Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Rafael Kishon | Nr. 63 (01/2016) - Nissan 5776
  • Schlacht auf dem Campus

    An den Universitäten in den USA heizt sich der Konflikt um Israel auf. Pro-israelische Gruppen und streitbare Aktivisten der sogenannten BDS-Bewegung (Boykott, Diversity, Sanctions), liefern sich heftige Auseinandersetzungen. Peter Frey analysiert die Situation an seiner Heimat- Universität, dem Vassar College, an dem er 1982 sein Studium absolvierte.
    ÜBERSETZUNG: DANIELLE SPERA

     

    In Wien aufgewachsen, war ich daran gewöhnt, als Jude immer Teil einer kleinen Minderheit zu sein (meine beiden Brüder und ich waren die einzigen Juden in unserem Gymnasium). Plötzlich in einer Umgebung zu sein, in der 25 Prozent der Studentenschaft jüdisch war, bedeute für mich eine Offenbarung. Auf einmal war es bequem und unkompliziert, jüdisch zu sein. Das Vassar College war einer der Gründe, warum ich mich in die USA verliebte.

    Das jüdische Leben war damals ganz und gar unpolitisch. Die wichtigsten politischen Anliegen der Studenten in dieser Zeit waren, alle Investitionen der Universität aus Südafrika abzuziehen, oder sich für die Wiederwahl von Jimmy Carter für die Präsidentschaft einzusetzen. In den vergangenen 34 Jahren habe ich mich immer mit meiner Hochschule verbunden gefühlt und dort auch engagiert.

    Doch dann geriet der Nahe Osten in den Fokus. 2014 beschloss eine Gruppe von Politologie-Studenten, eine Studie zum Thema Wasserfragen in Israel und der Westbank durchzuführen. Daraufhin kam es zu Protesten durch die antizionistische palästinensische Aktivistengruppe „Studenten für Gerechtigkeit in Palästina“ (SJP), die an verschiedenen US-Universitäten immer wieder durch aggressives Verhalten gegen jüdische Studierende aufgefallen ist. Sie behauptete, dass es bei solch einer Studie um viel mehr als nur um das Thema Wasser ginge, und blockierte sogar den Zugang zu den Klassenräumen, in denen die Politologie- Studenten arbeiten sollten. Die Universitätsleitung versuchte, eine ruhige Diskussion zu dem Thema einzuleiten, doch ohne Erfolg.

    Ein unbequemer Ort für jüdische Studenten

    Etwa zur gleichen Zeit entschied sich die „American Studies Association“, eine von vielen amerikanischen Hochschulgruppen, akademische Institutionen in Israel zu boykottieren. Eine äußerst umstrittene Entscheidung, mit der sich viele Hochschulen – einschließlich Vassar – nicht einverstanden erklärten. Allerdings verfasste eine Gruppe von Vassar- Professoren einen Brief und erklärte, dass sie sehr wohl mit einem Boykott israelischer Universitäten einverstanden wären.

    Diese Vorkommnisse sorgten dafür, dass die Presse sich für Vassar zu interessieren begann. So erschien im angesehen Wall Street Journal ein Artikel, in dem das Vassar College als unbequemer Ort für jüdische Studenten bezeichnet wurde. Die Folge war, dass Vassar von der Organisation „Stand with us“ auf die Liste der zehn antisemitischsten Universitäten gesetzt wurde. Daraufhin stellten zahlreiche jüdische Alumni ihre finanzielle Unterstützung von Vassar ein.

    In den vergangenen zwei Jahren hat sich der Ton an den amerikanischen Universitäten weiter verschärft, auch wegen der Ereignisse von Ferguson und anderer Beispiele von Polizeigewalt gegen meist junge Afroamerikaner. In dieser Atmosphäre ist auch die Unterstützung für die BDS-Bewegung an den Universitäten gewachsen und die Sympathie für die Palästinenser, die von vielen Studenten als unterdrückte Minderheit angesehen werden, gestiegen.

    In Vassar hat die palästinensische Aktivistengruppe SJP weiterhin zwar nur eine sehr geringe Anzahl von Anhängern (offiziell sind es zwölf Mitglieder), darunter befinden sich aber auch jüdische Studenten. Auch eine jüdische Pro-BDS Organisation ist in Vassar aktiv. Sie werden durch verschiedene konservative Gruppierungen um den republikanischen US-Unternehmer Sheldon Adelson bekämpft.

