Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Zeitgeschichte
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  • ausgabe:  Rafael Kishon | Nr. 63 (01/2016) - Nissan 5776
  • Young Austrians in Großbritannien

    Sonja Frank, Enkelin von Young Austria Mitgliedern der ersten Stunde, hat es sich zum Ziel gesetzt, ihren Großeltern und darüber hinaus dieser Organisation ein Denkmal zu setzen.
    VON MARTIN PROPST

    Young Austria in Großbritannien – davon hat man möglicherweise schon gehört. Manche werden sich fragen „Was war das eigentlich?“

    Begonnen hat es 1939, ein Jahr nach dem „Anschluss“, als schon Zehntausende, meist jüdische Österreicher, nach Großbritannien geflüchtet waren, darunter hunderte Kinder und Jugendliche (mit so genannten Kindertransporten). Im Londoner Stadtteil Bayswater, nahe der Station Paddington, wurde das Austrian Centre gegründet. Ehrenpräsident war Sigmund Freud. Es wurde politisch von einem breitgefächerten Komitee geleitet, wobei Kommunisten die aktivste Rolle spielten.

    Das Austrian Centre bot seinen Mitgliedern ein umfassendes Angebot an Kultur und Bildung, unterstützte sie in vielfältiger Weise unter anderem mit dem Ziel, die österreichische Identität zu erhalten. Zeitgleich mit dem Austrian Centre formierte sich zunächst eine Gruppe junger Österreicher mit 20 Mitgliedern, die sich „Young Austria“ nannte.

    „Österreich, unsere Heimat“

    Young Austria verbreitete sich über ganz Großbritannien und hatte im Jahre 1943 bereits 1.300 Mitglieder. Die Aktivitäten waren vielfältig. Die Kinder und inzwischen Jugendlichen trafen sich regelmäßig zu Zusammenkünften, Wochenendausflügen, Leseabenden, Sportveranstaltungen. Kontakte mit der ansässigen Bevölkerung wurden geknüpft. Zeitschriften und Broschüren erschienen. Etwa 60 Publikationen mit einer Auflage von zirka 300.000 zeugen von der Umtriebigkeit von Young Austria.

    Ein Chor wurde gegründet. Unter der Leitung von Erwin Weiss trat man sogar mit Erfolg in der Royal Albert Hall auf, wie man der englischen Presse von damals entnehmen konnte. Eine Theatergruppe wurde gegründet. Der junge Otto Tausig verdiente sich seine ersten Sporen. Erich Fried veröffentlichte seine ersten Gedichte. Diverse Ausstellungen fanden statt, z. B. „Österreich, unsere Heimat“ am Piccadilly Circus mit täglichem Kulturprogramm (150.000 Besucher). In der BBC und auf lokalen Radiostationen wurde mit Sendungen Öffentlichkeitsarbeit betrieben. Young Austria wurde zu einem österreichischen Sprachrohr. Man machte Stimmung für ein nach dem Krieg wieder zu errichtendes, unabhängiges Österreich.

    1943 meldeten sich nach einem Aufruf an ihre Freunde und Mitglieder mehrere hundert Young Austrians zu den Britischen Streitkräften, die in Folge mit der Waffe in der Hand für die Befreiung Österreichs kämpften. Viele von ihnen kehrten nicht mehr zurück.

    Der große Verdienst von Young Austria, das von jungen Kommunisten geleitet wurde, die schon ab 1934 im Austrofaschismus verfolgt wurden, war, dass man den Jugendlichen eine Ersatzheimat gegeben hat, ein österreichisches Bewusstsein vermittelte, wie es keine andere Exilorganisation in Großbritannien auch nur annähernd gemacht hat. Die österreichischen Sozialdemokraten in Großbritannien waren bis zur Moskauer Deklaration 1943 keine patriotische Anlaufstelle. Vielleicht ein Grund, warum Young Austria in Österreich nach dem Krieg nicht wirklich „angekommen“ ist .

    Ein Dokument österreichischer Zeitgeschichte

    Österreich verdankt vielen Young Austria Mitgliedern, dass sie nach dem Krieg wieder in die Heimat zurückkehrten und dass die zweite und dritte Generation hier lebt und arbeitet (und einige sogar für NU schreiben!).

    Zur Politik der österreichischen Emigration in Großbritannien 1938– 1945 und Young Austria widmete die Historikerin Helene Maimann in ihrer Dissertation bereits in den frühen 1970er-Jahren wissenschaftlich ausführlich breiten Raum.

    Sonja Frank hat mit ihrem Buch Young Austria auf über 600 Seiten ein Gesicht gegeben. Ausführlich wird über das Zustandekommen und der Weiterentwicklung der Jugendorganisation berichtet. Anhand von über 90 Einzelschicksalen wird anschaulich von Heimatverlust, Flucht, Internierung und Hürden bei der Rückkehr geschildert. Der Kindertransport und die Rolle der Österreicher in den Britischen Streitkräften werden beleuchtet. Mit etlichen Interviews und zirka tausend Bildern liegt ein beeindruckendes Dokument österreichischer Zeitgeschichte vor. In der bereits zweiten erweiterten und verbesserten Auflage wurden auch Mitglieder des Free Austrian Movement, wie Wolf Suschitzky (geb. 1912, lebt in London), Anna Mahler (1904–1988, Tochter von Gustav und Alma Mahler), Willy Scholz (1906– 1979), und andere aufgenommen.

    Dass es hoch an der Zeit war, diese Interviews zu führen, geht aus der Tatsache hervor, dass seit dem ersten Erscheinen des Buches viele der Interviewten bereits verstorben sind.

    Die erste Präsentation fand im Jahre 2012 mit einer großen Ausstellung im Beisein des britischen Botschafters, Simon Smith, in der Volkshochschule Hietzing statt. Der vorläufige Höhepunkt ereignete sich vergangenen November in London anlässlich der Befreiung Österreichs vor 70 Jahren. Zur selben Zeit, als man in Großbritannien den Opfern der Weltkriege gedachte, wurde die englische Ausgabe des Buches in Anwesenheit von Wolf Suschitzky im Österreichischen Kulturforum vorgestellt und einige Tage später die dazugehörige Ausstellung in der London School of Economics mit einer Ansprache des österreichischen Botschafters, Martin Eichtinger, eröffnet.

    Noch in diesem Frühsommer wird auf dem Haus 124 Westbourne Terrace, London W2, dem ehemaligen Heim von Austria Centre und Young Austria, das gerade renoviert wird, eine Gedenktafel angebracht.

    Sonja Frank (Hg.) Young Austria. ÖsterreicherInnen im britischen Exil 1938–1947 Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft, Wien 2014, 632 Seiten, 36 EUR

    Martin Probst

    Martin Probst

    ist Sohn des vor zwei Jahren verstorbenen Fritz Propst (Gründungsmitglied von Young Austria), lebt in Wien.
    Martin Probst

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