und haben dennoch kein einziges Mal seinen Namen verwendet.

    Menasse: Trump, Trump, Trump.

     

    * Dajgezzen: sich auf hohem Niveau Sorgen machen; chochmezzen: alles so verkomplizieren, dass niemand – einschließlich seiner selbst – sich mehr auskennt.

     

    Peter Menasse
    Der NU-Chefredakteur ist selbstständiger Kommunikationsberater und Publizist. Er lebt in Wien und im Burgenland.
    Peter Menasse

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    Rainer Nowak

    Chefredakteur at Die Presse
    Der Herausgeber und Chefredakteur der Tageszeitung Die Presse ist ständiger NU-Mitarbeiter.
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