Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Jüdisches Leben
  • SCHLAGWöRTer: ,
  • ausgabe:  Christian Rainer | Nr. 66 (04/2016) - Kislev 5777
  • Streng auf die Unabhängigkeit bedacht

    The Australian Jewish News besteht seit 121 Jahren. Generaldirektor Rod Kenning war zu Besuch in Wien und erzählte über die Erfolge der Zeitung und das australische Judentum.
    VON IDA SALAMON (INTERVIEW) UND
    SONJA BACHMAYER (FOTOS)
    ÜBERSETZUNG: KITTY WEINBERGER

     

    NU: Wir befinden uns im Jüdischen Museum, von dem Sie sagen, dass Sie es sehr schätzen. Ich habe Sie in die Ausstellung „Das Wohnzimmer der Familie Glück“ eingeladen, wegen der untypischen Familiengeschichte, die dahintersteht: Ein Teil der Familie hatte Glück und überlebte, konnte sogar die Möbel in ihr neues Heim mitbringen. Wie gefällt Ihnen die Ausstellung?

    Kenning: Sie besteht aus vielen schönen Objekten, die gut erhalten sind, und die Tatsache, dass sie die Geschichte in sich tragen, fasziniert mich.

    Wir waren immer isoliert, wurden niemals erobert; es gab nie die Situation, dass es einmal ein Ghetto gab, und dann nicht, und dann wieder. Wir hatten Glück. Aber wir sollten uns nicht darauf verlassen. Wir müssen darauf achten, dass unser Land der beste Ort zum Leben bleibt.

    Welche jüdischen Geschichten kennen Sie in Australien?

    Die ersten Juden, die im 18. und 19. Jahrhundert nach Australien gebracht wurden, waren Strafgefangene – Menschen, die etwas getan hatten, das wir heute nicht als Verbrechen bezeichnen würden. Bis zu den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts gab es vorwiegend britische Einwanderer, viele von ihnen Schneider. Nach dem Krieg kamen viele polnische und ungarische Juden nach Australien. Die polnischen Juden siedelten sich in Melbourne an, die ungarischen in Sydney. Juden, die einen gewerblichen Hintergrund hatten, kamen nach Melbourne, jene mit einer fachlichen Ausbildung nach Sydney. Viele Juden kamen auch über Shanghai. Die nächste Einwanderungswelle kam aus Südafrika, diejenigen, die in der Anti-Apartheitbewegung aktiv waren. Nach dem Fall der Mauer kamen viele russische Juden nach Australien, aber die haben sich nicht in der australischen jüdischen Gemeinde integriert.

    Warum?

    Es gab keine jüdische Kontinuität; du warst Jude, weil man es dir gesagt hatte. Es gab keine Berührungspunkte mit anderen Juden in Australien. Wissen Sie, auch viele Juden, die nach Israel auswanderten, hatten weder Bar Mizwa, noch eine Bris. Ich habe eine Bekannte, die Krankenschwester in einem Spital ist; sie hatten täglich 30, 40 russische Männer, die sich beschneiden ließen. Und wir sprechen von Männern von 40, 50 oder 60 Jahren. Das gleiche passierte in Australien.

    Gibt es Probleme mit australischen Behörden bezüglich Bris oder koscherem Fleisch?

    Wir haben unsere eigenen vier Kaschrut-Behörden, für eine Bevölkerung von etwa 120.000 Juden. Sie können Erdnussbutter in Sydney kaufen, die wäre koscher. Die gleiche Sorte, gleiche Verpackung in Melbourne – nicht koscher.

    Welche jüdischen Institutionen und Aktivitäten gibt es in Australien?

