Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Pamela Rendi-Wagner | Nr. 68 (02/2017) - Tamus 5777
  • Von Tomaten zu den Mäusen und Menschen

    Yonatan Nissenbaum ist der einzige israelische Forscher am renommierten Wiener Institut für Molekulare Biotechnologie. Er arbeitet an Projekten zur Umwandlung von Zellen, die krankes Gewebe ersetzen sollen. Im NU-Gespräch erzählt er, wie er nach Wien kam und warum er diesen Forschungsstandort seinen Kollegen daheim empfiehlt.
    VON PETER MENASSE (TEXT) UND MILAGROS MARTÍNEZ-FLENER (FOTOS)

     

    Noch haben ihn weder der „Wien Tourismus“, noch die für Betriebsansiedlung zuständigen Einrichtungen der Stadt entdeckt, aber sie sollten ihn kennenlernen. Yonatan Nissenbaum spricht mit so großer Begeisterung von Wien, dass er als Werbeträger wunderbar einsetzbar wäre.

    Der Mann, der Wien so unwienerisch lobt, ist Israeli. Er forscht am größten Institut der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, dem Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA), einer der weltweit führenden Einrichtungen für biomedizinische Grundlagenforschung. Klingt kompliziert – ist es auch. Aber dazu später.

    Yonatan Nissenbaum kam auf weiten Umwegen hierher. Noch vor seinem Studium arbeitete er in Hongkong. Dort traf er eines Tages in der Synagoge einen Landsmann, einen auf Durchreise befindlichen Universitätsprofessor für Landwirtschaft. Nissenbaum kam mit ihm ins Gespräch und erhielt eine prägende Anregung: „Er fragte mich, was ich studieren wolle. Als ich antwortete, dass ich es noch nicht wüsste, empfahl er mir sein Studienfach, die Landwirtschaft. Es sei das ein sich dynamisch entwickelndes Gebiet mit enormen Zukunftsperspektiven. Wenn man wie ich China kennengelernt hat, weiß man, wie viele Menschen auf dieser Welt es zu ernähren gilt. So begann ich also ein Studium an der Fakultät für Landwirtschaft der Hebrew University in Jerusalem.“

    Gegen Ende des Studiums wechselte Nissenbaum das Fach, weg von der Landwirtschaft hin zur Humangenetik oder, wie er es darstellt: „Ich wechselte von den Tomaten zu den Mäusen und Menschen. Obwohl mein früherer Professor immer sagte, dass der Vorteil, an Tomaten zu forschen, darin bestünde, dass man das Material am Ende essen kann.“

    Bekämpfung von chronischen Schmerzen

    Sein erster Studienabschluss vor rund 15 Jahren führte ihn schließlich zur Forschung auf dem Gebiet der Bekämpfung von chronischen Schmerzen. Auf diesem Feld gab es damals schon mit Professor Josef Penninger, dem Leiter des IMBA in Wien, eine internationale Kapazität. Noch aber standen familiäre Gründe einem Weggang ins Ausland im Weg. Dabei muss ein israelischer Forscher, wenn er denn später zu Hause im akademischen Feld arbeiten will, zuerst einmal mehrere Jahre Forschungsarbeit außerhalb des Landes leisten. Das soll neue Perspektiven bringen, die später seine Forschungen daheim befruchten. Auch Beiträge in renommierten ausländischen, wissenschaftlichen Journalen gehören zum Pflichtprogramm für junge Forscher.

