Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Jüdisches Leben
  • SCHLAGWöRTer: ,
  • ausgabe:  Gal Gadot | Nr. 69 (03/2017) - Elul 5777/Tischri 5778
  • Sinn, Freiheit und Verantwortlichkeit

    Zum zwanzigsten Todestag von Viktor Frankl, Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse – der „Dritten Wiener Schule der Psychotherapie“.
    VON IDA SALAMON

     

    © KATHARINA RATHEISER
    © PEPE-TRAIN-ART

    „Der Mensch ist nicht frei
    von seinen Bedingungen,
    sondern frei, zu seinen
    Bedingungen Stellung zu nehmen.“
    Viktor E. Frankl

    Als Rabbiner Jacob Biderman im Jahr 1981 nach Wien kam, um hier die Chabad-Bewegung, eine chassidische Gruppierung innerhalb des orthodoxen Judentums, aufzubauen, ließ er anlässlich des jüdischen Neujahrs Kalender herausgeben. Er verschickte diese mit einem Erlagschein an alle jüdischen Haushalte. Einer der wenigen Spender war der für den Rabbiner damals unbekannte Professor Viktor Frankl, der weder mit der jüdischen Gemeinde in Wien noch mit Chabad Lubawitsch Kontakte pflegte. Seine auffallend hohe finanzielle Unterstützung wiederholte sich von Jahr zu Jahr. „Das war ein Rätsel für mich“, beginnt Rabbiner Biderman den Hintergrund dieser Geschichte aufzurollen.

    Anfang der neunziger Jahre kam es zu einer Begegnung von Rabbiner Biderman mit der ehemaligen Opernsängerin Marguerite Chajes. Chajes, die aus einer berühmten Rabbinerfamilie in Czernowitz stammte, war als Jugendliche nach Wien gekommen, wo ihre erfolgreiche Karriere begann. Sie erzählte Biderman, dass der Lu-bawitscher Rebbe Menachem Mendel Schneerson aus New York sie in den späten fünfziger Jahren gebeten hatte, zwei Personen bei ihrem Besuch in Wien zu kontaktieren: Oberrabbiner Akiba Eisenberg, dem Rabbiner Schneerson Bücher schickte, und Professor Viktor Frankl, dessen Forschung und Werk er sehr schätzte. Rabbiner Schneerson übermittelte durch Chajes eine ermutigende Botschaft an Viktor Frankl: Frankls Lehre sei für die Welt sehr wichtig und er solle nicht aufgeben, soll sich nicht unterkriegen lassen und Mut haben, weiterzumachen, denn der große Durchbruch werde sich einstellen. „Als Marguerite Chajes in Wien Professor Frankl diese Nachricht ausrichtete, ist er in Tränen ausgebrochen. In Wien hatte er wenig Akzeptanz und war gerade dabei, nach Australien auszuwandern. Die Worte des Lubawitscher Rebben sind im richtigen Moment gekommen, er ist geblieben und hatte bald großen Erfolg mit seiner Lehre“, erzählt Rabbiner Biderman. „Das war alles sehr faszinierend für mich und hat mir erklärt, warum er seine finanziellen Zuwendungen immer zusammen mit einer schönen Nachricht gesendet hat.“

