Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Interview
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  • ausgabe:  Erwin Steinhauer | Nr. 67 (01/2017) – Adar/Nissan 5777
  • Wien, ich komme!

    Eric Pleskow, 92, heißt NU in seinem Apartment willkommen: Es ist Teil eines komfortablen Retirement Homes im US-amerikanischen Stamford, Connecticut. Vom Bücherregal grüßen einige der Oscars, die Pleskow in seiner höchst erfolgreichen Karriere als Filmproduzent für Klassiker wie „Amadeus“ oder „Einer flog übers Kuckucksnest“ gewinnen konnte. „Der Schiefe ist der ‚Rocky‘“, klärt Pleskow den Gast über einen verbogenen Academy-Award auf, „der is’ meiner Tochter runtergefallen.“ Und dann spricht der Viennale-Präsident in bestem Wienerisch eine Stunde lang aufgeräumt über sein bewegtes Leben, jüdische Identität sowie aktuelle politische Fragen.
    VON ANATOL VITOUCH

     

    NU: Herr Pleskow, wie geht es Ihnen?

    Pleskow: Naja, wie’s einem halt so geht in meinem Alter: Ich kann mich nicht beklagen, auch wenn mir vor einiger Zeit ein Bein amputiert wurde. Der Fuß ist weg, sonst läuft es nicht schlecht. Natürlich fresse ich Pillen wie deppert, aber offenbar funktioniert’s.

    Sie sind nach wie vor Präsident der Viennale, die Sie zuletzt 2015 besucht haben. Wie sieht es für 2017 aus?

    Ja, 2015 war meine Betreuerin mit mir in Wien, alleine kann ich nicht mehr reisen. Wenn es mir so geht wie jetzt, werde ich 2017 wieder nach Wien kommen, weil Hans Hurch sein letztes Jahr als Chef der Viennale hat. Ich habe zur selben Zeit begonnen wie er, das ist jetzt fast zwanzig Jahre her. Ich hab’ damals gefragt, was muss ich da machen, und man hat mir gesagt: eigentlich nix. Na, hab ich gesagt, dann mach ich’s.

    Hat Ihnen damals Hans Hurch selbst die Präsidentschaft angetragen?

    Nein, das war Peter Marboe, der damalige Kulturstadtrat. Vermittelt wurde das durch Gaby Flossmann, die mich ja überhaupt erst nach Wien zurückgebracht hatte. Ich wollte von Wien eigentlich nichts mehr wissen. Sie sagte mir: Das ist jetzt eine andere Generation, das sind ganz andere Menschen – und ich muss sagen, sie hatte recht. Auch wenn es jetzt gerade politisch wieder sehr mulmig wird, aber nicht nur in Österreich, hier in den USA ja genauso.

    Haben Sie damit gerechnet, dass Trump die Präsidentschaftswahlen gewinnt?

    Ich hätte nie gedacht, dass in der heutigen Zeit, wo es so viele Möglichkeiten zu Bildung und Information gibt, so viele Menschen so vertrottelt sind. Man kann ihnen alles Mögliche erzählen, was überhaupt nicht stimmt, und sie glauben es. Bitte, mir wäre es ja wurscht – ich bin 92 Jahre alt. Aber ich habe Kinder und Enkelkinder. Und wenn ich mir überlege, was für eine Welt ich ihnen hinterlasse, dann finde ich das alles nicht so lustig.

    Viele Menschen ziehen angesichts des Siegeszugs der Rechtspopulisten Parallelen zum Aufstieg des Faschismus im 20. Jahrhundert. Sehen Sie als Zeitzeuge solche Parallelen ebenfalls?

    Ja, absolut. Nicht im Ausmaß, aber in der Tendenz ganz eindeutig. Schon seit einem Jahr sage ich meinen Kindern, dass mich vieles, was da passiert, an die 30er-Jahre erinnert. Alleine die hate crimes hier in den USA, deren Zahl nach der Wahl Trumps dramatisch gestiegen ist. Wissen Sie, Clinton hat im Endeffekt circa zwei Millionen Stimmen mehr bekommen als dieser Typ. Aber dieses 300 Jahre alte Wahlmänner- System ist leider als solches vertrottelt.

    Überraschend war auch, dass selbst Angehörige von Minderheiten zu einem gar nicht so geringen Anteil Trump gewählt haben, oder?

    Ja, auch die chassidischen Juden – vertrottelt. Wenn der Typ nicht zufällig einen frommen jüdischen Schwiegersohn hätte, dann könnte das für die Juden hier sehr unangenehm werden. So sind es die amerikanischen Muslime, die sich wirklich Sorgen machen müssen, wie es mit ihnen weitergeht.

    Sie emigrierten 1939 gemeinsam mit ihren Eltern in die USA. Wie war es damals, als Jude nach Amerika zu kommen?

