Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Peter Morgan | Nr. 60 (02/2015) - Tamus 5775
  • Wie jüdisch war der Hagenbund?

    Bettina Ehrlich-Bauer, Josef Floch, Fritz Schwarz- Waldegg: drei der etwa fünfzehn jüdischen Mitglieder des Hagenbundes, die in der Zeit von 1933 bis 1938 gemeinsam mit rund 45 anderen durchgehend dieser Künstlervereinigung angehörten. Drei Mitglieder mit unterschiedlicher sozialer Herkunft und unterschiedlichem Schicksal.
    VON PETER WEINBERGER

    Der Hagenbund, benannt nach dem Besitzer des Wirtshauses, in dem man sich ursprünglich traf, bestand (als Verein) seit 1900, wurde anfangs zeitweise von Bürgermeister Karl Lueger unterstützt und zeigte bis 1918 mitunter durchaus monarchistische Tendenzen, erwies sich aber in der sogenannten Zwischenkriegszeit als besonders liberale und fortschrittliche Künstlervereinigung mit internationalen Verbindungen. Schon während des austrofaschistischen Regimes hieß es, Kunst solle „volkstümlich“ und „bodenständig“ sein, sie müsse – laut Richard Schmitz (Wiener Bürgermeister von 1934 bis 1938) – „aus ihrer erzwungenen Volksfremdheit wieder ins unmittelbare Leben zurückgeführt werden“. Es wurde demnach offiziell eine Kunstauffassung vertreten, die jener der deutschen Nationalsozialisten entsprach.

    Bekanntlich verfügte Josef Bürckel bereits am 18. März 1938 die Einstellung der Tätigkeit sämtlicher österreichischer Vereine bis zur Volksabstimmung am 10. April 1938, so auch des Hagenbundes. Im September 1939 erfolgte seine Löschung, das Vereinsvermögen wurde der „Gemeinschaft bildender Künstler“ übertragen, an der sich alle bisherigen Mitglieder des Hagenbundes beteiligen konnten, sofern sie „Arier“ und in die „Reichskammer der bildenden Künste“ aufgenommen worden waren.

    Die meisten jüdischen Mitglieder des Hagenbundes wurden zwischen 1890 und 1900 geboren, gehörten demnach – wie viele andere jüdische Intellektuelle auch – noch dem sogenannten Palatschinquecento Kaiser Franz Josephs bzw. dem von Carl Schorske beschriebenen Wiener Fin de Siècle an, einer Periode, in der sich Wien für kurze Zeit zur absoluten Weltmetropole entwickelte. Ein gesellschaftlicher Aufbruch hatte stattgefunden, am ehesten mit dem Einsetzen der Renaissance vergleichbar.

    Bettina Ehrlich-Bauer

    Bettina Bauer war eine Nichte Adele Bloch-Bauers, nämlich die Tochter von deren Bruder Eugen Bauer. Das Porträt, das Max Kurzweil von ihr als jungem Mädchen malte, und das sich heute im Belvedere befindet, zeugt von den Annehmlichkeiten einer Kindheit in einem äußerst begüterten Elternhaus. Geboren 1903, verbrachte sie ihre frühen Jahre wegen ihres schwachen Gesundheitszustand teilweise in Grado – ihre Erinnerungen daran widerspiegeln sich in all ihren späteren Arbeiten als Kinderbuchautorin. „Künstlerisch vorbelastet“, da schon ihre Mutter eine Schülerin von Kurzweil war, besucht sie die Wiener Kunstgewerbeschule, wo sie Georg Ehrlich kennenlernt, den sie 1930 heiratet.

    Bereits Anfang der dreißiger Jahre beschäftigt sie sich mit dem Verfassen und Illustrieren von Kinderbüchern. 1938 emigriert sie mit ihrem Mann nach England. Ab 1943 erscheinen in regelmäßigen Abständen in englischer Sprache verfasste Kinderbücher, die sie zu einer äußerst erfolgreichen Autorin dieses Genres machen. Noch in Wien beeindruckt sie auch Arthur Schnitzler („hübsch und sympathisch“, Tagebucheintragung), mit dessen Sohn sie in den zwanziger Jahren befreundet ist. In England gehört Benjamin Britten zu ihren engsten Freunden. Der Titel ihres 1943 erschienenen Buches Poo-Tsee, the water-tortoise, das von vielen Verlagen nachgedruckt wurde, erinnert an ihren humorvollen Blick auf Dinge, denn Poo-Tsee steht für das Wiener Kosewort Putzi. Bettina stirbt 1985 in London. Sie war Mitglied des Hagenbundes von 1933 (1934) bis 1938.

