Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Gal Gadot | Nr. 69 (03/2017) - Elul 5777/Tischri 5778
  • “Solche Menschen werden nicht mehr hergestellt”

    Am 23. Juli 2017 verstarb Viennale-Chef Hans Hurch völlig überraschend in Rom. Keine zwei Wochen zuvor hatte er mit NU ein ausführliches Gespräch geführt, das nicht als Abschied gedacht war.
    VON ANATOL VITOUCH

     

    © VIENNALE/ALEXI PELEKANOS
    © STARPIX/PICTUREDESK.COM

    „Dann darf man vorher nicht blöd reden“, sagt Hans Hurch lächelnd. Interviews autorisiere er niemals, was einmal gesagt wurde, habe so auch seine Richtigkeit. Ein kurzer, freundlicher Handschlag. „Man sieht sich“, ruft er noch, dann ist er schon in den Gängen des Viennale-Büros in der Siebensterngasse verschwunden.

    Der knappen Verabschiedung geht ein ausführliches Gespräch voraus. Über eine Stunde nimmt sich der Viennale-Direktor für NU Zeit, die zwischendurch anklopfende Assistentin wird von ihm vertröstet: „Ich langweile den jungen Mann gerade zu Tode“, erklärt er kokett. Natürlich ist das Gegenteil der Fall. Aus dem Interview wird ein echter Dialog, Hurch scheint es zu genießen, dass sich der Fragende über die gängigen Floskeln hinaus („Wen wünschen Sie sich als Ihren Nachfolger?“) für Film und seine Politik interessiert.

    Politik der Ästhetik

    Spätestens, als man sich über die konterkulturelle Kraft des Kinos der 1970er-Jahre am Beispiel von Klaus Lemkes Rocker einig wird, ist das Eis gebrochen: „Ich glaube, dass es diese Art von Underground-Kino heute nicht mehr gibt, weil die Gesellschaft viel eingeschliffener ist als früher. Genau das vermisse ich heute im österreichischen Kino: ein realistisches, nicht naturalistisches Kino, das irgendetwas mit einer Lebenswirklichkeit, mit Erfahrungen und Personen zu tun hat. Das gibt es heute irrsinnig viel weniger.“

    Überhaupt wirkt Hurch alles andere als versöhnt oder altersmilde, genüsslich lässt er in der Vergangenheit ausgefochtene Sträuße Revue passieren: „Mir ist das Kino von Ulrich Seidl zu komplizenhaft, zu stark dem verhaftet, was er eigentlich kritisiert. Haneke ist schon viel differenzierter, er weiß zum Beispiel, was es bedeutet, etwas nicht zu zeigen. Aber auch Haneke ist kein reflektierter Mensch. Das ist jetzt frech, dass ich das einfach so dahinsage, aber das glaube ich wirklich.“

    Auch wenn Hurch selbst vermutet, manche Animositäten mit Vertretern des österreichischen Kinos könnten auch auf beiderseitige Sturheit zurückzuführen sein: Man merkt bei jedem Satz, dass es ihm immer um eine lebendige Essenz des Kinos geht, wenn er sich auf ästhetische Diskussionen einlässt. Die Frage nach einer Politik der Ästhetik, im Kino ab den 1960er-Jahren nachdrücklich von den Vertretern der Nouvelle Vague gestellt, hat für Hurch nichts von ihrer Dringlichkeit verloren: „Der Glaube, dass das Politische in den Inhalten liegt, der ist heute stärker da – und das glaube ich aber nicht. Ich glaube, man kann nur politisch über Politik sprechen und erzählen. Und ich merke gerade bei vielen Filmen, die es jetzt gibt, zu aktuellen Themen wie Krieg oder Flüchtlingskrise, dass die total kriegsgewinnlerisch sind. Diese Filme sind dann brutal und sentimental zugleich. Sie arbeiten mit den Mitteln dessen, was sie anklagen: Krieg oder Gewalt – und zugleich setzen sie darauf, dass einem die Kinder leidtun et cetera. Das finde ich ganz schrecklich.“