    Fehlende sachliche Diskussion

    Die linksliberale pro-israelische Organisation J Street ist als einzige vor Ort aktiv, um der BDS-Bewegung entgegegezuwirken. J Street setzt sich für einen nuancierten Dialog zwischen Israelis und Palästinensern ein und steht damit im Gegensatz zu den anderen Gruppierungen an den beiden Extremen dieser Schlacht am Campus.

    In den letzten Monaten hat sich die Situation aufgeheizt. Die Diskussionen unter den Studenten nehmen an Schärfe zu und es kommt immer wieder zu aggressiven, verbalen Attacken gegen jüdische Studenten in den Social Media. Öl ins Feuer goss dann Professorin Jasbir Puar von der Rutgers Universität, eine bekannte BDS-Anhängerin. In einer Rede an der Vassar Universität erwähnte sie Gerüchte, dass Israel Körperteile von toten palästinensischen Gefangenen entfernen würde. Obwohl ihr Vortrag nur einer unter mehr als tausend wissenschaftlichen Vorlesungen war, nahm ihn das Wall Street Journal zum Anlass, in einem weiteren Artikel Vassar College gleich als Brutstätte des Antisemitismus zu bezeichnen. Die Universitätsleitung sei nicht bereit, die jüdischen Studenten zu schützen. Später stellte sich heraus, dass die beiden bekannten Autoren nicht ein einziges Gespräch mit der Verwaltung, den Professoren oder Studenten geführt und auch die Universität nicht besucht hatten.

    Tatsächlich ist das jüdische Leben auf dem Vassar Campus voller Lebendigkeit, Vielfalt und Aktivität. Es gibt ein Judaistik-Studium, jüdische Studien, auch Jiddisch, und verschiedenste Vorträge über das Judentum und über Israel. Last but not least ist ein Viertel der Studenten jüdisch. Mehr als hundert Studenten besuchen wöchentlich die Gottesdienste am Freitagabend und das Schabbat- Abendessen.

    Wie lässt sich also diese Eskalation bewerten? Vassar sieht sich wie viele andere US-Universitäten zwischen zwei starken Kräften eingeklemmt: einerseits einer wachsenden BDS-Bewegung, die auch aufgrund der fehlenden politischen Fortschritte zwischen Israelis und Palästinensern an Popularität gewinnt. Andererseits versuchen jüdische Gruppen zu beweisen, dass die Kritiker der israelischen Regierung antisemitisch agieren würden.

    In dieser verbalen Schlacht auf dem US-Campus fehlt jegliche sachliche Diskussion über den tatsächlichen Status zwischen Israelis und Palästinensern. Es scheint, als ob beide Seiten absolut kein Interesse an einem Dialog zeigen, um einen essentiellen Beitrag zur Deeskalation zu leisten.

    Es ist schwer, die Zukunft vorherzusagen, aber eines ist klar: So lange die politische Situation zwischen Israelis und Palästinensern im Status quo verharrt, so lange wird sich die PR-Schlacht noch verstärken, und Vorwürfe des Antisemitismus werden im Zentrum der Diskussionen stehen. Die Universitäten in den USA und Großbritannien müssen sich darauf vorbereiten, dass sie zu einem Spielball werden, in einem Wettbewerb, den sie vermutlich nicht verstehen und ganz bestimmt nicht kontrollieren können.

     

    Das Vassar College ist eine amerikanische Elitehochschule in Poughkeepsie. Es wurde 1861 von Matthew Vassar als College für Frauen gegründet, 1969 war das College Vorreiter bei der gemeinsamen Ausbildung von Männern und Frauen. Von den heute 2500 Studierenden ist etwa ein Viertel jüdisch.

    Danielle Spera
    Das NU-Gründungsmitglied ist Direktorin des Jüdischen Museums Wien. Davor war sie ORF-Journalistin und Moderatorin. Sie studierte Publizistik- und Politikwissenschaft.
    Danielle Spera

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    Peter Frey

    Peter Frey

    ist in Wien geboren und aufgewachsen. Nach einer Karriere als Banker an der Wall Street zog er sich vor einigen Jahren aus dem aktiven Berufsleben zurück und engagiert sich seither bei kulturellen und sozialen Projekten. Er ist Co-Vorsitzender der New Yorker Organisation von J-Street.
    Peter Frey

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