    Josef Floch

    Josef Floch, 1894 in bescheidene familiäre Verhältnisse in Wien geboren, studierte nach dem Besuch einer Realschule an der Wiener Akademie der Bildenden Künste. Zu seinen Freunden und Bekannten zählten Erika und Hans Tietze. Floch, Maler und Lithograph, war von 1920 bis 1938 Mitglied des Hagenbundes. 1925 übersiedelte er nach Paris, wo er im Salon d’Automne, im Salon des Tuileries und in der renommierten Galerie von Berthe Weill, die auch Picasso und Modigliani betreute, ausstellte. 1941 emigrierte er mit seiner Familie über Spanien nach Amerika.

    Ende 1946 kehrt er zeitweilig nach Paris zurück, wo er sein altes Atelier wieder übernehmen kann. Er reist von da an immer wieder nach Paris und in andere europäische Städte. Wegen der medizinischen Behandlung seiner Tochter behält er jedoch den Wohnsitz in den USA und nimmt auch die amerikanische Staatsbürgerschaft an. 1955 kommt er zum ersten Mal nach Wien zurück, 1972 veranstaltet die Österreichische Galerie eine Einzelausstellung seiner Werke. Nach seinem Tod (New York, 1977) vermacht seine Witwe dieser Galerie eine Anzahl von Gemälden als Geschenk. Josef Flochs Bilder sind in zahlreichen Museen vertreten. Er war einer der international erfolgreichsten bildenden Künstler aus Österreich.

    Fritz Schwarz-Waldegg

    Fritz Schwarz-Waldegg, geboren 1889 in Wien, studierte an der Wiener Akademie der bildenden Künste. Als 24-Jähriger nahm er 1913 erstmals an einer Kunstausstellung in Wien teil. Es folgte der Militärdienst, den er als Freiwilliger bei den Hoch- und Deutschmeistern an der galizischen und italienischen Front absolvierte. Die Kriegseindrücke veranlassten ihn – wie viele andere –, seinen Malstil grundlegend zu ändern: dem Spätimpressionismus folgte ein aufwühlender Expressionismus. Schwarz- Waldegg war ordentliches Mitglied des Hagenbundes von 1919 bis 1938, von 1925 bis 1927 sogar dessen Präsident. 1934 erhielt er den Österreichischen Staatspreis. In den zwanziger Jahren nahm er an zahlreichen Ausstellungen teil. Seine Porträts, figuralen Kompositionen und Landschaften zeichnen sich in späteren Jahren durch eine gewisse Nähe zu Egon Schiele und Oskar Kokoschka aus.

    Beim Anschluss Österreichs an Hitler- Deutschland wurde er aus seinem Atelier vertrieben. Bis zu seiner Deportierung lebte und arbeitete Schwarz- Waldegg im Untergrund, bevor er im August 1942 von der Gestapo aufgegriffen und kurz danach im Konzentrationslager Maly Trostinec ermordet wurde. 1968 waren seine Arbeiten in der Wiener Secession zu sehen. 2009 organisierte das Jüdische Museum Wien eine Retrospektive seines künstlerischen Schaffens.

    Wie jüdisch war also der Hagenbund?

    Zu den jüdischen oder „jüdisch versippten“ Mitgliedern des Hagenbundes zählten: Bettina Ehrlich-Bauer, Leo Delitz, Georg Ehrlich, Willy Eisenschitz, Josef Floch, Theodor Fried, Tibor Gergely, Fritz Gross, Felix Albrecht Harta, Josef Heu, Robert Kohl, Franz Lerch, Anna Lesznai, Alfred Loeb, Jakob Löw, Georg Mayer-Marton, Georg Merkel, Louise Merkel-Romée, Max Oppenheimer, Frieda Salvendy, Otto Rudolf Schatz, Lilly Steiner, Fritz Schwarz- Waldegg und Viktor Tischler. Obwohl sie zwischen 1933 und 1938 „nur“ etwa ein Viertel der Mitglieder stellten, war – international gesehen – ihr Einfluss weitaus größer als ihr zahlenmäßiger Anteil. Sie trugen ganz wesentlich zu einer „österreichischen Schule“ der Malerei und damit auch zur überragenden Bedeutung der europäisch-jüdischen Kultur vor 1938 bei.

    Werke der jüdischen Hagenbundmitglieder Georg Ehrlich, Felix Albrecht Harta, Georg Merkel und Fritz Schwarz- Waldegg wurden übrigens auch in der Wanderausstellung Der ewige Jude, einem Vehikel der antisemitischen Hetzpropaganda gezeigt, die in Wien im August 1938, eröffnet wurde.

    Peter Weinberger

    Peter Weinberger

    war bis 2008 Professor für Allgemeine Physik an der TU Wien und ist seitdem Gastprofessor an der New York University. Er ist auch literarisch tätig.
    Peter Weinberger

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