Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Hedy Lamarr | Nr. 50 (4/2012) - Kislev / Tewet 5773
  • „Schwer zu sein a Jid“ – besonders auf der Bühne

    Das Jüdische Staatstheater in Bukarest bringt als eines der letzten Häuser Europas regelmäßig jiddische Stücke auf die Bühne – in Originalfassung. Für die überwiegend christlichen Schauspieler bedeutet das nicht nur, jiddische Vokabel zu lernen, sondern fordert auch eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit der jüdischen Kultur.
    Von Eva Konzett (Text) und Martin Gruber (Fotos)

    Bukarest. Taibele ist außer sich. Sie schreit, schlägt um sich, ihre Arme boxen ins Leere; die Augen klein und verquollen, kämpft sie. Sie kämpft gegen die Kreatur auf ihrem Rücken. Kämpft gegen den vermeintlichen Dämon, der sie auserwählt hat, in einem kleinen Dorf in Osteuropa, weit weg von Hilfe und Erlösung. Sie weiß, dass niemand sie unterstützen kann, sie unterstützen wird. Taibele ist allein. Allein mit dem Bösen, das Besitz von ihr zu ergreifen sucht. Allein im Wissen, dass sie verloren ist. Ein letztes Mal wirft sich der kleine Körper dem Bösen entgegen. Gegen die Kreatur und die Konsequenz, die in dem Dämon steckt. Ein Seufzer, Taibele kann nicht mehr. Die Falten des weißen Brokatkleides fallen in sich zusammen.

    Über dem Spiel auf der Bühne bricht erschöpfte Stille ein. Die Zuschauer drücken erwartungshungrig ihre Rücken in die abgewetzten Plüschsessel. Im Dunkel des Theaterraums ist nur mehr ein monotones Summen zu hören: Leicht zeitversetzt bekommen die Zuschauer die Wehklage Taibeles zu hören – auf Rumänisch und in Simultanübersetzung, die über Kopfhörer eingespielt wird.

    Rund 50 Gäste sind an diesem Abend den kleinen Hügel nahe dem pulsierenden Zentrum des Bukarester Straßenverkehrs, dem Einheitsplatz, hochgestiegen oder von einem der vielen gelben Taxis hierher gefahren worden. Hinter einem modernen, deshalb jedoch nicht zwingend stimmigen Glasgebäude, an dem bunten Kiosk vorbei, zum Jüdischen Staatstheater der Stadt Bukarest. Vor den Häuserfassaden in der Iuliu-Barasch-Straße sammeln sich die schwarzen Kabelknäuel, der Asphalt ist wie überall in der rumänischen Hauptstadt aufgebrochen. An der Ecke steht das Theaterhaus, das die Biegung der Straße mitmacht. Der Haupteingang thront am spitzen Punkt des Winkels, als könne das Haus in beide Richtungen schauen. Vor der Treppe raucht eine Handvoll Besucher und wartet auf den Einlass für das Stück Taybele un hurmiza. Die jiddische Erzählung über Taibele und ihren Dämon, ursprünglich von Isaac Bashevis Singer in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts geschrieben, wird an diesem Abend in der rumänischen Hauptstadt in dramatisierter Form und auf Jiddisch aufgeführt.

    Die Simultandolmetschung ist offenbar für den überwiegenden Teil der Gäste eine Notwendigkeit: Geduldig stellen sich sie sich bei der Ausgabe der Geräte an, hantieren kurze Zeit später weniger geduldig an den Knöpfen herum, bis die freundliche Stimme am anderen Ende des schwarzen Gestells auf die richtige Lautstärke eingestellt ist – laut genug, um dem Plot des Stückes folgen zu können, indes so leise, dass die Geräuschkulisse des Bühnenraums nicht übertönt wird. Dort, wo Taibele in Kürze gegen den Dämon antreten wird.

    Kulturerbe der Menschheit
    Das Jüdische Staatstheater in Bukarest ist eines der letzten europäischen Theater, auf dessen Bühne noch auf Jiddisch gespielt wird – wenn auch nicht ausschließlich. Über ein Theaterjahr gesehen liegt der Anteil der jiddischen Produktionen bei etwa der Hälfte. Ein Politikum daraus machen will in dem rund hundert Jahre alten Gebäude jedoch niemand. „Wir sind keine Propaganda-Institution, sondern ein Theater“, sagt Direktorin Maia Morgenstern. Seit Jahrzehnten ist sie, eine der berühmtesten Schauspielerinnen des Landes, am Jüdischen Staatstheater engagiert. Nach dem Tod des langjährigen Direktors Harry Eliad im letzten Sommer hat sie die Führung des Hauses interimistisch übernommen. Die Frage nach dem Grund für ein jiddisches Theater konsterniert sie sichtlich. Das wäre ja, als würden wir die Sinnhaftigkeit der Bäume in Frage stellen, antwortet sie schließlich, um dann doch auszuholen: „Die jiddische Sprache ist Teil des Kulturerbes der Menschheit. Sie ist Ausdruck der kulturellen Vielfalt, in der wir leben.“ Die Emotion des jüdischen Theaters lasse sich nun einmal am besten mittels dessen Sprache, mittels des Jiddischen, transportieren. Das seien die eigentliche Normalität und der Anspruch des Theaters. Allerdings, so Maia Morgenstern, reiche es nicht aus, nur auf Jiddisch zu spielen, ein paar Interviews zu geben und – das lässt sie mitschwingen – von den Subventionen der Stadt Bukarest zu leben. Überzeugen könne letzten Endes nur die künstlerische Darbietung auf höchstem Niveau.