    Nissenbaum begann vorerst ein weiteres Post-Doc-Forschungsprojekt über Stammzellen an der Hebrew University. Im Jahr 2014 bewarb er sich dann bei Professor Penninger in Wien und wurde in dessen Forschungsgruppe aufgenommen. Jetzt lebt er mit seiner Frau und drei seiner vier Kinder in Wien und scheint rundum glücklich zu sein: „IMBA ist so etwas wie ein Geheimtipp. Die meisten meiner Studienkollegen sind entweder an das MIT oder die Harvard University gegangen, weil sie dort die besten Voraussetzungen zum Forschen vermutet haben. Aber die Infrastruktur und die Förderungen hier bei IMBA brauchen keinen Vergleich zu scheuen. Es gibt hier wirklich gute Laboreinrichtungen und hervorragende Kollegen. Also Wien ist kleiner als Boston, aber wenn mehr Israelis von den Bedingungen hier wüssten, würden auch mehr hierher wollen. Es gibt eine sehr großzügige Förderung für Forschung, und die Gehälter sind in Ordnung. Es ist auch wunderbar, in einem funktionierenden Sozialsystem zu leben. Das schätze ich als Vater besonders. Es werden einem hier Bedingungen geboten, die es erlauben, sich auf die Forschung zu konzentrieren. Das Leben ist viel einfacher zu managen als in den USA. Vor allem die Ausbildung der Kinder ist deutlich billiger als dort.“

    Bei einem gemischten Salat in einem Lokal nahe dem Campus frage ich ihn, ob er als Israeli Anfeindungen aus politischen Gründen ausgesetzt ist. Nein, dem sei nicht so, sagt er: „Als ich herkam, war ich schon darauf vorbereitet, dass es kritische Meinungen zu Israel geben würde. Aber überraschenderweise kam es nie zu solchen Gesprächen. Es war eher so, dass immer, wenn man von einer Terrorattacke hörte, mich die Kollegen fragten, ob jemand aus meiner Familie oder aus dem Bekanntenkreis betroffen wäre. Ich weiß relativ wenig über österreichische Politik. Ich meine nur, die Flüchtlingssituation hat hier das Bewusstsein dafür geschärft, in welchem Umfeld sich Israel befindet.“ Auch ein Boykott einer wissenschaftlichen Zusammenarbeit mit Israel, auf den ich ihn anspreche, ist in Wien kein Thema: „Ja, man hört von eher einzelnen Professoren, vor allem aus Großbritannien, die sich so verhalten. Aber weder in Deutschland noch in Österreich ist mir so etwas untergekommen. Im Gegenteil: Die israelische Forschung wird hier sehr bewundert, und wo immer sich Kooperationsmöglichkeiten ergeben, werden sie auch genutzt.“

    Der Wiener Cherrytomaten-Züchter

    Ein Blick auf die kleinen Tomaten in seinem Salat bringt Nissenbaum dann auf eine Geschichte, die uns im weiteren Gespräch auf sein Forschungsgebiet einbiegen lässt. „Wussten Sie, dass der Mann, der die Cherrytomaten gezüchtet hat, ursprünglich Wiener war? Er heißt mit seinem israelischen Namen Nahum Keidar und wurde als Norbert Kammermann in Wien geboren. Im Alter von acht Jahren, knapp vor dem sogenannten Anschluss, kam er nach Dänemark und später nach Schweden, wo er Landwirtschaft studierte. Er emigrierte dann nach Israel und wurde Professor für Feldfrüchte und Landwirtschaft. Ihm gelang es, die kleinen Tomaten so zu züchten, dass sie wirtschaftlich verwertbar wurden. Er und die Hebrew University sind im Besitz vieler weltweit geltender Patente zu den verschiedenen Formen von Cherrytomaten.“

    So kommen wir schließlich zur Forschung an Mäusen und Menschen. Nissenbaum arbeitet an zwei Projekten. Das größere betrifft die Regeneration von Herzzellen. „Wenn jemand einen Herzinfarkt erleidet, sterben eine Vielzahl von Zellen ab, die für die Arbeit des Herzens wichtig sind. Es bildet sich dort Narbengewebe, welches das Herz wie ein Schild schützt, aber seine Funktion nicht unterstützen kann. Dadurch lässt die Herzfunktion mehr und mehr nach. Wenn man jedoch ein Baby untersucht, sei es ein Mäuse- oder ein Menschenbaby, das gerade ein bis zwei Tage alt ist und aus irgendeinem Grund eine Herzattacke erlitten hat, erkennt man, dass das Herz sich voll regenerieren kann. Nach ein paar Wochen ist das Organ vollkommen wiederhergestellt. Das funktioniert allerdings nur ganz am Anfang. Wir wollen erforschen, was in den ersten zwei Tagen an den Zellen so besonders ist, dass sie die Fähigkeit zur völligen Wiederherstellung haben. Wir untersuchen, welche Gene, welche Proteine in diesem Heilungsprozess mit im Spiel sind.“

