Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Schach, Serie
  • SCHLAGWöRTer: 
  • ausgabe:  Anja Salomonowitz | Nr. 49 (3/2012) - Elul 5772 / Tischri 5773
  • Zug um Zug zum Schachboom

    Als Boris Gelfand im WM-Finale spielte, schaute sogar Premierminister Netanjahu zu. Der Schachmeister ist dafür verantwortlich, dass Israel Schach als jüdischen Sport entdeckt.
    Von Anatol Vitouch

    Es gab Zeiten, da freute der Schachprofi Boris Gelfand sich nicht besonders auf Pressekonferenzen in seiner Wahlheimat Israel. Früher oder später, so wusste er aus Erfahrung, würde ein Journalist aufzeigen, um die unvermeidliche Frage zu stellen: „Herr Gelfand, und was machen Sie eigentlich beruflich?“

    Dass es im Spitzenschach heutzutage ebensowenig Amateure gibt wie im Hochleistungssegment der meisten anderen Sportarten; dass mehrstündiges tägliches Training für Schachgroßmeister genauso zum Alltag gehört wie für Fußballoder Tennisprofis; und dass die bei Turnieren eingespielten Preisgelder, auch wenn sie vergleichsweise bescheiden ausfallen, für die Besten des Spiels durchaus zum Überleben reichen – all das gehörte in Israel bis vor kurzem nicht unbedingt zum Allgemeinwissen.

    Im Mai dieses Jahres hat sich das mit einem Schlag geändert. Dafür ist ein Ereignis verantwortlich, das schon oft die Kraft hatte, Menschen für das Schachspiel zu begeistern, die es vorher eher mit Pensionistentreffs in Verbindung brachten: der Kampf um die Schachweltmeisterschaft.

    Als etwa 1972 der Russe Boris Spasski und der US-Amerikaner Bobby Fischer den Kalten Krieg symbolisch auf einem Schachbrett in Reykjavík austrugen, heuerte plötzlich jede Provinzpostille einen Schachmeister an, der die Partien für die eigene Leserschaft aufbereiten sollte.

    Dass der diesjährige, in der Moskauer Tretjakow-Galerie ausgetragene WM-Kampf zumindest einige Millionen Inder faszinieren würde, war vorherzusehen, weil von den vorherigen Titelverteidigungen des amtierenden Weltmeisters Viswanathan Anand bekannt.

    Dass aber ganz Israel einen beispiellosen Schach-Boom erleben würde, war nicht unbedingt zu erwarten. Der 1968 in Minsk geborene WM-Herausforderer Boris Abramovich Gelfand, der 1998 nach Israel emigriert war, hätte angesichts seiner eingangs erwähnten Erfahrungen wahrscheinlich am wenigsten damit gerechnet. Und doch war er es, der dieses ungeahnte Interesse bis hinauf zur Spitze des Staates auslöste. Premierminister Netanjahu ließ sich täglich über den Spielstand informieren und verfolgte einige Partien sogar live im Internet. Das israelische Fernsehen hievte einen Bericht über die Ausweitung des „Schach in die Schulen“-Programmes in die Prime-Time-News. Und in einer der populärsten Comedy-Shows im israelischen TV, Eretz Nehederet, wurde eine Gelfand-Parodie zum großen Hit.

    Selbst die Tatsache, dass Gelfand den Wettkampf schließlich in den Entscheidungspartien mit verkürzter Bedenkzeit verlor, nachdem er das Match zuvor 6:6 unentschieden gehalten hatte, konnte der Begeisterung keinen Abbruch tun.

    Bei seiner Ankunft am Ben-Gurion- Flughafen wurde der denkbar knapp unterlegene Herausforderer von einer jubelnden Menschenmenge mit „Bo-ris! Bo-ris!“-Sprechchören wie ein Nationalheld empfangen. Einige Tage später luden dann der Premierminister und die Sportministerin Gelfand zu einem Treffen ein, bei dem die Ministerin überraschend versprach, eine Million Schekel an Förderung für das israelische Schach zur Verfügung zu stellen.