    Wie schwierig diese jenseits der Muttersprache zu erbringen ist, wissen die Schauspieler des Theaters aus eigener Erfahrung. Die meisten sind nicht mit Jiddisch und nicht im Judentum aufgewachsen, die mystische Gesangskultur der rumänisch-orthodoxen Kirche ist ihnen von Kindesbeinen an vertrauter. Nicolae Călugăriţa ist einer von ihnen. Vor 40 Jahren ist er durch einen Wettbewerb an das Jüdische Staatstheater gekommen und wollte eigentlich gleich wieder weg. Besonders, nachdem ihm in der Anfangszeit mitten auf der Bühne ein „Hänger“ passiert war: „Wir hatten damals noch keine Souffleusen, ich hatte meinen Text auf Jiddisch auswendig gelernt, Wort für Wort. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor“, erzählt er. Erst mit der Zeit habe er sich in die jiddische Sprache und in die damit verbundene Kultur eingelebt. Ein langwieriger und schwieriger Prozess sei es gewesen, in die Figur neben dem Text auch eine künstlerische Auseinandersetzung einzubringen. „Es ist eben schwer zu sein a Jid“, zitiert Călugăriţa lachend den berühmten Dichter Schalom Alejchem – auch auf der Bühne. Ob das alles Sinn mache? Der Schauspieler antwortet pragmatisch: Das jiddische Theater sei unbestritten Teil der rumänischen Theatertradition. Eine Tradition, die mangels jiddischer Muttersprachler und jüdischer Schauspieler überhaupt nun eben von Rumänen fortgeführt werde, auch wenn das paradox erscheinen möge.

    Der Ursprung des jiddischen Theaters liegt an der rumänisch-moldauischen Grenze, in Iaşi. Dort gründete der Dichter Abraham Goldfaden in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts eine Theatertruppe, die sich mit satirischen Stücken in den Weinkellern der Stadt einen Namen machte. Durch den Erfolg ermutigt, ging das Theater auf Tourneen und dehnte seinen Radius bis nach Odessa und Bukarest aus. Es folgte die Blüte der genuin jiddischen Theatertradition in der Zwischenkriegszeit, bevor sie gemeinsam mit den Juden und der gesamten jüdischen Kultur Osteuropas von den Nationalsozialisten beinahe vollständig ausgelöscht wurde.

    Tägliche Übersetzungsarbeit
    Der Regisseur Andrei Munteanu, ein Jude aus Chişinău, der Hauptstadt der heutigen Republik Moldau, hat Jiddisch noch von seinen Großeltern gelernt. „Als zweite Sprache neben Rumänisch, meiner Muttersprache“, sagt er. Für ihn ist es „schlichtweg ein Wunder“, dass er jiddische Stücke in ihrer Originalsprache auf die Bühne bringen kann – trotz all der Hürden, die eine solche Produktion heute mit sich bringt. So wird der Text zuerst auf Rumänisch eingesprochen, die Situationen und Stimmungslagen der Schauspieler auf Rumänisch diskutiert. „Das funktioniert auf Jiddisch aber nicht“, kommentiert Munteanu aber dann während einer Probe die Passage einer Schauspielerin. Die anwesenden Kollegen seufzen. Es ist eine kräfteraubende Übersetzungsarbeit, die hier täglich geleistet werden muss und geleistet wird – vor allem bei jungen Schauspielern, wie der Regisseur einräumt. Diese haben wie Alexandra Fasola, welche die Figur der Taibele darstellt, anfänglich mit der jüdischen Kultur eigentlich gar nichts am Hut – und mit der jiddischen entsprechenden noch weniger. Da müssen zuerst Grundbegriffe, jüdische Feiertage und Bräuche erklärt werden, auf die in den Stücken Bezug genommen wird. Da muss man sich neben der Sprache auch die jüdische Lebensweise behutsam Schritt für Schritt aneignen. Ob und wie viel während dieses Prozesses verloren geht, darüber spricht hier niemand gern.

    1978 zählte Isaac Bashevis Singer in seiner Rede anlässlich der Verleihung des Literaturnobelpreises die Gründe für seine Entscheidung auf, in Jiddisch, einer offenbar sterbenden Sprache, zu schreiben. Unter anderem glaube er nun einmal an die Auferstehung, so der frischgekürte Nobelpreisträger damals. „Nach der Ankunft des Messias werden Millionen Jiddischsprachiger aus ihren Gräbern steigen, und ihre erste Frage wird sein, ob es ein neues jiddisches Buch zu kaufen gibt“, so Singer. Für all diese zukünftig Auferstandenen sei Jiddisch mitnichten tot. Und für sie wolle er schreiben, ließ der Schriftsteller verstehen.

    Auch in der rumänischen Hauptstadt wird Jiddisch in seiner künstlerischen Form am Leben erhalten. Auf die Auferstehung indes wartet hier niemand. „Wir wollen die Schönheit einer spezifischen Geschichte, unserer Geschichte weitergeben. An alle“, sagt Maia Morgenstern. Deshalb spiele das Theater nicht ausschließlich für Juden, auch nicht für Rumänen, sondern für jeden Interessierten „und besonders für jene, die uns nicht mögen“, so die Direktorin. Schließlich sei Unkenntnis noch immer der hartnäckigste Grund für Ablehnung.

    „Für die, die bereit sind, sich anzustrengen, gibt es großartige Geheimnisse und Schätze zu holen“, auch das hat Isaac Bashevis Singer einmal gesagt. Dieser Satz gilt wohl überall. Sollte der 1991 verstorbene Schriftsteller jedoch dereinst, nach der Ankunft des Messias, fragen, wo ein jiddisches Stück neu produziert wird: Die Antwort liegt in Bukarest.

    Eva Konzett

    Eva Konzett

    Journalistin mit Hang zu Osteuropa, Redakteurin beim Wirtschaftsblatt, twittert für das NU.
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