    Gotteszeichen

    Es kam immer wieder die Frage auf, warum Viktor Frankl im Krieg überhaupt in Wien geblieben ist, da ihm das amerikanische Konsulat im Jahr 1941 ein Visum für die Auswanderung ausstellte. Damals war er Primarius in der neurologischen Abteilung des jüdischen Rothschild-Spitals und als solcher wurde er davon bewahrt, ins Lager geschickt zu werden. Solange das Rothschild-Spital existierte, waren auch seine Eltern geschützt, mit seiner Emigration hätten sie den Schutz verloren. Frankl wollte nach Amerika, „wo die Psychotherapie ganz groß geschrieben ist, wo sich die Logotherapie ausbreiten kann“, wie er meinte. In einem Dokumentarfilm erklärte er seine Entscheidung zu bleiben: Jeden Mittwoch am Abend ging er mit bedecktem Davidstern in den Stephansdom, um ein Orgelkonzert zu hören, um zu meditieren und zu überlegen, ob er auswandern sollte. Es hat nichts genützt, er hat auf ein Zeichen vom Himmel gewartet. Als er eines Abends nach Hause kam, sah er einen Stein auf dem Tisch liegen. Sein Vater erzählte ihm, dass er diesen Stein an der Stelle gesehen hatte, wo der Leopoldstädter Tempel niedergebrannt war. Er wusste sofort, dass dieser etwas Heiliges darstellte, denn ein hebräischer Buchstabe in Gold war darauf eingraviert. Frankls Vater wusste auch, dass dieses Stück aus der Tafel mit den zehn Geboten stammte, und sogar, zu welchem Gebot es gehörte: „Ehre deinen Vater und deine Mutter.“ Für Viktor Frankl war das ein eindeutiges Zeichen, dass er in Wien bleiben sollte. Die Familie wurde ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Sein Vater starb dort 1943, seine Mutter wurde in den Gaskammern von Auschwitz ermordet, sein Bruder Walter ebenso. Frankls Frau Tilly starb im KZ Bergen-Belsen.

    Am Ende des Krieges litt Viktor Frankl unter Fleckfieber. Zu seinem 40. Geburtstag bekam er einen Bleistift und hielt sich schreibend wach, wobei „die Hingabe an eine Aufgabe“ ihn gerettet hat. Das Typoskript des erst fertiggestellten Hauptwerks der Logotherapie, der Ärztlichen Seelsorge, das er nach Theresienstadt mitgenommen hatte, musste er in Auschwitz zurücklassen, aber er rekonstruierte sein Buch auf gestohlenen Lagerzetteln der SS-Verwaltung in seinem letzten Lager.

    Im Jahr 1946 erschien sein Werk Ärztliche Seelsorge. Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse, Frankl wurde Vorstand der Wiener Neurologischen Poliklinik. Im selben Jahr erschien Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager (später unter dem Titel …trotzdem Ja zum Leben sagen: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager neu aufgelegt). In der englischen Fassung unter dem Titel Man’s Search for Meaning wird das Buch in Amerika zum Bestseller.

    Das Museum

    Nach der Befreiung aus dem Konzentrationslager im Jahr 1945 zog Viktor Frankl in das Haus an der Adresse Mariannengasse 1, wo er bis zum sei-nem Tod 1997 lebte. Seit zwei Jahren gibt es hier das weltweit erste Viktor- Frankl-Museum, das mit Frankls Gedanken zu Sinn und Existenz die „Menschen anregt, ein sinnerfülltes Leben zu gestalten, dem Schicksal konstruktiv zu begegnen, ihr geistiges Potenzial, wie etwa Liebe, Humor, Ethik, zu leben und Vertrauen ins Leben zu gewinnen.“ Das Museum bietet kurzweilige Dokumentarfilme ebenso wie eine Sammlung von Büchern, die als „Restaurant Zum Guten Geist“ den BesucherInnen zum Blättern zur Verfügung steht. So wird aus dem Museumbesuch eine inspirierende Stunde, die die Einstellung zum Leben verändern kann. Viktor Frankls Aussagen haben auch in der heutigen Zeit nichts von ihrer Gültigkeit eingebüßt: „Freiheit ist nicht die ganze Wahrheit, sondern Freiheit ist die eine Seite eines Phänomens, dessen zweite positive Seite Verantwortlichkeit heißt. Das heißt, Freiheit droht immer zu degenerieren in Willkür, wenn sie nicht gelebt wird aus Verantwortlichkeit heraus, und deshalb empfehle ich den Amerikanern immer, sie sollten ihre Freiheitsstatue an der Ostküste ergänzen durch eine Verantwortlichkeitsstatue an der Westküste.“

