Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Christian Rainer | Nr. 66 (04/2016) - Kislev 5777
  • Überblick über die zwölf jüdischen Gemeinden des Burgenlandes

    Die jüdische Gemeinde in Eisenstadt wurde noch in den 1920er und 1930er Jahren als „Unikum in Europa“ beschrieben, denn sie war eine eigenständige Gemeinde mit Bürgermeister und Amtmann, in der auch die Traditionen hochgehalten wurden. Wichtigste Persönlichkeit der Gemeinde zu jener Zeit war der Weinhändler und Kunstsammler Sandor Wolf. Das jüdische Eisenstadt beschränkte sich nicht nur auf die einstige jüdische Gemeinde Unterberg-Eisenstadt, auch im Stadtzentrum hatten jüdische Familien ihre Häuser.

    Kittsee gilt als die nördlichste Kultusgemeinde des Burgenlands. Ihre Anfänge reichen bis in das 17. Jahrhundert zurück, das enge Zusammenleben zwischen der Herrschaft und den jüdischen Bewohnern wird unter anderem durch die Lage des jüdischen Friedhofs deutlich: Er befindet sich unmittelbar neben der alten Burg und bildet den Endpunkt des Rundgangs, der vom ehemals von einer jüdischen Familie geführten Gasthaus vorbei am Armenhaus, der ehemaligen Fleischbank und einigen jüdischen Geschäften wie auch am Geburtshaus des Violinisten, Dirigenten und Komponisten Joseph Joachim führt.

    Gattendorf nahe der ungarisch-slowakischen Grenze lag zwar nicht in der Esterházy-Herrschaft und war noch dazu eine Gemeinde ohne Rabbiner, besaß aber doch eine eigene Synagoge, die vom Rabbiner von Kittsee mitbetreut wurde. Die Synagoge wurde 1996 abgerissen, Reste davon sind in der Volksschule als Zeichen der Erinnerung aufgestellt. Die Kulturroute führt vorbei an ehemaligen Wohnhäusern jüdischer Familien bis zum jüdischen Friedhof.

    In Frauenkirchen wurde im Frühjahr dieses Jahres an der Stelle der ehemaligen Synagoge der Garten der Erinnerung eröffnet. Hier startet auch der Rundgang, der zur Rosenfeld- Mühle führt – Paul Rosenfeld war der einzige Frauenkirchner Jude, der nach 1945 in seinen Heimatort zurückkehrte.

    Der Rundgang durch Mattersburg beginnt beim Wohnhaus eines bekannten Bewohners: bei jenem des Arztes Rudolf Berczeller am Hauptplatz. Er führt an einigen Geschäftslokalen vorbei zum Brunnenplatz mit dem Gedenkstein für die jüdische Synagoge und weiter zum jüdischen Friedhof.

    In Kobersdorf steht eine der wenigen erhaltenen Synagogen im Burgenland. Sie kann derzeit nur von außen besichtigt werden. Auch noch erhalten sind die Gebäude der ehemaligen koscheren Fleischerei wie auch des Gasthauses. Der rund 5.000 Quadratmeter große Friedhof liegt inmitten einer malerischen Baumkulisse und wird so dem Beinamen „Waldfriedhof“ gerecht.

    Das jüdische Zentrum in Lackenbach hatte seinen Standort in unmittelbarer Nähe des Hauptplatzes. Hier befanden sich eine Synagoge, eine Talmudschule sowie eine Mikwa. Auf dem Friedhof ist Markus Mordechai Schey, der Großvater von Arthur Schnitzler, begraben. In Schnitzlers Roman Der Weg ins Freie fanden Markus Mordechai Schey wie auch sein Bruder Baron Philipp Freiherr von Schey Eingang in die Literatur.

    Deutschkreutz – „Zelem“ – war einst ein religiöses Zentrum mit einer bekannten Jeschiwa. Der Rundgang durch die Gemeinde führt unter anderem zum Quartier für die Studenten der Talmudschule, ebenso wie zum Haus des Weinhändlers Lipschitz, in dem die Laubhüttenfeste gefeiert wurden. Im heutigen „Vinatrium“, einst im Besitz der Weinhändlerfamilie Tauber, wird heute wieder Wein ausgeschenkt. Vor dem Haus, in dem der Komponist Carl Goldmark seine Kindheit verbrachte, wurde 2013 ein Denkmal errichtet, das die Erinnerung an die Bewohner der einstmals größten burgenländischen Judengemeinde wachhält.

    Rechnitz lag in der Herrschaft der Familie Battyány und war seit der Mitte des 17. Jahrhunderts von Juden besiedelt. Ein Erinnerungsweg führt mit zehn Stationen durch den Ort und weist unter anderem auf die ehemalige Synagoge hin. Traurige Bekanntheit in Rechnitz erlangte der Kreuzstadel, in dessen Nähe kurz vor Kriegsende 200 ungarische jüdische Zwangsarbeiter ermordet wurden. Der Kreuzstadel ist heute Symbol für eine überregionale Gedenkkultur.

    In Stadtschlaining hat sich nicht nur die Synagoge erhalten, auch im Stadtmuseum wird auf die Geschichte der jüdischen Bevölkerung eingegangen. Hier gab es bis 1938 eine orthodoxe Gemeinde, die Mitte des 19. Jahrhunderts 650 Personen zählte. Nach der Abwanderung des letzten Rabbiners nach Oberwart im Jahr 1923 verlor sie jedoch an Bedeutung.

    Oberwart war seit dem 19. Jahrhundert Filialgemeinde von Schlaining, 1930 wurde hier eine eigenständige Kultusgemeinde eingerichtet. Ein Gedenkweg in der Stadt erinnert an die Opfer des Nationalsozialismus in Oberwart. Diese Route kann noch um einen Besuch des jüdischen Friedhofs und des Synagogengebäudes, in dem heute die Musikschule untergebracht ist, erweitert werden.

    Güssing war die südlichste der burgenländischen jüdischen Gemeinden. Der Rundgang startet an der Stelle, wo einst die jüdische Schule stand, und führt durch das Zentrum über den Marktplatz, an dem sich das Spitalhaus, die Fleischbank, Wohnungen und Kaufläden wie auch die „Thunk“, das rituelle Bad, befunden hatten.

    Brigitte Krizsanits

    Brigitte Krizsanits

    studierte Germanistik und Geschichte an der Universität Wien und war anschließend in Wien und Prag in der Erwachsenenbildung tätig. Seit 2010 ist sie freie Journalistin und publizierte unter anderem die Bildbände Das Leithagebirge. Grenze und Verbindung und Eisenstadt.
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