Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Rezension
  • SCHLAGWöRTer: , ,
  • ausgabe:  Ben Dagan | Nr. 70 (04/2017) - Kislev 5778
  • Vom Schtetl in die Stadt und wieder zurück

    VON HERBERT VOGLMAYR

    Erwin Javor erzählt in seinem leichtfüßig und witzig geschriebenen Buch Ich bin ein Zebra seine bewegte Familiengeschichte, die vom ostjüdischen Schtetl über Budapest nach Wien führt. Er reflektiert in einem bunten Mosaik aus Zeitgeschichte und persönlichen Geschichten die ostjüdische Identität, die aus der „Schtetl- Luft“ kommt und auf das bürgerliche Großstadtflair Wiens trifft. Javor, der seine ersten Lebensjahre in Budapest verbrachte, ist zu jung, um das Schtetl selbst erlebt zu haben, aber sein geliebter Vater hat ihm diese versunkene Welt in vielen Erzählungen als verklärten Sehnsuchtsort nahegebracht, auch wenn das Leben dort oft hart und erbarmungslos war.

    Die assimilierten Wiener Juden begegneten den „zuag’rasten Ostjuden“ eher ablehnend, und doch etablierte sich in der jüdischen Gemeinde eine Art Schtetl in der Stadt, das nach außen wie eine Einheit schien, nach innen aber ein überaus buntes Konglomerat ganz unterschiedlicher religiöser und auch säkularer Orientierungen darstellte: Atheisten, Agnostiker, Kommunisten, Sozialisten, liberale Reformjuden, Drei-Tages-Juden, Orthodoxe aller Schattierungen. Es war eine lebendige Vielfalt, in der man kultivierte, was man so gerne tat: miteinander und gegeneinander diskutieren, ganz im Sinne von Kurt Tucholsky: „Jeder hat ja so recht!“ Als die Schoa auch den assimilierten Juden ihre Heimat nahm, blieb für viele von ihnen – sofern sie es in die Emigration schafften und damit Schlimmerem entkamen – Wien ein Sehnsuchtsort, wie es vordem das Schtetl für die Ostjuden war.

    Am Ende des Buches schildert Javor, dass er herausfinden wollte, ob die abenteuerlichen Geschichten, die ihm sein Vater erzählt hatte, der Wirklichkeit entsprachen oder bloß gut erfundene Heldengeschichten für Kinder waren. Er fuhr also ins Schtetl Jablonica, aus dem sein Vater kam und wohin dieser nach der Schoa nie wieder zurückkehren wollte. Allein dieser kurze Bericht über eine aufregende Reise ins äußere und innere Schtetl ist lesenswert.

    Jüdische Witze

    Wer Erwin Javor kennt, wird nicht überrascht sein, reichlich jüdische Witze vorzufinden, obwohl hier weniger vielleicht mehr gewesen wäre. Aber die besondere Tragikomik und Selbstironie jüdischen Humors kommt auf fast jeder Seite zum Ausdruck und macht die Lektüre lustig und kurzweilig. Eine Kostprobe gefällig? Javors Vater betrieb am Wiener Rudolfsplatz mit zwei Partnern ein Textilgeschäft und rief von unterwegs an, um sich nach dem Geschäftsgang zu erkundigen, der offenbar wenig berauschend war. „Oj“, seufzte einer der beiden Geschäftspartner am Telefon und versank in eine lange Pause. „Wenn man nemmt ein Gewehr …“ (lange Pause) „… und man schießt …“ (lange Pause) „… am Rudolfsplatz …“ (noch längere Pause) „… man trifft keinen.“

    Warum ein Zebra?

    Der Buchtitel Ich bin ein Zebra kommt daher, dass Javor anlässlich einer Fotoausstellung im jüdischen Museum einmal nach seiner (jüdischen) Identität gefragt wurde und darauf antwortete: „Wenn Sie ein Zebra nach seiner Identität fragen, wird es zurückfragen, was die dumme Frage soll, es sei eben ein Zebra, in der Herde von Zebras groß geworden, die sich bei Bedrohung durch Löwen beistehen.“ Mit der abweisenden Antwort meinte er, dass ein unbefangener Umgang zwischen Juden und Nicht-Juden wegen der belasteten Geschichte selten gelingt. Die Kinder von SchoaÜberlebenden haben früh verinnerlicht, dass positive Lebensumstände schnell bedroht sein können und haben dieses Lebensgefühl, dass man gegen negative Überraschungen stets gewappnet sein muss, auch ihren Kindern weitergegeben. Schließlich hat Javor die Frage nach seiner Identität mit diesem Buch aber offen und sehr ausführlich beantwortet, wobei klar wird, dass darin die Lebensregeln des „ostjüdischen Wiener Dorfs“ eine wichtige Orientierung bilden, die dann mit dem großstädtischen Leben, mit Frieden, Bildung und Wohlstand um neue Perspektiven erweitert wurden.

     

    Erwin Javor
    Ich bin ein Zebra. Eine jüdische Odyssee
    Amalthea Verlag, Wien 2017
    256 Seiten, EUR 25

    Herbert Voglmayr

    Herbert Voglmayr

    Nach dem Studium der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften berufliche Tätigkeit an der Universität und in der Erwachsenenbildung. Seit 2004 freiberuflicher Publizist. Neben seiner Tätigkeit für NU verfasst er Kultur- und Weinreiseführer durch italienische Weinregionen.
    Herbert Voglmayr

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