Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Vor 15 Jahren im NU
  • SCHLAGWöRTer: 
  • ausgabe:  Ben Dagan | Nr. 70 (04/2017) - Kislev 5778
  • Vor 15 Jahren im NU

    Warum wir wurden und wie wir waren
    VON PETER MENASSE

    Wir in der Redaktion haben von Ausgabe zu Ausgabe stets den Eindruck, das eben fertig gestellte Heft wäre das beste von allen. Unser Heft Nummer 10 war beispielsweise randvoll mit spannenden Interviews und Berichten über interessante Menschen.

    Da hat Helene Maimann über Elisabeth T. Spira zu deren 60. Geburtstag ein Porträt verfasst und alles schon vorweggenommen, was in anderen Zeitungen erst jetzt, 15 Jahre später, zu lesen war. Es ist wahrlich wert, dieses feinfühlige Original nachzulesen.

    Peter Sichrovsky bekam die Titelseite, nachdem er seine Parteifunktionen in der FPÖ zurückgelegt hatte, weil sie sich verengt hätte. Wir waren, anders als er, auch vorher nie der Meinung gewesen, dass es sich bei dieser Partei um eine offene, für Juden akzeptable Gruppierung gehandelt hätte. Die Titelzeile hieß daher folgerichtig: „Sichrovsky mit der Morgenpost: Haider ist doch kein Liberaler“.

    Das Sich-Lustigmachen über andere begann auch in diesem Heft. „Dajgezzen und Chochmezzen“ erblickte das Licht der Welt. Erwin Javor und Peter Menasse waren allerdings noch recht ernst bei der Sache. Ein Element jedoch, das der Kritik an unseren Gemeinde- Bossen, enthielt auch dieser erste Doppelkommentar bereits. Erwin Javor meinte zum Argument, Sichrovsky wäre deswegen seinerzeit zur FPÖ gegangen, weil er sich von den IKG-Granden missachtet gefühlt habe: „Wenn sich jeder der FPÖ anschließen würde, der von den Verantwortlichen der IKG schon gekränkt worden ist, wäre das ja förmlich eine Massenpartei“.

    Im November 2002 war übrigens Wahlkampf, und Samy Molcho analysierte im Interview mit Barbara Tóth, was ihm an den Darstellungen der Spitzenkandidaten aufgefallen war. Erwähnenswert seine Einschätzung zum grünen Spitzenkandidaten: „Van der Bellen ist ein wenig patriarchalisch, was die Österreicher mögen, aber sanft und sehr klar.“ Das bitte 14 Jahre vor dem Präsidentschaftswahlkampf. Der Mann versteht sein Gebärden- und Gestengeschäft.

    Das Heft Nummer 10 war super, aber wir wurden dennoch von Ausgabe zu Ausgabe immer besser.

    Peter Menasse
    Der NU-Chefredakteur ist selbstständiger Kommunikationsberater und Publizist. Er lebt in Wien und im Burgenland.
    Peter Menasse

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