Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Christian Rainer | Nr. 66 (04/2016) - Kislev 5777
  • Schnee aus der Wüste

    Die Gletscherbahnen Pitztal schwören auf eine Schneekanone aus Israel. Sie kann selbst bei Plusgraden Schnee erzeugen.
    VON EVA KONZETT

     

    © TVB PITZTAL

     

    „Nicht mehr wie früher sind wir jetzt das lange Winterhalbjahr in die Tiefen gebannt, der Ski lässt uns leicht und mühelos zu den Höhen gleiten, über unsere Bergwiesen und Almen hinauf, über verschneite Klüfte sicher zu stolzen Zinnen oder nahe an Gipfel heran.“ (Rudolf Gomperz, 1910)

    Eigentlich müssten die Bergbahnbetreiber, die Hoteliers und Gastronomen, die Sporteinzelhändler und Souvenirverkäufer in der Bergkulisse des Tiroler Pitztals jeden Spätsommer Dankeskarten an das Goldbergbau- Unternehmen Anglogold Ashanti in Südafrika und in die israelische Stadt Kadima schicken. Denn dass die Pisten an den Gletscherhängen der Ötztaler Alpen im September öffnen können, dass das Geschäft mit dem Skitourismus von Beginn an reibungslos läuft, ja, dass die Betreiber der Gletscherbahnen und mit ihnen alle Dorfbewohner nicht mehr bange gen Himmel schauen müssen, in der Hoffnung, dass die Sonne ausbleibt, hat mit der Mponeng-Goldmine im Nordwesten Südafrikas zu tun. Und mit israelischer Technologie, die dort, in der tiefsten Goldmine der Welt, eingesetzt wird.

    Es fehlt am Schnee

    Der Wintertourismus ist ein entscheidender Wirtschaftsfaktor in Österreich. Rund 13 Milliarden Euro Umsatz haben die Skigäste im vergangenen Winter gebracht, mehr als 18 Millionen Gäste wurden beherbergt, mehr als 100.000 Arbeitsplätze hängen an der Wintersaison. Allein Tirol hat im vergangenen Winter knapp sechs Millionen Ankünfte verzeichnet. Durchschnittlich 152 Euro gab jeder Besucher pro Tag aus. Der Skitourismus ist ein großes Geschäft. Und er hat ein großes Problem. Denn es fehlt an der wichtigsten Ressource: Es fehlt am Schnee, selbst auf den höchsten Gipfeln des Landes.

    Um durchschnittlich 22 Meter haben sich die österreichischen Gletscher allein 2015 zurückgezogen, schreibt der Österreichische Alpenverein, einzelne, darunter der Taschachferner und der Gepatschferner, beide in den Ötztaler Alpen, haben gar mehr als 100 Meter an Stein und Geröll freigegeben – unwiederbringlich rückt die Schnee- und Eisdecke nach oben. Diese Folgen des Klimawandels bereiten nicht nur Ökologen Kopfzerbrechen, sondern auch jenen, die vom Fremdenverkehr leben. Der Gletscher ist es schließlich, weswegen die Gäste kommen. Und damit das Geschäft.

    Deshalb muss Schnee erzeugt werden, wo er auf natürliche Weise nicht mehr liegen bleibt. Im Tiroler Pitztal geschieht dies unter anderem mit der IDE-Allwetter-Schneemaschine, einer israelischen Erfindung, die selbst bei Plusgraden Schneekristalle auswirft. Seit 2009 steht sie in einem grauen Kubus versteckt neben der Talstation der Pitz-Panoramabahn auf 2850 Meter Höhe, am Fuße des höchsten Schigebiets von Österreich. „Die Technik kommt bei uns zu Beginn der Saison zum Einsatz, um vor allem die Verbindungspiste zwischen den Gletschern Mittelbergferner und Brunnenkogelferner zu beschneien“, sagt ein Sprecher der Pitztaler Gletscherbahn. Mit der IDE-Schneemaschine, die wetterunabhängig 950 Kubikmeter Schnee in 24 Stunden produziert, verhindert man allzu viel hässliches Grün auf den unteren Hängen, wenn herkömmliche Schneekanonen aufgrund der milden Temperaturen nicht eingesetzt werden können.

    Im Schneeland Österreich sichert jetzt die Technologie aus der Wüste die Früh- und Spätsaison. Ihren Anfang aber nahm sie im sowjetischen Gulag.