    Parallel dazu arbeitet Yonatan Nissenbaum an einer zweiten Forschungslinie. Noch vor kurzem war man der Ansicht, dass nur sogenannte embryonale Stammzellen geeignet seien, sich zu jeder anderen Art von Zellen zu entwickeln. Allerdings führt die Arbeit mit Stammzellen zu Problemen. Das erste ist ein ethisches Problem, weil die Entnahme von Stammzellen aus einem befruchteten Ei mit den Vorstellungen etwa der katholischen Religion kollidiert, die in diesem Stadium schon von einem Lebewesen spricht. Israelische Forscher haben hier weniger Probleme, weil in der jüdischen Religion ein Ei erst vierzig Tag nach seiner Befruchtung als Lebewesen gilt. Zusätzlich besteht das ungelöste Problem, dass Stammzellen unkontrolliert wuchern können. Ersetzt man beispielsweise das Narbengewebe, das sich nach einem Herzinfarkt gebildet hat, durch Stammzellen, kann es zu Wucherungen und schließlich zu Tumoren kommen.

    Sonniges Wesen und brillanter Geist

    Vor kurzem hat nun der japanische Wissenschaftler Shinya Yamanaka entdeckt, wie sich reife Zellen in sogenannte iPS-Zellen umwandeln lassen. Der Forscher hat dafür den Nobelpreis für Medizin bekommen. IPS-Zellen sind Zellen, die sich wie Stammzellen verhalten, aber aus Körperzellen durch die Zugabe bestimmter Gene gewonnen werden können. Man kann jetzt beispielsweise Hautzellen in Hirnzellen umwandeln, braucht also nicht mehr die noch „unbeschriebenen“ Stammzellen. Im Moment wird intensiv daran gearbeitet, diese neue Technologie noch effizienter zu machen. Die Forschungsgruppe im IMBA, der Nissenbaum angehört, will durch das Einbringen verschiedener Faktoren erreichen, dass sich mithilfe der neuen Methode („transdifferentiation“) etwa die Bindegewebszellen des Narbengewebes nach einem Herzinfarkt wieder zu funktionstüchtigen Herzzellen umwandeln lassen.

    Am Weg durch das Gebäude von IMBA hin zu seinem Laborplatz zeigt Yonatan Nissenbaum wieder seine ganze Freude. Ihm gefällt die Architektur, er liebt seinen Arbeitsplatz, er schwärmt von den Kollegen – er ist, wie es scheint, ein rundum zufriedener Mann. Oder anders gesagt, er ist ein lachender, freundlicher Israeli mitten in Wien. An der Wand der großen Halle im Erdgeschoss des IMBA-Gebäudes prangt eine Aufschrift: „What if God was wrong“. Ob Gott unrecht haben könne, sei nicht sein Thema, meint der Wissenschaftler für Genetik kritisch, wenn auch freundlich, wie es seine Art ist. Es geht also zusammen, in die Grundfesten der Schöpfung einzugreifen und in der Synagoge zu beten. Yonatan Nissenbaum jedenfalls bringt ein authentisches Stück Israel nach Wien: ein sonniges Wesen und einen brillanten Geist.

    Peter Menasse
    Der NU-Chefredakteur ist selbstständiger Kommunikationsberater und Publizist. Er lebt in Wien und im Burgenland.
    Peter Menasse

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