Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Dajgezzen und Chochmezzen
  • SCHLAGWöRTer: ,
  • ausgabe:  Gal Gadot | Nr. 69 (03/2017) - Elul 5777/Tischri 5778
  • Über große und kleine Jumbos

    Rainer Nowak und Peter Menasse dajgezzen über die Siegesstrategie von Alexander Van der Bellen, über soziale Kanäle und über die neue Ostküste.

    Menasse: Was sagt man dazu: Unlängst hat ein Freund bei einem Gespräch gemeint, ich würde beim Diskutieren dem Peter Pilz ähneln.

    Nowak: Du hast Freunde?

    Menasse: Nicht so viele, wie Pilz plötzlich hat. Und ich bin ihm auch nicht ähnlich.

    Nowak: Ich schätze Peter Pilz als Aufdecker, Selbstvermarkter und Querulanten. Aber es ist beleidigend, dich mit ihm in einen Topf zu werfen. Weder kannst du so gut insistieren, noch so oft „ich“ in einem Satz unterbringen. Und da kenne ich mich aus.

    Menasse: Die Wahlen werden jedenfalls ein Schaulaufen von Selbstvermarktern sein. Aber kauft man Politiker wirklich, weil sie ihre Ich-Marke so gut pflegen?

    Nowak: Stimmt, endlich wird der Begriff Elefantenrunde wahr. Am Wahlabend wird das Innenministerium für so viele Egos viel zu klein sein. Kurz, Kern, Strache, Lunacek, Pilz und Griss.

    Menasse: Warum lässt du bei der Elefantenherde den armen Strolz aus?

    Nowak: Ich kann richtig gemein sein, oder? Wobei wirklich gemein wäre, Haselsteiner statt Strolz zu nennen.

    Menasse: Ich habe den Eindruck, dass Frau Lunacek einen großen Anlauf nimmt, um endlich öffentlich für die Grünen aufzutreten. Möglicherweise will sie damit bis nach der Wahl warten. Also sie darf man wirklich nicht bei den Ober- Egos nennen.

    Nowak: Ich will ihr ja ehrlich nicht noch mehr schaden, aber ich muss sagen, ich schätze sie wirklich sehr.

    Menasse: Mir ist sie auch sympathisch und ich halte sie für besonders klug. Aber warum versteckt sie das denn vor den Wählern?

    Nowak: Das ist die alte Van-der-Bellen- Taktik: wenig sagen, viel schlummern, Wahlen gewinnen. H.C. Strache macht das ähnlich, aber von Ibiza aus.

    Menasse: Hat er da den Kickl mit bei sich? Oder wer schreibt ihm sonst seine Ansichtskarten aus dem Ausland?

    Nowak: Nein, Kickl bleibt zu Hause, weil schließlich einer arbeiten muss. Aber du bist so retro, alter Mann. Ansichtskarten??? HC postet auf allen sozialen Kanälen.

    Menasse: Weil dort so viele Kanalarbeiter unterwegs sind, halte ich mich raus. Und ich habe auch meinen Kriterienkatalog noch nicht fertig und weiß daher nicht, welche Auflagen Politiker erfüllen müssen, damit ich ihre Postings lese.

    Nowak: Christian Kern urlaubt auch in Ibiza. Dabei ist das doch die Insel der Althippies und Partymenschen. Das Partymachen passt allerdings nicht zum SPÖ-Chef. Wobei der eine geniale Doppelstrategie fährt: Seine Frau wirbt gegen eine FPÖ-Regierungsbeteiligung, er hält sie sich offen. Das ist Familiensplitting neu.

    Menasse: Sie wird ihre Meinung schon noch ändern, wenn erst der SP-Parteichef des wichtigsten Bundeslandes sich ihrer annimmt. Hans Niessl hat nur noch nicht Zeit gefunden, ihr die Vorzüge der FPÖ zu erläutern.

    Nowak: Können wir bitte einmal dajgezzen, ohne über dein Miniatur-Kuba zu sprechen? Ich komme ja auch nicht immer mit dem ähnlich großen Mariahilf.

    Menasse: Du bist ja dort auch ein Fremdkörper – weder Architekt noch Grafiker.

    Nowak: Stimmt, ich gebe mich dort immer als Standard-Redakteur aus.

    Menasse: Sollten wir nicht einmal über was Gescheites reden, statt immer nur über die Innenpolitik? Beispielsweise ist zu fragen, warum plötzlich immer öfter Kühe auf ihren Weiden harmlose Wanderer attackieren. Ist das Touristen- Verdrossenheit?

    Nowak: Nachdem sich die Österreicher völlig dem Tourismus unterjocht haben, sind die Kühe die letzten Gallier. Bist du Asterix-firm?

    Menasse: Nein, meine Liebe gehört dem Weltall. Ich habe gerade ein Interview mit einem Außerirdischen geführt, der ein echter Jude aus der Bronx ist. Das Weltall ist auch jüdisch. Es gibt also eine jüdische Weltall-Verschwörung.

    Nowak: Da mische ich mich nicht ein. Weißt du, wie man echte antisemitische Verschwörungstheoretiker neuerdings zum Zweifeln bringt? „Ist Ihnen schon aufgefallen, dass die Westküste die neue Ostküste ist?“

    Menasse: Das verstehe ich nicht.

    Nowak: Na, ein paar wenige digitale Firmen an der Westküste beherrschen neuerdings die ganze Welt.

    Menasse: Und was ist mit Zuckerberg? Was ist mit der IT-Branche in Israel? Nein, so kommst du mir nicht.

    Nowak: Zuckerberg ist kein Jude, er hat eine eigene Religion gegründet, die sich Facebook nennt. Was der an Freunden hat!

    Menasse: Du bist ja auch auf Facebook, das heißt, du gehörst auch zu dieser Religion?

    Nowak: Nein, ich bin eben vom anderen Ufer: ein Nichtjude, der seit Jahren für ein jüdisches Magazin schreibt und eine angeblich seriöse Zeitung leitet. Das nenne ich mir Weltverschwörung.

    Menasse: Mein Leiden besteht darin, dass angeblich alle Juden sich miteinander verschworen haben und davon profitieren, nur mich lassen sie nicht mitmachen.

     

    * Dajgezzen: sich auf hohem Niveau Sorgen machen; chochmezzen: alles so verkomplizieren, dass niemand – einschließlich seiner selbst – sich mehr auskennt.

     

    Rainer Nowak

    Rainer Nowak

    Chefredakteur at Die Presse
    Der Herausgeber und Chefredakteur der Tageszeitung Die Presse ist ständiger NU-Mitarbeiter.
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    Peter Menasse
    Der NU-Chefredakteur ist selbstständiger Kommunikationsberater und Publizist. Er lebt in Wien und im Burgenland.
    Peter Menasse

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