Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Gal Gadot | Nr. 69 (03/2017) - Elul 5777/Tischri 5778
  • Yuval Noah Harari: “Homo Deus. Eine Geschichte von morgen”


    © POPPE, CORNELIUS/NTB SCANPIX/PICTUREDESK.COM

    VON ELENA ROSBERG

    Nach seinem Bestseller Eine kurze Geschichte der Menschheit beschäftigt sich der Autor in seinem neuen Buch mit der Zukunft. Es beginnt recht positiv: Die drei großen Probleme, mit denen die Menschheit seit jeher zu kämpfen hatte – Hunger, Krankheit, Krieg – sind zwar nicht vollständig verschwunden, aber weitestgehend eingedämmt worden. „Zum ersten Mal in der Geschichte sterben mehr Menschen, weil sie zu viel essen und nicht, weil sie zu wenig essen. Mehr Menschen sterben an Altersschwäche als an ansteckenden Krankheiten. Und mehr Menschen begehen Selbstmord, als von Soldaten, Terroristen und Kriminellen zusammen getötet werden. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts stirbt der Durchschnittsmensch mit größerer Wahrscheinlichkeit, weil er sich bei McDonald’s vollstopft, als durch Dürre, Ebola oder einen Anschlag von Al-Kaida.“

    In Homo Deus: Eine Geschichte von Morgen geht es um die neuen Ziele, die sich die Menschheit laut Harari gesetzt hat: Unsterblichkeit und Göttlichkeit. Womit mit „Unsterblichkeit“ vorerst einmal eine Lebenserwartung von ca. 150 Jahren gemeint ist. Und wenn Harari von „Göttlichkeit“ schreibt, meint er nicht einen allmächtigen Gott, wie den aus der Bibel, sondern eher die griechischen Götter, mit ihren Eigenheiten und Schwächen, die aber doch mit viel mehr Fähigkeiten ausgestattet sind als die Menschen.

    An der Unsterblichkeit wird von Forschern bereits fleißig gearbeitet. Der Mensch bekommt ein „Upgrade“ durch Biotechnologie und Bioengineering, Cyborg-Technik (eine Mischung aus Mensch und Maschine) und Künstlicher Intelligenz (Roboter). So habe es sich beispielsweise Calisto, ein Tochterunternehmen von Google, zur Aufgabe gemacht, „den Tod zu besiegen“. Und Google Ventures steckt 36 Prozent seiner Investitionsgelder von zwei Milliarden Dollar in Start-up- Unternehmen aus dem Bereich Biowissenschaften. Der Geschäftsführer von Google Ventures, Bill Maris, sagte in einem Interview: „Wenn Sie mich heute fragen, ob es möglich ist, 500 Jahre alt zu werden, so lautet die Antwort Ja!“

    Überhaupt Silicon Valley: Laut Harari liegt das religiöse Zentrum heute nicht in Israel oder Mekka, in Rom oder auf dem Territorium des Islamischen Staates, sondern dort. Die neue Religion nennt Harari „Dataismus“. Statt Göttern werden nun Daten und Algorithmen angebetet.

    Dann wird es allerdings etwas düsterer in diesem Buch. Denn diese optimierten Körper werden nur einer Elite, den Techno-Superreichen, zugutekommen, während die anderen, durch künstlich intelligente Maschinen aus der Arbeitswelt gedrängt, ohne wirtschaftlichen oder militärischen Nutzen dastehen. Was soll man mit all diesen überflüssigen Menschen anfangen? „Der technologische Boom wird es zwar möglich machen, diese nutzlosen Massen zu ernähren und zu unterstützen. Aber womit werden sie sich beschäftigen … was werden sie den ganzen Tag machen? Eine Möglichkeit wären Drogen und Computerspiele. Nicht mehr benötigte Menschen könnten immer mehr Zeit in virtuellen 3-D-Welten verbringen, die viel mehr Aufregung und emotionale Beteiligung zu bieten haben als die trostlose Wirklichkeit da draußen.“

    Harari will alle in seinem Buch entworfenen Szenarien nicht als Prognose, sondern als Darlegung von Möglichkeiten verstanden wissen. Niemand könne die Zukunft wirklich vorhersagen.

    Ein intelligentes, provokantes und von der ersten Seite an fesselndes, aber auch verstörendes Buch, das hier ausdrücklich empfohlen sei.

    Yuval Noah Harari
    Homo Deus: Eine Geschichte von Morgen.
    C.H. Beck, München 2017
    576 Seiten, EUR 25,70

     

     

    „Wir werden Cyborgs“

    Yuval Harari ist einer der Superstars unter den heutigen Historikern. Seine Bücher sind internationale Bestseller, Bill Gates, Mark Zuckerberg und Barack Obama gehören zu seinen Fans. 1976 in einem kleinen Vorort von Haifa in Israel geboren, promovierte Harari an der Oxford University auf dem Gebiet der Militärgeschichte des Mittelalters und begann 2005 an der Hebräischen Universität in Jerusalem Geschichte zu unterrichten. Sein ruhiges Leben als Dozent endete 2011, als er ersucht wurde, einen Kurs über die Geschichte der Menschheit zu erstellen.

    Seine Kursnotizen wurden auf Hebräisch veröffentlicht und weckten sofort sowohl in der akademischen Welt als auch in der breiten Öffentlichkeit viel Interesse. Das Buch wurde zuerst in Israel, dann weltweit ein Bestseller. Harari wurde zur Berühmtheit. In diesem provokanten und genialen Werk erklärt er, warum ausgerechnet unsere Spezies die Welt erobern konnte. Was hat den Menschen so mächtig werden lassen?

    2016 kam sein nächstes Buch Homo Deus – eine kurze Geschichte von Morgen heraus. Darin prognostiziert er, dass wir vor dem größten Sprung in der Evolution stehen, seit das Leben begann. Die Menschen würden ein Upgrade bekommen, meint er, und zu Cyborgs, also einer Kombination aus organischen und anorganischen Teilen werden. Das menschliche Gehirn als Kommando- und Kontrollzentrum würde zukünftig direkt an alle Arten von Geräten angeschlossen sein. Der Wissenschaftler, der angeblich selbst kein Smartphone besitzt, prognostiziert, dass diese Geräte mit uns verschmelzen werden.

    Künstliche Intelligenz

    Und was wird passieren, wenn wir Maschinen konstruieren, die fast alles besser können als wir? Hararis Ausführungen über künstliche Intelligenz sind aufwühlend. Er sagt voraus, dass Milliarden von Menschen bald von künstlicher Intelligenz aus der Arbeit gedrängt werden. Eine „nutzlose“ Klasse entstünde, ohne wirtschaftliche oder militärische Funktion.

    Seine Vorlesungen an der Universität sind auch auf Youtube zum internationalen Hit geworden, und er schreibt eine regelmäßige Kolumne für die israelische Tageszeitung Haaretz. Sein offener Online-Kurs wird regelmäßig von zehntausenden Studenten besucht. Harari ist verheiratet und lebt mit seinem Ehemann in einem Moschaw, einer landwirtschaftlichen Genossenschaft, westlich von Jerusalem.

    Elena Rosberg

    Elena Rosberg

    ist Unternehmerin und lebt in Wien.
    Elena Rosberg

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