    Jeder Bundesstaat hat eine Dachorganisation; es gibt auch eine starke zionistische Strömung: zionistische Kollegien in jedem Bundesstaat, einen starken jüdischen Nationalfonds, Keren-Hayesod und WIZO (Women’s International Zionist Organisation). Die meisten australischen Juden sind Zionisten, wir haben eine sehr starke schulische Organisation und wahrscheinlich die besten jüdischen Schulen der Welt. Es gibt sieben jüdische Schulen in Melbourne, sechs in Sydney, eine in Queensland und eine in Perth. Die meisten Familien schicken ihre Kinder in jüdische Schulen, bis hinauf zur Universität. Die jüdischen Schulen haben auch einen ausgezeichneten akademischen Ruf. Es sind Privatschulen und manche von ihnen kosten 30.000 Dollar pro Kind pro Jahr. Wenn Sie drei Kinder haben, wer hat so viel Geld? Die Großeltern helfen aus, aber was passiert, wenn es die Großeltern nicht mehr gibt? Deshalb müssen wir schauen, was wir als nächstes machen. Es gibt auch Organisationen in Sydney und Melbourne, die jüdische Kinder in staatlichen Schulen unterstützen und ihnen ein bisschen Jiddischkeit vermitteln; sie haben Barund Bat-Mizwa-Programme. Diese Organisationen stehen mir sehr nahe und wir unterstützen sie, so gut wir können.

    Sind australische Juden religiös?

    Wir haben gerade eine Umfrage gemacht: „Wie würden Sie Ihre Einstellung zum Judentums beschreiben?“ Es standen fünf Antworten zur Auswahl: religiös, traditionell orthodox, progressiv-reformerisch, konservativ oder säkular. Die meisten sind in der Mitte. Wir fragten auch nach koscherem Essen, und die Antwort lautete meistens: „Ich versuche koscher zu leben, aber ich bin nicht streng. Ich esse kein Schweinefleisch oder Schalentiere.“

    Haben Sie jemals Antisemitismus erlebt?

    Ganz wenig, meist als Graffiti, manche malen Hakenkreuze.

    Gibt es zur Zeit prominente Juden in Australien?

    Wir haben den größten Anteil an Juden im Parlament, den wir jemals hatten. Das Parlament unterstützt Israel sehr. Und wir machten Raoul Wallenberg (den schwedischen Diplomaten, der zehntausende Juden während des Holocaust rettete) zum ersten Ehrenbürger Australiens.

    Warum besuchen Sie Wien?

    Es findet eine Weltausstellung zum Verlagswesen statt; ich wollte ein neues System für Zeitungen studieren, damit ich auf dem Laufenden bin.

    Die Australian Jewish News wird seit mehr als 100 Jahren publiziert. Gibt es Probleme mit der Printausgabe?

    Wir publizieren seit 121 Jahren! Es gab genug Juden, die die Herausgabe einer jüdischen Zeitung all die Jahre unterstützt haben. Wir sind die zweitälteste jüdische Zeitung der Welt; der Jewish Chronicle in London ist die älteste. Wir haben zwei Ausgaben pro Woche, eine aus Sydney und eine aus Melbourne. Unser größtes Problem ist das Schabbat-Abendessen. Was passiert beim Schabbat-Essen: Die ganze Familie kommt zusammen. Wie viele Zeitungen müssen sie kaufen – nur eine! Also lesen 14 Personen eine Zeitung. Die Reichweite ist sehr gut, aber nicht die Einnahmen.

    Wie hoch ist Ihre Auflage?

    Wir haben eine Leserschaft von 40.000 und eine Printauflage von 12.000 pro Woche. Wir haben auch eine Website und eine starke Präsenz in den sozialen Medien. Ein gutes Posting auf Facebook hat 40 – 50.000 Aufrufe. Die wirksamsten Postings sind jene, die eine emotionale Reaktion hervorrufen. Das Gefühl muss nicht unbedingt positiv sein. Die wirksamsten sind diejenigen, die die Menschen verärgern. Das ist, glaube ich, die menschliche Natur.

    Sind Sie mit jüdischen Organisationen verbunden?