    Nur erahnen lässt sich, wie viele Filme der seit 1997 amtierende Viennale- Direktor in den vergangenen zwei Jahrzehnten für das Festival gesichtet und natürlich zum überwiegenden Teil verworfen hat. Alle Filme, die die Viennale zeigt, sind persönlich von Hurch ausgewählt, der – wieder eine Analogie zur Nouvelle Vague – einen ganz unzeitgemäß anmutenden Autorenbegriff in Bezug auf die Leitung eines Festivals vertritt. „Nicht, dass ich alles bestimmen will oder muss. Aber mir ist es wichtig – das klingt jetzt kindisch, aber gerade dieser Tage bin ich damit beschäftigt – mir ist wichtig, was für ein Sujet für die Viennale steht in diesem Jahr, wie ein Plakat ist, welche Farbe das hat. Bis zur Schrift: Da sitz ich mit einem Grafiker und Leuten von uns hier und wir gestalten das. Meine Überzeugung ist, dass die Dinge nicht da sind für was anderes, sondern dass alles für sich selber da ist. Ich glaub, dass so ein Festival ein Ganzes ist, und dass es sozusagen nicht nur die Hardware Festival ist und die Software Film, die man sich anschaut. Sondern dass es idealerweise eins ist.“

    Kino als seismografischer Apparat

    Seinen Begriff vom Kino bildete Hurch sich als junger Mann, der sich anmaßte, Filmkritiken für die gerade neu gegründete Wochenzeitschrift Falter zu schreiben, obwohl er über keine andere Qualifikation als seine Liebe zum Kino verfügte. Widerständig zu sein, nicht um jeden Preis erfolgreich, seinen eigenen Spinnereien nachzuhängen – all das hatte, so Hurch, in den 1970er-Jahren noch die Aura des Großartigen. Im Abseits zu stehen war noch nicht gleichbedeutend damit, ein „Loser“ zu sein. So kam es, dass junge Menschen sich zu-trauten, auch gegen den herrschenden Zeitgeist zu arbeiten und anzuschreiben. Ein Größenwahn im positiven Sinne, der unter den heute herrschenden Bedingungen – da sind sich Interviewer und Interviewter ein weiteres Mal einig – kaum mehr akzeptiert wird. „Wir waren lauter Studienabbrecher, ich hatte Kunstgeschichte studiert, die anderen Theaterwissenschaften. Die einzige Idee war, eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen, den Falter zu machen. Ich hab sogar den Verdacht, manche waren nur dabei, damit sie dann beim Handverkauf die Girls anbraten konnten in den Wiener Lokalen.“

    Mitreißend vermag Hurch mit glänzenden Augen von einer Zeit zu erzählen, in der er mit dem Schreiben keinen Groschen Geld verdiente. „In der Nacht hab ich die Filme plakatiert, die ich untertags im Falter verrissen hab. In der Nacht hab ich sie beworben, um etwas zu verdienen, und untertags hab ich mich hingesetzt und sie am Schreibtisch heruntergemacht.“

    Wobei Hurch die eigene Begeisterung für diese Anfangsjahre immer wieder mit dem Hinweis einschränkt, dass man die Vergangenheit nicht verklären dürfe, es sich ganz einfach um eine andere Zeit und andere Verhältnisse gehandelt habe. Hin und wieder erschrickt der einstige Filmkritiker darüber, wie weit diese Ära nun schon zurückzuliegen scheint. „Jetzt red ich wirklich schon wie ein 80-Jähriger, der von kurz nach dem Krieg erzählt“, sagt er dann leicht betreten.

    Und doch ist Hurch überzeugt, dass das Kino als seismografischer Apparat nach wie vor etwas zu bieten hat, nach dem gerade heute wieder Sehnsucht besteht. Immer wieder mache er bei der Viennale die Erfahrung, dass gerade die Jungen ein Bedürfnis nach der Unmittelbarkeit und Wahrhaftigkeit des Kinos spüren: „Dass man noch was sehen oder erfahren will, dass es nicht nur Serien gibt, die man im Netz sieht und sagt, na da bin ich schon bei der Folge vier ausgestiegen, dass man irgendwann das Gefühl hat, dieses Leben wird so eine austauschbare Sauce.“

