Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Telegramm aus Netanja
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  • ausgabe:  Erwin Steinhauer | Nr. 67 (01/2017) – Adar/Nissan 5777
  • Wunder in Jerusalem

    VON ANITA HAVIV-HORINER

    Es kommt nicht oft vor, doch manchmal habe sogar ich – bekennende Nichtanhängerin der Heiligen Stadt – Erfolgserlebnisse in Jerusalem. Solch ein Wunder passierte letzte Woche. Frühmorgens irrte ich auf den Straßen unserer Hauptstadt herum, auf der verzweifelten Suche nach einem Espresso.

    Es verschlug mich zum King David Hotel, das auf eine illustre Vergangenheit zurückblicken kann.

    1946 hatte die jüdische Untergrundorganisation „Irgun“ den Südflügel des ehrenwerten Gebäudes mit sprengstoffgefüllten Milchkannen in die Luft gejagt, um der britischen Mandatsmacht wirkungskräftig den Weg zurück nach London zu weisen.

    Heute beherbergt die Edel-Absteige alle wichtigen Gäste, die unser kleines Land besuchen. Und es sind derer viele. So auch an diesem Tag. Schwarze Limousinen und mehrere Polizeiautos blockierten die Einfahrt. In meinem benebelten – quasi schlafwandlerischen – Zustand kümmerten mich das Blaulicht und die Sirenen wenig, unverdrossen setzte ich meinen Weg fort. Doch weit sollte ich nicht kommen: Ein breitschultriger Sicherheitsbeamter baute sich vor mir auf und schnauzte mich laut an: „Stehenbleiben, glaubst du, die anderen warten hier zum Vergnügen?“

    Eingeschüchtert stelle ich mich in eine Reihe neben meine geduldigen Co-Passanten. Die gleiche Szene wiederholte sich wenige Sekunden später in noch rauerem Ton in Richtung einer anderen Person, die an der Warteschlange vorbeigehen wollte.

    In diesem Moment – auch ob des akuten Koffeinentzuges – war es um meine Autoritätshörigkeit geschehen. Den überraschten Ordnungshüter fuhr ich an, er solle seine lebensrettende Aufgabe unter Bewahrung minimaler Höflichkeitsregeln erfüllen.

    Er musterte mich mit streng zusammengezogenen Augenbrauen, dreht sich dann zu den anderen um und versicherte ihnen plötzlich ganz freundlich: „Es dauert sicher nur noch zwei Minuten.“

    Seit diesem denkwürdigen Tag sehe ich Jerusalem mit ganz neuen Augen.

    Anita Haviv-Horiner

    Anita Haviv-Horiner

    In Wien geboren, 1979 Einwanderung nach Israel. Bildungsexpertin mit Schwerpunkt deutsch-israelischer Dialog.
    Anita Haviv-Horiner

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