Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Vor 15 Jahren im NU
  • SCHLAGWöRTer: 
  • ausgabe:  Christian Rainer | Nr. 66 (04/2016) - Kislev 5777
  • Vor 15 Jahren im NU

    Warum wir wurden und wie wir waren
    VON PETER MENASSE

    Manches aus NU 6 könnte heute genauso besprochen werden wie im Dezember 2001. Anderes hingegen ist vom Zahn der Zeit inhaltlich weggenagt worden. Als Heftpreis waren nebeneinander öS (Sie erinnern sich noch an diese Währung?) 10,32 und Euro 0,75 angegeben. Dazu passend hatten wir im Blatt eine Anzeige der Österreichischen Nationalbank zur Währungsumstellung, in der es hieß: „Der Euro kommt. Sonst ändert sich nichts“. Diese Behauptung soll hier nicht weiter kommentiert werden.

    Die größten Probleme bereitete uns damals die Frage, wer auf das Titelblatt kommen sollte. Wir hatten honorige Personen, wie die damalige Wiener Gesundheitsstadträtin Elisabeth Pittermann, interviewt und ein Porträt von Nationalfonds-Leiterin Hannah Lessing verfasst. Dazu kam eine Geschichte über Moishe Arye Friedman, einen obskuren „Oberrabbiner“ ohne Rabbinerdiplom. Alles schien uns von so großer journalistischer Bedeutung, dass wir sämtliche dieser Stars auf der ersten Seite verewigten. Es gibt besser gestaltete Titelblätter von NU.

    Großen Platz nahm ein geplantes Gespräch von IKG-Präsident Ariel Muzicant mit dem damaligen Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider ein.

    Die Landeshauptleutekonferenz nominierte Haider, der kurz davor den Präsidenten in bösartigster Form attackiert hatte, zusammen mit drei anderen Landeshauptleuten als Verhandler über die Ansprüche der IKG für das in der NS-Zeit entzogene Gemeindevermögen. Sollte Muzicant sich auf ein solches Gespräch einlassen, sollte er nicht? Die Diskussion wogte auch in NU. Fünfzehn Jahre später ist klar, dass es der FPÖ nicht genützt hat, die damalige Entscheidung des Präsidenten also richtig war.

    Das Thema „jüdische Identität“ bildete damals wie heute einen Schwerpunkt von NU. Neben Pittermann und Lessing kam auch der heutige Chefkurator Werner Hanak-Lettner zu Wort, der nicht Jude ist, aber in seiner langen Berufstätigkeit im Jüdischen Museum Wien mehr für das Wissen um das Judentum getan hat als viele von uns. Seine Identität habe eine jüdische Dimension bekommen, sagte er damals.

    Der erwähnte Herr Friedman wollte im Jahr 2001 eine eigene, von der IKG abgespaltene Gemeinde gründen. Dazu schrieb Martin Engelberg einen Kommentar, in dem er die Gefahr der Spaltung – aus heutiger Sicht völlig richtig – als gering einschätzte, der Gemeindeführung jedoch wenig Willen zur Zukunftsgestaltung attestierte. Erwin Javor spöttelte darüber, dass den Jüdischen Hochschülern angesichts vieler weltpolitischer Baustellen für ihr Programm nichts anderes einfiel, als ein gemeinsames Marillenknödelessen zu organisieren.

    Der Fotograf Peter Rigaud, damals noch in Wien zu Hause, heute ein internationaler Star, fotografierte erstmals für NU und gab eine Fotolinie vor, die wir bis heute einzuhalten versuchen.

    Peter Menasse
    Der NU-Chefredakteur ist selbstständiger Kommunikationsberater und Publizist. Er lebt in Wien und im Burgenland.
    Peter Menasse

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