    Das US-amerikanische Außenministerium war total antisemitisch. Die haben alles versucht, um Juden die Einreise zu verunmöglichen, auch wenn alle Papiere in Ordnung waren. Es gab einen katholischen Priester, der im Radio gegen Juden hetzte, und den „Amerikadeutschen Bund“, eine Nazi-Organisation. Auch in New York sind die Nazis mit Hakenkreuzen herumgelaufen und am Madison Square Garden aufmarschiert. Noch ein Jahr nach meiner Ankunft in den USA bin ich hier auf der Straße in eine Rauferei mit ein paar Nazis geraten.

    Zu einem Zeitpunkt, als der Zweite Weltkrieg schon in vollem Gange war.

    Ja, ich war ja erst drei Tage vor Kriegsausbruch aus Wien herausgekommen. Zum Glück hatte ich meinen Vater überredet, nicht mit der „Bremen“ in die USA zu fahren. Ich sagte zu ihm, wir gehen auf keinen Fall auf ein deutsches Schiff. Tatsächlich kehrte die „Bremen“ um, und alle Emigranten unter den Passagieren landeten im KZ.

    Mit welchem Schiff fuhren Sie und Ihre Eltern?

    Mit einem holländischen Schiff, das dann am 14. September 1939 in den USA eintraf. Das Schiff war voll mit Deutsch-Amerikanern, die im Sommer den Führer besucht hatten und nach Hause zurückkehrten. Schlechte Gesellschaft für jüdische Emigranten.

    Ist Religion heute für Sie persönlich von Bedeutung?

    Man sagt immer, im Alter wird man religiöser und konservativer. Das scheint bei mir nicht so zu klappen. Wenn ich mir die Religiösen anschaue, ganz gleich welche: Das sind alles verlogene, grauenhafte Typen. Zum Beispiel die Kushner-Familie, aus der Trumps Schwiegersohn stammt: Der Vater ist wegen Steuerhinterziehung im Gefängnis gesessen, hat seinem Schwager eine Prostituierte geschickt, um dessen Ehe zu zerstören – aber ganz fromme Leute sind das, sehr vornehm, richtig „liab“.

    Wie ging man in Ihrer Familie mit jüdischer Tradition um, während Sie in Wien aufwuchsen?

    Als meine Großeltern noch lebten, gingen meine Eltern zu den hohen Feiertagen mit mir und meinem Bruder in die Synagoge. 1937 hatte ich dann meine Bar Mizwa, aber mein Bruder war nur wenige Tage zuvor gestorben – er war leider schon von Geburt an kränklich. Mein Vater hatte versäumt, mich rechtzeitig im Tempel im 20. Bezirk anzumelden. Ich bekam dann halt ein bissl was zum Lesen und bin natürlich steckengeblieben. Aber ich war umringt von alten Herren, also hat keiner was gemerkt.

    Stimmt es, dass Ihre Frau, die aus einer christlichen Familie stammte, zum Judentum konvertierte – aber erst Jahre nach Ihrer Hochzeit und nachdem Ihre gemeinsame Tochter schon auf der Welt war?

    Ja, das war eine interessante Geschichte. Als mein Vater starb, war ich beruflich gerade in Paris stationiert und hatte dort keinerlei Verbindung zur jüdischen Gemeinde. Ich wollte das Trauerritual vollziehen, aber ich konnte weder zehn Juden noch einen Rabbiner auftreiben. Schließlich fand ich einen algerischen Rabbiner. Der erklärte mir, dass er zu einer modernen Synagoge gehörte und meine Frau also mittrauern konnte. Nun, sagte ich ihm, das wird leider nicht gehen, sie ist nämlich keine Jüdin.

    Und das war dann der Anlass für ihren Übertritt?

    Nein. Der Rabbiner besorgte mir dann die notwendigen zehn Juden. Aber er ließ meiner Frau ein paar Bücher da, und sie begann, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Später ist sie dann übergetreten, ohne dass ich sie dazu irgendwie gedrängt hätte. Wir mussten natürlich noch einmal heiraten. Die Synagoge in Paris, in der wir heirateten, wurde später von den Arabern gesprengt. So wie die Synagoge in Wien, wo ich meine Bar Mizwa hatte, von den Nazis gesprengt worden war. Wo ich eine Synagoge betrete, kommt irgendwie nichts Gutes heraus.

    Spielt für Ihre Kinder die jüdische Herkunft heute noch eine Rolle?