    Erinnerungen

    Die Psychotherapeutin und klinische Psychologin Elisabeth Lukas ist eine der bekanntesten Nachfolgerinnen Viktor Frankls. Sie begegnete ihm 1968 als junge Studentin der Psychologie an der Universität Wien. Damals schrieb sie ihre Dissertation über die Frankl’sche Logotherapie. „Für diese Dissertation habe ich ein Befragungen mit 1000 Leuten durchgeführt und weitere 365 Personen getestet. Die Werte und Ergebnisse, die herausgekommen sind, haben alles bestätigt, was Frankl behauptet hat“, meint Lukas. Was die Menschen in ihrem Leben für sinnvoll halten, war das Thema der Befragung. „Frankl geht davon aus, dass man auf drei verschiedene Arten Sinn in Leben finden kann: entweder durch das Schöpferische, das Tun, oder durch ein schönes, inniges Erleben. Es gibt auch die dritte Möglichkeit: wenn man an eine Grenze kommt oder einen großen Verlust hat, dann kann man diesen noch mit Sinn erfüllen, durch die Art, wie man sich diesem Leiden stellt“, erklärt Lukas. „Er war ein genialer Arzt und großer Philosoph. Studenten haben seine Vorträge mit Begeisterung gehört, weil er ein geborener Rhetoriker war. Er konnte Massen bewegen, stundenlang sprechen und hat die Zuhörer fasziniert.“

    Die hohe Wertschätzung für ihren Lehrer spürt man in jedem Moment, während Elisabeth Lukas von ihren Erinnerungen an Viktor Frankl spricht. „Er hat ein Motto gehabt und das habe ich mir hinter die Ohren geschrieben: ,Der Misserfolg wird mich nicht beirren und der Erfolg wird mich nicht verführen.‘ Was ich auch bei ihm geschätzt habe, ist diese Treue zu seiner Familie und seiner Frau gegenüber. Er war sehr bescheiden und war nicht auf den materiellen Besitz aus. Er hat aber sehr aufgepasst, dass er einen guten Lebensstil hat, eine seelische Balance.“ Frankls Lieblingsberg war die Rax, wo er sich zum Wandern und Bergsteigen zurückziehen konnte. „Beim Klettern rivalisiert und konkurriert man nur mit sich selbst“, meinte er.

    Die Religion hatte in Frankls Leben eine große Bedeutung. Er legte jeden Tag Tefillin, Gebetsriemen, und ist bis zu seinem Lebensende Jude geblieben. „Er war aber nicht orthodox, sondern total offen. Seine Frau war Christin und das hat überhaupt keine Rolle gespielt“, erinnert sich Lukas. „Er hat immer gesagt: ,Es gibt so viele Wege zu Gott. Wir machen uns zu menschliche Bilder von Gott und sehen in ihm eine Autoritätsperson, die straft, richtet oder fordert. Gott ist aber etwas, was weit über den menschlichen Horizont hinausgeht.‘“

    Auf die Frage „Was kann man in der heutigen, schwierigen Zeit, einem Menschen mit auf den Weg geben?“, antwortete Frankl, wie in einem Film in der Museumsausstellung zu hören ist: „Ich glaube, es wäre das Wichtigste, ihn daran zu erinnern, dass Menschsein letzten Endes heißt, verantwortlich zu sein. Verantwortlich für die Erfüllung jenes Sinnes, der darauf wartet, von ihm und nur von ihm erfüllt zu werden.“

    Ida Salamon

    Ida Salamon

    Die NU-Chefin vom Dienst ist in Belgrad geboren, wo sie Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie studierte. Sie ist im Jüdischen Museum Wien in den Bereichen Sponsoring, Marketing und Veranstaltungsmanagement tätig.
    Ida Salamon

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