    Freund Eric Pleskow

    Über einen, dessen Leben alles andere als austauschbar ist, hat Hurch viel zu sagen: Seinen Freund Eric Pleskow preist er als besonderen Glücksfall für die Viennale, auch wenn dieser seine Rolle selbst immer gerne herunterspiele: „Der Eric sagt ja immer, er ist nur der Frühstücksdirektor.“

    Für Hurch ist Pleskow sehr viel mehr, er spricht davon, welche Bedeutung es nicht nur für das Festival, sondern für die ganze Stadt habe, dass Pleskow sich Wien wieder zugewandt hat. „Dass jemand wie er sich in gewisser Weise doch wieder versöhnt hat mit der Stadt, ist was Schönes. Und trotzdem, glaub ich, gibts im Eric auch irgendwie Reste von etwas Unversöhnlichem, das wird und muss es auch immer geben, das ist ein Teil von ihm. Der Eric ist nicht jemand, der vergisst und der sich dann wieder so einem sentimentalen Schmelz hingibt. Der weiß schon, was da passiert ist, was mit vielen und mit seiner Familie passiert ist.“

    Lustig findet Hurch, dass seine Vertragsverlängerung bis 2018 von Pleskow ignoriert worden sei, der im NU-Interview angekündigt hatte, 2017 noch einmal zur Viennale zu kommen, um mit Hurch dessen letztes Jahr als amtierender Direktor zu begehen: „Ich glaube nämlich, das ist nur eine Ausrede von Eric, damit er wieder nach Wien kommen kann, weil es mein letztes Jahr ist. Dann kann er nämlich nächstes Jahr wieder kommen, weil nächstes Jahr dann tatsächlich mein letztes Jahr ist“, sagt Hurch schmunzelnd. „Aber ich hoffe, und das meine ich ganz im Ernst, dass Eric auch noch nach Wien kommen wird, wenn ich nicht mehr Viennale-Direktor bin, weil die Viennale ihn einfach schätzt und liebt und solange es irgendwie geht als unseren Präsidenten haben will.“

    Als ungewöhnlichen und herausragenden Menschen porträtiert Hurch Eric Pleskow, den man letztlich nur durch seine Geschichte verstehen könne, der eine ganz spezifische historische Konstellation zugrundeliegt: „Er hat schon noch was, der Eric, neben seinem Jüdischen, etwas, das wahrscheinlich letztlich genauso stark ist, denk ich mir oft: Das ist dieses Altösterreichische, das ist noch einmal etwas ganz Eigenes, sozusagen eine untergegangene und verschwundene Form von Sensibilität, Kultur, Bewusstsein, auch von Humor. Ein sehr feines Gespinst von Dingen, in das die Geschichte hineinwirkt und das mit solchen Leuten wie dem Eric verschwindet. Irgendwer hat einmal über irgendwen gesagt: ‚Solche Menschen werden nicht mehr hergestellt. Die alten Gussformen sind verloren gegangen oder zerschlagen worden.‘ Und das stimmt sicher für solche Leute wie den Eric auch.“

    Schmunzelnd erinnert sich Hurch dann noch an seine allererste Begegnung mit dem einstigen United-Artists- Präsidenten, den er mit Hilfe von Gaby Flossmann und Peter Marboe für die Viennale gewinnen konnte: „Das war noch nicht zur Viennale, sondern unterm Jahr. Ich hab ihn abgeholt in Schwechat, und er war ein bisschen müde von dem langen Flug und ein bisschen einsilbig, fast etwas unfreundlich, hab ich das Gefühl gehabt. Na, hab ich mir gedacht, schau ma einmal, wie das wird. Und dann sind wir rausgegangen aus dem Flughafen, er hat einen Trenchcoat angehabt, und der erste richtige Satz, den ich von ihm gehört hab, war in tiefstem Wienerisch: ‚Heast, bei eich hots an Zopfn.‘ Und da hab ich gesagt: ‚Herr Pleskow, wir werden uns gut verstehen.‘ Und so war es dann auch.“

    Anatol Vitouch

    Anatol Vitouch

    ist Schachmeister und Absolvent der Wiener Filmakademie. Gründungsmitglied der Künstlervereinigung „DIE GRUPPE“.