Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Vor 15 Jahren im NU
  • SCHLAGWöRTer: 
  • ausgabe:  Pamela Rendi-Wagner | Nr. 68 (02/2017) - Tamus 5777
  • Vor 15 Jahren im NU

    Warum wir wurden und wie wir waren
    VON PETER MENASSE

    In der 8. Ausgabe von NU aus dem Juni 2002 zu lesen, kann einen traurig stimmen. Auf dem Cover ein nachdenklicher Bürgermeister Michael Häupl mit der Bildunterschrift: „Kämpfe weiter für ein Haus der Geschichte“. Damals schon titelten wir in einem Info-Kasten zu diesem Projekt, dass es sich um eine „Diskussion ohne Ende“ handle. Dabei waren gerade einmal drei Jahre vergangen, seit der damalige Wissenschaftsminister Caspar Einem eine Studie in Auftrag gegeben hatte, die zum Ergebnis kam, dass das Palais Epstein, davor Sitz des Wiener Stadtschulrats, der ideale Standort für ein solches Haus der Geschichte wäre. Aber bereits 1999 beschlossen sämtliche Parlamentsparteien, angeführt vom damaligen Nationalratspräsidenten Heinz Fischer, dass sie dieses Haus für Parlamentszwecke verwenden wollten. Michael Häupl sprach im Interview mit Petra Stuiber davon, dass er mit allen Kräften für das Haus kämpfen werde. Es dürfe das Epstein nicht zu einem „Haus der Sekretäre“ werden. Es gebe so etwas wie einen Genius loci, so der Bürgermeister, der dieses Gebäude zum idealen Symbol für Österreichs Geschichte mache. Wie wir wissen, ist Michael Häupl in diesem Fall gescheitert.

    Dasselbe Thema behandelt eine Geschichte und ein Interview von Helene Maimann mit dem im Jahr 2007 verstorbenen Leon Zelman. Auch da ging es um das Epstein. Denn der große Versöhner zwischen den vertriebenen Juden und ihrer früheren Heimat war der Motor des Projekts. Maimann schreibt über Zelmans Empörung: „Dass ihm, dem alten Sozi, der sozialdemokratische Nationalratspräsident so was antun kann! Das Haus der Geschichte wäre die Krönung von Leons Lebenswerk, es kann, es soll, es muss dort und nur dort entstehen, auf geschichtsträchtigem Boden, in jenem Haus des Juden Epstein, das der Ringstraßenarchitekt Theophil Hansen mitten in der Gründerzeit baute.“

    Die „Diskussion ohne Ende“, über die wir 2002 schrieben, geht weiter, denn ein Haus der Geschichte gibt es bis heute nicht, auch wenn es so ausschaut, als ob das Projekt jetzt tatsächlich an anderem Ort realisiert würde. Zwanzig Jahre nach Geburt der Idee – und selbst das wird vermutlich davon abhängen, welche Regierung das Land im Herbst 2017 bekommen wird.

    Ein anderer traurig stimmender Beitrag stammt von Margaretha Kopeinig. Sie hatte den Künstler Georg Chaimowicz porträtiert und interviewt. Anlass war eine Wanderausstellung mit dem Titel „Aufstand der Anständigen – Quo vadis Austria?“, die in Deutschland lief. Das Ende der Reise dieser Ausstellung in Frankreich 2003 hat Chaimowicz nicht mehr erlebt. Er starb ein Jahr zuvor. Chaimowicz war ein großer Kritiker des „schlagobersübertünchten Geschichtsmülls“, voll Zorn auf die „kleinbürgerlichen Dummköpfe, die auf alle leeren tagespolitischen, rassistischen, ausländerfeindlichen und wirtschaftlich neoliberalen Parolen hereinfallen“.

    Es waren große Männer, die wir damals porträtiert hatten – ein wirkliches Stück Geschichte im NU Ausgabe 8.

    Peter Menasse
    Der NU-Chefredakteur ist selbstständiger Kommunikationsberater und Publizist. Er lebt in Wien und im Burgenland.
    Peter Menasse

    Neueste Artikel von Peter Menasse (alle ansehen)