    Wir sind Partner des Jüdischen Museums von Australien und arbeiten medial zusammen. Als die Ausstellung „Jüdische Genies“ aus Wien dort gastierte, boten wir an, darüber zu schreiben. Aber wir müssen darauf achten, mit wem wir Partnerschaften eingehen. Für uns ist eine kulturelle Partnerschaft besser als eine religiöse oder politische. Wir unterstützen die Schulorganisation, die ich erwähnt habe, und wir unterstützen auch B’nai B’rith, da sie sich besonders bemühen. Das gilt besonders für den musikalischen Wettbewerb für Jugendliche. Wir halfen bei der Neugründung. Aber wir würden niemals mit den großen Organisationen eine Partnerschaft eingehen.

    Sie sind also unabhängig?

    Wir sind zu hundert Prozent unabhängig von jedweder jüdischen Organisation. Und dadurch unterscheiden wir uns von allen anderen jüdischen Zeitschriften. Wir sind sehr streng auf diese Unabhängigkeit bedacht. Wir berichten über jüdische gemeinschaftliche Einrichtungen und wir würden uns keinen Interessenskonflikt erlauben.

    Welches sind die wichtigsten Themen Ihrer Zeitung?

    Wie bei jeder Zeitung: lokale, nationale und internationale Meldungen, Berichte über Kunst und Kultur, örtliche gemeinschaftliche Einrichtungen, Sport, Finanzen. Wir haben auch viele Beilagen: für Rosch ha-Schana, Pessach, ein koscheres Magazin, einmal im Jahr ein Hochzeitsmagazin, Barund Bat-Mizwa-Magazin, um Menschen beim Planen zu unterstützen. Wir haben einen Meinungsteil, der sehr gut ist. Sie wissen ja, zwei Juden im Raum und vier Meinungen.

    Wie viele Mitarbeiter haben Sie? Sind die meisten jüdisch?

    Alle unsere Journalisten sind Juden, wir haben etwa 50 Mitarbeiter, wahrscheinlich 70 Prozent jüdisch. Wir sind ein guter Arbeitsgeber, wir sind sehr flexibel. Wir haben viele Männer und Frauen mit schulpflichtigen Kindern und wir haben einen Schichtbetrieb, so dass man früher beginnen kann oder später Schluss macht, damit man die Kinder abholen kann. Nur der Redaktionsschluss ist nicht flexibel. Wir mögen auch Hunde in unserer Redaktion. Wir haben drei Hunde in unserem Melbourner Büro, und die kommen täglich. Das ist großartig! Sie sind alle brav, sie gehen herum und begrüßen alle in der Früh, das macht alle glücklich.

    Wie geht es Ihnen mit den Finanzen?

    Wir waren immer profitabel. Wir verdienen nicht wahnsinnig viel, aber wir sind profitabel.

    Wie machen Sie das?

    Es ist schwierig, aber wir hören auf unsere Leser und wir haben auch eine tüchtige Werbeabteilung. Speziell, wenn man die Zeitung einem nichtjüdischen Unternehmen präsentieren will, will man das Bild vom reichen Juden nicht fördern. Aber Tatsache ist, dass die jüdische Gemeinde in Australien ein hohes Einkommens- und Bildungsniveau hat; so können wir uns mit großen Zeitungen messen. Geld verdienen ist schwer – aber wir schaffen es.

    Gratulation! Wir lange machen Sie das schon?

    Danke! Ich bin seit den 90er Jahren bei der Zeitung. Ich habe in der Grafik begonnen. Dann machte ich auch mehr in der Redaktion, ich war Produktionsleiter und dann Betriebsleiter. Vor drei Jahren gingen der CEO und die Gesellschaft getrennte Wege, und der Eigentümer bat mir diesen Posten an.

    Wem gehört die Zeitung?

    Robert Magid, er ist in Shanghai geboren, seine Eltern konnten flüchten und übersiedelten nach Australien. Sein Vater wurde zum Bauträger, er kaufte Land, das ihm gut für ein Einkaufszentrum geeignet schien. Sein Sohn Robert, der Besitzer, verdreifachte das Vermögen seines Vaters. Er ist reich, aber die Zeitung nicht. Wir sind ein getrenntes Unternehmen und wir müssen uns selbst erhalten.