    Meine Tochter musste dann ja erst konvertiert werden, als sie drei, vier Jahre alt war. Sie hat heute einen jüdischen Mann und drei Kinder und hat ihrer Familie eine jüdische Tradition gegeben. Mein Sohn hingegen fühlt jüdisch, wenn es um die Wirklichkeit geht, aber er ist überhaupt nicht religiös. Und mit meinen beiden Enkelsöhnen ist es so: Sie sind in Kalifornien an eine Jesuitenschule gegangen. Ich habe das bezahlt, weil es dort nicht viele gute Mittelschulen gibt. Aber dann kamen die Maccabi-Spiele. Und da gruben die zwei ihren jüdischen Opa aus und fuhren nach Jerusalem, um dort für das Team der USA Fußball zu spielen. Normalerweise wird so ein Großvater wie ich ja am Dachboden versteckt.

    Was ich mich schon anlässlich Ihrer Wien-Besuche gefragt habe: Wie haben Sie Ihr Deutsch und insbesondere Ihre markante Wiener Sprachfärbung über so viele Jahrzehnte so ungebrochen bewahrt?

    Naja, seine Muttersprache verlernt man doch nicht, das ist halt wie schwimmen. Wobei, unlängst habe ich den Henry Kissinger wieder einmal gesehen, der ein Jahr älter als ich war, als er emigrierte. Wenn der Deutsch redet, ziagt’s ma ois z’samm. Sein Englisch ist aber auch sehr bescheiden.

    Sie haben gesagt, dass Sie mit Wien eigentlich abgeschlossen hatten, bevor Gaby Flossmann Sie zu einer Rückkehr überreden konnte. Gab es Freunde aus Ihrer Kindheit, die Sie damals wiedergesehen haben?

    Ich hatte in Wien zwei gute Schulfreundinnen, eine davon war die Clarissa Kösten. Clarissa, die später nach London emigrierte und sich Claire nannte, hatte noch einen kleinen Bruder, Little Freddy. Im Augarten hab’ ich den Little Freddy immer vor den anderen, größeren Buben in Schutz genommen, auch um seiner Schwester ein bisschen näher zu kommen. Mit Claire hielt ich später von den USA aus per Brief Kontakt. Als ich sie nach Kriegsende in London besuchen wollte, öffnete ihre Mutter, Frau Kösten, die Tür und sagte: „Du bist an allem schuld!“

    Woran waren Sie schuld?

    Frau Kösten hatte irgendwie damit gerechnet, dass die Lilly und ich heiraten würden. Aber wir waren halt erst vierzehn, als wir durch die Flucht getrennt wurden. Als ich sie dann besuchen wollte, war sie gerade mit einem Exil-Österreicher durchgebrannt, den ihr Vater kennengelernt hatte, als die beiden zu Kriegsausbruch wegen ihrer Nationalität gemeinsam in London interniert worden waren.

    Und Sie wären Frau Kösten als Schwiegersohn lieber gewesen?

    Sicher, Claires Bräutigam war ja etwa gleich alt wie ihr Vater. „Du kommst zu spät“, sagte sie vorwurfsvoll zu mir. Ich habe dann versucht, ihr zu erklären, dass ich als Soldat im Krieg gewesen war, und nicht auf Urlaub.

    Und Ihre andere Schulfreundin?

    Das war die Lilly Schornstein. Die flüchtete mit ihren Eltern nach Toulouse und kehrte später mit der Mutter nach Wien zurück. Mit ihr hab ich den Kontakt wieder aufgenommen, als ich nach Wien kam. Wir trafen uns im Café Mozart, und als ich hereinkam, saß eine furchtbar hässliche Frau am Nebentisch. Oh Gott, dachte ich, das kann ja nicht wahr sein. Sie war es auch nicht, sie kam ein paar Minuten zu spät: Ein Wiener „Muatterl“ mit Hut und langem Mantel.

    Haben Sie mit den beiden noch Kontakt?

    Leider sind beide inzwischen schon verstorben. Aber Little Freddy lebt noch, in London, der ist inzwischen 88 Jahre alt und ein wunderbarer Typ. In Wien sind meine Bekannten mittlerweile alle viel jünger als ich – und die lassen mich nicht aus. Als ich Viennale- Präsident wurde, hieß es, das machst du drei Jahre lang, dann is’ es erledigt.

    Inzwischen ist zu Ihren Ehren eine Briefmarke erschienen, ein Saal des Wiener Metro-Kinos wurde nach Ihnen benannt.

    Ja, und Ehrenbürger der Stadt Wien bin ich auch – dafür muss ich ja was tun. Ich kann den Hurch nicht im Stich lassen, er hat das mit dem Programm immer sehr gut gemacht, das ist nicht leicht bei so einer Größenordnung. Also in diesem Sinne: Ich komm’.

    Anatol Vitouch

    Anatol Vitouch

    ist Schachmeister und Absolvent der Wiener Filmakademie. Gründungsmitglied der Künstlervereinigung „DIE GRUPPE“.