Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Gal Gadot | Nr. 69 (03/2017) - Elul 5777/Tischri 5778
  • Wenn ich nicht für mich sorge…

    VON MARTIN ENGELBERG

    Rufen Sie doch einmal die Homepage der Israelitischen Kultusgemeinde Wien auf (www.ikg-wien.at) und wählen Sie dort unter der Rubrik „News & Medien“ den Unterpunkt „Neuigkeiten“. Dieser enthält die aktuellen offiziellen Aussendungen der Kultusgemeinde. Am heutigen Tag (Ende Juli 2017) waren dort auf den ersten fünf Seiten insgesamt 45 Stellungnahmen zu lesen. 19 Meldungen befassen sich mit Israel, 18 mit dem Thema Antisemitismus und lediglich acht mit Themen der jüdischen Gemeinde – diese noch dazu von eher trivialem Inhalt wie Ehrungen, eine Traueranzeige oder die Bekanntgabe des Wahltermins.

    Mit einer weiteren wichtigen Aktivität schafft es die IKG jedes Jahr in die Schlagzeilen der österreichischen und auch internationalen Medien: Die jährliche Veröffentlichung eines Antisemitismus- Berichtes. Die Schlagzeilen übertreffen sich von Jahr zu Jahr. Dieses Jahr hieß es, der Antisemitismus hätte ein „alarmierendes Niveau“ erreicht. Im Jahr davor war es ein „furchterregendes Niveau“ gewesen. Doch schon im Jänner 2013 wurde vor einer „Verdoppelung antisemitischer Attacken“ gewarnt.

    Die nächste große politische Aktivität der Kultusgemeinde? Sie haben es sicher bereits erraten: eine große internationale Konferenz zum Thema Antisemitismus im Februar 2018. Aber auch die Jugend der Gemeinde will den Altvorderen nicht nachstehen. Die jüdische Hochschülerschaft gab sich am Anfang dieses Studienjahres einen neuen Vorstand. Deren bisher wichtigste politische Aktivität? Eine Podiumsdiskussion. Worüber? Antisemitismus.

    Währenddessen gibt es keinerlei Diskussion zu den wichtigsten Fragen einer modernen jüdischen Identität und der jüdischen Gemeinde Wiens. Seit einigen Jahren und verstärkt durch den Wechsel des Oberrabbinats gibt es – allerdings nur hinter den Kulissen – hitzige Diskussionen zum Thema Übertritt zum Judentum, welches hunderte Familien der Gemeinde nachhaltig betrifft und verunsichert. Viele Gemeindemitglieder fühlen sich von neuer orthodoxer Strenge im Stadttempel abgestoßen. Viele Menschen beschäftigt ihr Verhältnis zu Israel und sie würden sich ein Forum in der Gemeinde wünschen, in dem sie sich dazu austauschen können. Wie steht es mit dem Verhältnis Frau und Mann in der jüdischen Religion und Praxis? Wie ist der Umgang mit Menschen mit unterschiedlicher sexueller Orientierung?

    Was macht eine moderne jüdische Identität jenseits der Beschäftigung mit dem Antisemitismus und Israel aus? Es wäre eine große, aber sehr lohnende Herausforderung, dieses Thema zu hinterfragen. Wie steht es mit unseren traditionell jüdischen Werten, Idealen und Traditionen in einer modernen Welt, die sich vom Leben und der Realität des Schtetls und der Ghettos grundlegend unterscheidet? Wie wichtig ist ein traditionelles jüdisches Leben für die Erhaltung dieser jüdischen Identität? Das sind doch allesamt substanzielle Fragen, die sich alle jüdischen Menschen – jung wie alt – und insbesondere Eltern jüdischer Kinder stellen müssen.

    Dabei müssen wir uns mit den Haltungen anderer konfrontieren und auseinandersetzen – gerade mit jenen Menschen, die nicht so denken und handeln wie wir. In einen Diskurs treten, in bester jüdischer Tradition, in eine „Machloket le Schem Schamaim“, in einen Konflikt um des Himmels Willen, wie es direkt übersetzt heißt. Wenn wir einander nur immer in der gleichen Meinung bestärken, werden wir immer engstirniger und extremer. Dann sind am Ende alle anderen, innerhalb und außerhalb der Gemeinde, nur mehr Feinde.

    Dafür gilt es Verantwortung zu übernehmen. Das Abwenden von der Kultusgemeinde, wie es viele Gemeindemitglieder zunehmend tun, ist keine Lösung. So geht jüdisches Leben immer mehr verloren. Es ist schlichtweg unzulässig und auch sinnlos, von der Gemeindeführung oder den Rabbinern Antworten auf diese elementaren Fragen des jüdischen Lebens zu erwarten. Jeder von uns ist aufgerufen zu handeln. In den Sprüchen der Väter wird Rabbi Hillel mit dem berühmten Satz zitiert: „Wenn nicht ich für mich sorge, wer wird es tun? Und wenn ich für mich sorge, wer bin ich dann? Und wenn nicht jetzt, wann denn?“

    Gibt es einen besseren Zeitpunkt als zum Beginn des jüdischen Neujahrs, des Tages des Gerichtes, über diese Fragen nachzudenken? In diesem Sinne möchte ich Ihnen und Ihren Familien ein glückliches und süßes neues Jahr wünschen!

    Martin Engelberg

    Martin Engelberg

    Der NU-Herausgeber ist Betriebswirtschafter, Psychoanalytiker, Coach und Consultant. Er ist Autor einer ständigen Kolumne in der Tageszeitung Die Presse.
    Martin Engelberg

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