    Gibt es spezielle Höhepunkte in der Geschichte der Zeitung?

    Worauf ich am meisten stolz bin, ist der Bericht über die Untersuchungen der sogenannten königlichen australischen Kommission, die 2013 von der Regierung eingesetzt wurde. Das Parlament ernannte für die Kommission Richter, um gewisse Dinge von nationaler Bedeutung zu untersuchen. Der Anlass war Kindesmissbrauch in religiösen Einrichtungen. Es gab immer wieder Kindesmissbrauch in der Jeschiwa von Melbourne, durch Rabbiner und Lehrer. Wir haben letztes Jahr ohne zu zögern darüber berichtet. Es gibt immer das Argument, dass man Menschen nicht die Möglichkeit geben soll, uns zu hassen. Aber unsere Antwort lautete: Es handelt sich um Kinder, und diese Kinder sind auch Teil unserer Gemeinde und wir werden nicht wegschauen. Wir hatten jeden Tag einen Berichterstatter im Gericht, und Live-Blogs über das Geschehen. Die Titelseite war ohne Bild. Nur schwarz, mit dem Wort: genug. Keine Entschuldigungen mehr, wir werden zeigen, wie sie wirklich sind.

    Hat es Konsequenzen gegeben?

    Wir haben viele Auszeichnungen bekommen. Unser Verhältnis zur Jeschiwa in Melbourne ist jetzt schwierig, aber die Täter sind im Gefängnis. Aber das Verhältnis zu unserer Leserschaft und zur Gemeinde im Allgemeinen ist sehr, sehr gut!

     

    Rod Kenning begann seine Medienkarriere beim Radio als Rundfunksprecher für die australische Regierung. Der Wechsel zum Printmedium war Anfang 1990, als er bei der Australian Jewish News in Sydney als Produktionsleiter begann, verantwortlich für die Grafik sowohl in Sydney als auch in Melbourne. 1999 wechselte er in die Zentrale in Melbourne, wo Kenning zum nationalen Betriebsleiter ernannt wurde, verantwortlicher Herausgeber von der Redaktion bis zur Grafik bis zum Vertrieb. 2013 wurde Rod Kenning zum Generaldirektor der Australian Jewish News befördert.

    Seit ihren Anfängen 1895 als Hebrew Standard of Australasia wurde die Australian Jewish News zu einem unentbehrlichen Bestandteil des australischen Judentums. Robert Magid, ein Unternehmer aus Sydney, wurde 2007 neuer Herausgeber der AJN, nachdem er die Zeitung gekauft hatte. Die Australian Jewish News erscheint wöchentlich in zwei Ausgaben in Melbourne und Sydney; herausgegeben werden weiters das Immobilien-Magazin Property Review Weekly, digitale Ausgaben aller Publikationen und eine Reihe von Magazinen und Lifestyle-Beilagen.

     

    Sonja Bachmayer

    Sonja Bachmayer

    Ethnologiestudium an der Universität Wien, wiss. Mitarbeiterin im Kompetenzzentrum Sucht an der GÖG; Bildredakteurin der Zeitschrift Rausch, Pabstverlag, freie Fotografin seit 2010, vertreten durch die Agentur Anzenberger. Fotografiert seit 2011 für das Jüdische Museum Wien.
    Sonja Bachmayer

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    Kitty Weinberger

    Kitty Weinberger

    ist Übersetzerin. Sie arbeitete bis zu ihrer Pensionierung bei der OSZE.
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    Ida Salamon

    Ida Salamon

    Die NU-Chefin vom Dienst ist in Belgrad geboren, wo sie Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie studierte. Sie ist im Jüdischen Museum Wien in den Bereichen Sponsoring und Veranstaltungsmanagement tätig.
    Ida Salamon

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