    Die Schneemaschine ist der Joker

    Diese Geschichte hat mehrere Stationen, eine im St. Anton der Vorkriegsjahre, die andere im darauf folgenden Grauen. Sie führt nach Israel, nach Afrika und von dort ins Ötztaler Gebirge. Für die Allwetterschneemaschine entscheidend war ein Zusammentreffen vor mehr als 70 Jahren in der kasachischen Steppe, in einem Arbeitslager im sowjetischen Gulag. Ein dort internierter polnischer Unternehmer und ein sowjetischer Ingenieur begannen auf der Suche nach einer verlässlichen Trinkwasserquelle, Süßwasser aus dem Meerwasser zu extrahieren. Dafür füllten sie im Sommer große Becken mit Meerwasser, ließen sie über Winter frieren und schmolzen im einsetzenden Frühjahr die Eisblöcke, die kein Salz enthielten, wieder ab. Später, nach seiner Flucht nach Israel, baute der Ingenieur, Alexander Zarchin, die erste Entsalzungsanlage des jungen Staates. Die Projektmittel kamen von Premierminister David Ben-Gurion. Wollte der junge Staat Israel, der zur Hälfte aus Wüstengebieten bestand, überleben, musste er die Wasserfrage klären, das war dem Ingenieur und dem Politiker klar.

    Was mit einer Entsalzungsanlage begann, hat sich mit dem israelischen Unternehmen IDE Technologies mit Sitz im Hascharon-Industriepark in Kadima zum Weltmarktführer für Meerwasserentsalzungstechnologie entwickelt. IDE Technologies betreibt heute neben der größten Entsalzungsanlage Israels in Sorek, 15 Kilometer südlich von Tel Aviv, und der Anlage Aschkelon, die gemeinsam pro Tag mit einer Million Kubikmeter Trinkwasser mehr als 2,5 Millionen Menschen versorgen, rund 400 Produktionsstätten weltweit – darunter im dürregeplagten Kalifornien ebenso wie in China.

    Beim Trinkwasser kennt sich IDE Technologies aus. Aber was ist mit den Eiskristallen? Auch der polnische Unternehmer aus dem Sowjet-Arbeitslager wanderte später nach Israel aus. Und auch er hatte das Wissen aus der Steppe mit ins gelobte Land genommen, wo er es zusammen mit seinem Geschäftssinn an seinen Sohn Abraham Ophir weitergab. Dieser wurde Leiter der Forschungsabteilung von IDE. Im Jahr 2005 reiste er nach Südafrika – ursprünglich, um in den Bergwerksbetrieben in Mponeng im legendären Bergbaurevier West Wits eine neue Kühltechnik vorzustellen. Nicht mit Wasser sollte das 60 Grad heiße Gestein in vier Kilometern Tiefe gekühlt werden, damit die Arbeiter schürfen konnten, sondern ressourcenschonender mit Eisbrei, in einem Vakuum erzeugt. Die Technik baute auf den Erkenntnissen aus der Entsalzungsmethodik im Gulag auf.

    Als sich aber während des Besuchs nach den ersten Testläufen an der Oberfläche als Abfallprodukt der Kühlung bei 30 Grad Celsius Eiskristalle auf der südafrikanischen Erde türmten, erinnerte sich Ophir an seine Kindheit in Kasachstan, an den Schulweg auf Skiern, an den Schnee – so erzählte er es 2014 der Nachrichtenagentur Bloomberg. Ihm wird klar: Das ist ein zweites Geschäftsmodell. Nicht nur für den Bergbau, sondern für Regionen, die Schnee benötigen.

    In den Alpen ist die IDE-Schneemaschine heute vielerorts nicht mehr wegzudenken. Nicht nur im österreichischen Pitztal, auch im schweizerischen Zermatt etwa schwört man auf die Vakuumtechnik. Die Schneemaschine ist der Joker für den reibungslosen Ablauf des Skispektakels geworden, das Wohlstand in die kargen Höhen bringt.

    Aus den zwei Holzbrettern überhaupt ein Geschäft zu machen, diesen Einfall hatte aber ein anderer rund hundert Jahre zuvor gehabt. Der skibegeisterte Rudolf Gomperz, ein gebürtiger Wiener, baute St. Anton ab der Jahrhundertwende zu einem ersten Zentrum des modernen Skitourismus aus. Seine Verdienste um die Entwicklung des Wintertourismus haben erst die jüngsten Jahre wieder freigelegt. Über Jahrzehnte hatte man sich nur äußerst ungern Gomperz’ erinnert. Er selbst konnte für sich nicht Partei ergreifen. Der zum Protestantismus konvertierte Rudolf Gomperz, ehemals Vorsitzender des Österreichischen Skiverbands und Leiter des Fremdenverkehrsbüros in St. Anton, jener Mann also, der einst den Grundstein für den Wirtschaftszweig legte, den heute auch die IDE-Schneekanone absichert, wurde 1942 als Jude nach Wien zwangsumgesiedelt. Er starb am 26. Mai 1942 im Vernichtungslager Maly Trascjanec bei Minsk.

    Eva Konzett

    Eva Konzett

    Journalistin mit Hang zu Osteuropa, Redakteurin beim Wirtschaftsblatt, twittert für das NU.
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