Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Vor 15 Jahren im NU
  • SCHLAGWöRTer: 
  • ausgabe:  Gal Gadot | Nr. 69 (03/2017) - Elul 5777/Tischri 5778
  • Vor 15 Jahren im NU

    Warum wir wurden und wie wir waren

    VON PETER MENASSE

    Beim Lesen von früheren NU-Ausgaben kann man den Eindruck gewinnen, in der Kultusgemeinde stünde immer gerade eine Wahl bevor. Bereits in Ausgabe 9 hatten wir im September 2002 geschrieben, wie absurd es sei, dass einige tausend Mitglieder nicht weniger als insgesamt 24 Mandatare wählen und damit rund 30 Prozent der Wähler sich selbst oder einem nahen Verwandten ihre Stimme geben. Folgerichtig nannten wir die IKG-Wahl denn auch „family business“. Daran hat sich bis heute nichts Grundsätzliches geändert. Würde man dieses Verhältnis von Wählern und Mandataren auf das österreichische Parlament umlegen, würden im Hohen Haus rund 20.000 Mandatare sitzen müssen.

    Vor 15 Jahren befassten wir uns intensiv mit der Kür der vielen Fraktionen. Martin Engelberg interviewte dazu den damaligen Präsidenten Ariel Muzicant und konfrontierte ihn mit der Meinung vieler Mitglieder, dass er als Vorsitzender den Kultusrat zu wenig in seine Entscheidungen einbeziehe. Das äußerst plakative Titelbild zeigt Muzicant denn auch unter der Überschrift „Ari allein zu Haus“.

    Eine wichtigere Causa in diesen schwarz-blauen Zeiten hatte ihren Ursprung in einem Rülpser des freiheitlichen Volksanwalts Ewald Stadler, der bei einer Sonnwendfeier davon gesprochen hatte, dass Österreich nur „angeblich“ 1945 vom Faschismus und Tyrannei befreit worden sei. Wir von NU forderten daraufhin eine neue Geschäftsordnung bei der Volksanwaltschaft, die eine Absetzung von Volksanwälten ermöglichen sollte. Juden wollten und könnten ihre Angelegenheiten nach diesen Aussagen nämlich nicht mehr bei Stadler deponieren, wären damit aber eines in der Verfassung verankerten Rechts beraubt.

    Schließlich veröffentlichten wir in dieser Ausgabe 9 einen ersten Überblick über den 20.000 Seiten umfassenden Historikerbericht zum Vermögensentzug während des Nationalsozialismus. Dazu gab es ein Gespräch von Alexia Wernegger mit dem Vorsitzenden der Kommission, dem damaligen Präsidenten des Verwaltungsgerichtshofs Clemens Jabloner.

    Eva Menasse schenkte uns eine schöne Reportage über eine Reise mit ihrem Vater nach England. Hans Menasse war als Achtjähriger mit einem Kindertransport entkommen. Die beiden besuchten mehr als sechzig Jahre später einige Orte seines damaligen Aufenthalts. Der Direktor der „Primary School“, die Hans besucht hatte, bat seinen früheren Schüler spontan in eine Klasse, um dort über sein Schicksal und die Zeit nach 1938 zu berichten.

    Das Heft aus dem September 2002 enthält ein Stück Zeitgeschichte. Nachzulesen ist es im Archiv auf der Website www.nunu.at.

    Peter Menasse
    Der NU-Chefredakteur ist selbstständiger Kommunikationsberater und Publizist. Er lebt in Wien und im Burgenland.
    Peter Menasse

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