Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Christian Rainer | Nr. 66 (04/2016) - Kislev 5777
  • Tel Aviv in Graphic Novels

    Asaf Hanukas Der Realist ist ein Comicstrip der ganz anderen Art. Keine Superhelden, keine phantastischen Abenteuer stehen im Mittelpunkt, sondern das alltägliche Leben in Tel Aviv – in perfekt illustrierten Bildern und intensiven Kurzgeschichten.
    VON RENÉ WACHTEL

     

    Asaf Hanuka begann seine künstlerische Tätigkeit schon während seines Militärdienstes in der israelischen Armee, als er mit dem Autor Etgar Keret die Kurzgeschichtensammlung Streets of Rage veröffentlichte. Während sein Zwillingsbruder Tomer Hanuka, der auch als Comic-Künstler und Illustrator arbeitet, in die USA ging und dort Graphikdesign studierte, entschied sich Asaf nach dem Militärdienst für Frankreich und studierte Illustration an der Kunstschule in Lyon.

    Seine eigenwilligen Zeichnungen steuerte er auch für den Animationsfilm Waltz with Bashir bei, eine israelische Dokumentation über den ersten Libanonkrieg, die 2009 in der Kategorie „bester fremdsprachiger Film“ für einen Oscar nominiert war. Asaf Hanuka hat des Weiteren für namhafte Publikationen wie Nike, Rolling Stone oder The New York Times gearbeitet.

    Vor einigen Jahren erhielt er von einem israelischen Wirtschaftsmagazin das Angebot, einen Comicstrip für die letzte Seite zu zeichnen. Der Verleger machte keine Vorgaben, und es entstand Der Realist – die Geschichten eines Familienvaters, der mit Frau und Sohn in Tel Aviv lebt. Es ist seine persönliche Geschichte, mit all den Problemen, denen man in Tel Aviv begegnet. Die wöchentlich erscheinenden Comicstrips sollen auch ein Spiegelbild der Stadt sein. Für Asaf bilden Probleme und Konflikte das Material seiner Arbeit und die zeichnerische Auseinandersetzung ist der Schlüssel dazu. Darum hat er diese Form gewählt. Wobei er bei Der Realist alle gängigen Methoden des Comicstrips außer Acht lässt. Zwar gibt es das typische Neuner- Panel (eine systematische Reihenfolge der einzelnen Zeichnungen auf einer Seite), aber sehr oft sind Einzelillustrationen als Comicstrip zu finden. Und er experimentiert viel mit Farben. Asaf Hanuka verwendet sie, um ganz bestimmte Stimmungen zu schaffen und Emotionen zu wecken. Die Farben sind immer Teil und Leitfaden der Geschichte. Die Grundstimmung ist grau, Kinder zeichnet er hingegen gern hell und in Gelb.

    Tel Aviv als große Blase

    Asaf Hanuka bezeichnet Tel Aviv in Der Realist als große Blase. „Es ist eine Übung in Verdrängung und Selbsttäuschung. Dort ist immer Sonne, Party und Nachtleben. Tel Aviv ist voller Graffiti, voll von Künstlern. Die Stadt liegt aber nur 40 Minuten vom Gazastreifen entfernt. Alle paar Tage gibt es einen Terroranschlag oder Helikopter am Himmel“, wie er es kürzlich in einem Interview beschrieb. Und so sind die Bildergeschichten auch. Die Blase Tel Aviv und er, der Familienvater, der Angst hat zu scheitern, der überlegt, mit seiner Familie auszuwandern, aber in Israel verliebt ist und bleibt. Trotz der immerwährenden Furcht vor Raketenangriffen und vor dem großen Krieg.

    Eine wichtige Rolle in den Comicstrips spielt das Vatersein – für ihn, so sagt er, war es die größte Veränderung in seinem Leben, denn er musste einen Weg finden, erwachsen zu werden. Das alles beschreibt Hanuka humorvoll, surrealistisch und in äußerst ungewöhnlicher Form.

    Der Realist wurde 2016 mit dem „Will Eisner Award“, dem „Oscar unter den Comicpreisen“, für das beste internationale Comic ausgezeichnet. Die Serie ist jetzt in einer gebundenen Ausgabe als Graphic Novel bei Cross Cult auf Deutsch erschienen.

     

    René Wachtel

    René Wachtel

    lebt in Wien und ist Kultusrat für CHAJ-Jüdisches Leben in der IKG.
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