    Tatsächlich war Boris Gelfand der erste israelische Staatsbürger, der an einem Zweikampf um die Schachweltmeisterschaft teilnahm. Mitnichten war er jedoch der erste Jude, der um die Schach-Krone kämpfte.

    Ganz im Gegenteil: Nicht weniger als sechs (!) der fünfzehn Weltmeister, aus denen die 1886 mit dem Juden Wilhelm Steinitz begonnene Ahnenreihe der Schachchampions besteht, waren jüdischer Herkunft. Hinzu kommen noch mehrere jüdische WM-Herausforderer, die wie Gelfand an der letzten Hürde scheiterten, sowie unzählige jüdische Großmeister des Spiels.

    Vor diesem beeindruckenden Hintergrund überrascht es etwas, dass es erst des aktuellen WM-Kampfes bedurfte, um Schach in Israel von seinem Mauerblümchendasein zu befreien. Immerhin dürfte es kaum eine intellektuelle Disziplin geben, in der der Anteil an Juden unter den besten Köpfen größer ist als im Schachspiel. Boris Gelfand ist der wohl nur vorläufig letzte Erbe einer langen Tradition.

    Natürlich gab es auch Zeiten, in denen der jüdische Beitrag zur Schachgeschichte vergessen gemacht werden sollte. Als die Nazis mithilfe des damals amtierenden Weltmeisters Alexander Aljechin (der später angab, dazu gezwungen worden zu sein) den Versuch unternahmen, eine „arische“ Schachgeschichte zu verbreiten, erreichte das Vorhaben allerdings schnell die Grenze zur Absurdität.

    Die solchermaßen „bereinigte“ Geschichte des Spiels wies nämlich so viele offensichtliche und daher peinliche Lücken auf, dass sie von niemandem ernst genommen wurde.

    Schon in den Zwanzigerjahren hatte der Wiener Schachpublizist Franz Gutmayer eine antisemitische Theorie des Schachs entwickelt, die ein anschauliches Beispiel dafür bietet, wie das Spiel zu allen Zeiten Projektionsfläche für gesellschaftliche Konflikte und Spiegelbild kultureller Transformationen war.

    Gutmayer phantasierte in seinen Schriften vom „feigen“ Spiel der „Schachjuden“, die nur auf die Anhäufung kleiner Vorteile aus seien. Diesem Bild stellte er die Vision einer „kühn-kräftigen Rasse von Übermachtsspielern“ entgegen, die in mutigem Opferstil die feindlichen Bastionen erstürmen sollten.

    Gutmayer war selbst ein mittelmäßiger Spieler. In seinen rassistischen Tiraden lässt sich sehr genau die Wahlverwandtschaft von Antisemitismus und Ablehnung der kulturellen Moderne nachweisen, wie sie etwa auch im Begriff der „entarteten Kunst“ zum Ausdruck kommt.

    Was Gutmayer nämlich als „feig“ zu delegitimieren trachtete, war nichts anderes als das moderne Positionsspiel, das auf einem vertieften Verständnis schachtechnischer Gesetzmäßigkeiten beruhte – und daher für den Amateur naturgemäß schwerer verständlich war als die romantische Schachperiode des 19. Jahrhunderts. Genau die wünschte sich Gutmayer, getarnt als deutschtümelnde Zukunftsvision, sehnlichst zurück.

    Schach als neue Serie im NU
    Nicht weniger als sechs der fünfzehn Weltmeister, aus denen die 1886 mit dem Juden Wilhelm Steinitz begonnene Ahnenreihe der Schachchampions besteht, waren jüdischer Herkunft. Hinzu kommen noch mehrere jüdische WM-Herausforderer sowie unzählige jüdische Großmeister des Spiels. Grund genug für NU, jüdischen Schachgrößen eine neue Serie zu widmen. In ihr werden wir die wichtigsten jüdischen Schachspieler porträtieren – inklusive eines Schachrätsels. Den Auftakt macht Boris Gelfand, der für den aktuellen Schach-Boom im Israel verantwortlich ist.

    Anatol Vitouch

    Anatol Vitouch

    ist Schachmeister und Absolvent der Wiener Filmakademie. Gründungsmitglied der Künstlervereinigung „DIE GRUPPE“.
    Anatol Vitouch

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