Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Schach
  • SCHLAGWöRTer: 
  • ausgabe:  Neil Shicoff | Nr. 59 (01/2015) - Nissan 5775
  • Schach als reine Idee oder: Der ewige Kandidat

    Akiba Rubinstein zählte in den 1910er- und 1920er- Jahren zu den weltweit stärksten Spielern und galt als Endspiel-Spezialist.
    VON ANATOL VITOUCH

    Efim Bogoljubow und Akiba Rubinstein, Moskau 1925

    Das Schachspiel lebt nicht zuletzt von seinen Legenden. Einer der beliebtesten zufolge soll Akiba Rubinstein einem anderen Schachmeister auf einer Bahnfahrt eine merkwürdige Geschichte erzählt haben: Er, Rubinstein, habe zunehmende Konzentrationsprobleme, weil ihn seit Jahren eine Fliege von Turnier zu Turnier verfolge. Sobald er versuche, tiefer in die Geheimnisse einer Stellung einzudringen, setze sich die Fliege auf seine Stirn und mache ungestörtes Nachdenken unmöglich.

    Akiba Kiwelowicz Rubinstein wird 1882 in eine arme jüdische Familie im Dorf Stawiski, 70 Kilometer von Warschau entfernt, hineingeboren. Akibas Vater stirbt wenige Wochen vor seiner Geburt. Und auch zwölf der dreizehn Geschwister Rubinsteins sterben bereits im Kindesalter an Tuberkulose. Wie seine männlichen Vorfahren soll Rubinstein Schriftgelehrter werden. Aber aus Angst, er könnte sich wie seine Geschwister mit Tuberkulose infizieren, schickt die Mutter ihn zunächst nicht zur Jeschiwa.

    Die so gewonnene Freizeit nützt der junge Rubinstein häufig zum Schachspiel, das er im Cheder, in einer traditionellen, religiös geprägten Schule, erlernt hat. Während sein Stiefbruder ein angesehener Thoraforscher wird, steigt Rubinstein rasch zum besten Spieler der Region auf. Er übersiedelt nach Łódź, wo er bei Hersz Salwe, dem damals stärksten polnischen Spieler, in die Lehre geht und ihn alsbald überflügelt.

    Rubinsteins Weg zum „Luftmenschen“, der sich mit Preisgeldern aus Schachturnieren über Wasser halten wird, ist damit bereits vorgezeichnet. Aber auch wenn seine Entscheidung für das Spiel – wie bei vielen jüdischen Meistern – eine Entscheidung gegen die vorgesehene Laufbahn als Schriftgelehrter bedeutet, sollte der geistige Zusammenhang dieser beiden Welten nicht unterschätzt werden:
    „Es überrascht nicht, dass die Talmudexegese häufig mit einem Schachspiel verglichen wurde und dass die bedeutende Rolle, die Juden zu aller Zeit in der Geschichte des Schachspiels gespielt haben, häufig auf die Schulung des spekulativen Geistes am Text des Gesetzes zurückgeführt wurde. (…) Die Texte folgen nicht linear aufeinander, sondern halten einander in Schach, sodass der Lesende zum Schachspieler wird, der in ‚heilig ernstem Spiel‘ die unzähligen Varianten des Textes prüft und sie danach in Streitgesprächen mit anderen erprobt; die Exegese selbst erscheint als kombinatorisches Spiel mit Figuren aus Schriftzeichen.“
    So schreibt der österreichische Kulturforscher und Schachhistoriker Ernst Strouhal in seinem 1996 erschienenen, wunderbar zu lesenden Großwerk acht x acht. Zur Kunst des Schachspiels (Springer- Verlag), in dem er die Geschichte des Schachs entlang einer Partie Rubinsteins gegen den Wiener Meister Ernst Grünfeld erzählt und diesem damit ein literarisches Denkmal setzt.

    Tragischer Held
    21-jährig entscheidet Rubinstein sich endgültig für ein Leben als Schachprofi, das nach seinem Plan aus 300 Tagen Studium, 60 Tagen Turnierpartien und fünf Tagen Erholung pro Jahr bestehen soll. Diesem ehrgeizigen Plan dürfte er so oder so ähnlich gefolgt sein, denn bereits 1909, also mit 27 Jahren, gehört Rubinstein zu den seriösen Anwärtern auf einen WMKampf gegen den amtierenden Weltmeister Emanuel Lasker.

    Rubinsteins Stil ist zu diesem Zeitpunkt in der Schachwelt bereits ebenso bekannt wie gefürchtet. Unter Vermeidung taktischer Scharmützel zwingt er auch stärksten Gegnern seine glasklaren strategischen Pläne auf, deren Früchte er häufig in nur scheinbar harmlosen Endspielen erntet. Rubinsteins beste Partien sind asketische Meisterwerke der Vernunft, in denen der Zufall ausgeschaltet scheint und die reine positionelle Idee triumphiert.

    Trotz dieses frühen, beeindruckenden Aufstiegs bleibt Rubinstein ein Kampf um die Weltmeisterschaft sein Leben lang verwehrt. Erst kann er die nötige Wettkampfbörse nicht aufbringen, dann ziert Weltmeister Lasker sich so lange, bis Rubinstein die Nerven verliert und 1914 im bedeutenden Turnier zu St. Petersburg nicht einmal unter die besten fünf Spieler kommt. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs bedeutet einen weiteren Aufschub für Rubinsteins Hoffnungen.

    Nach Kriegsende steht dann plötzlich eine neue Generation junger Meister in den Startlöchern, die Rubinstein überflügeln: Capablanca heißt der nächste Weltmeister, der übernächste Aljechin. Akiba Rubinstein wird zum tragischen Helden, zum ersten Mitglied jenes fiktiven Clubs, dem all jene großen Meister angehören, die zu ihrer Zeit die stärksten Spieler der Welt waren, ohne je Weltmeister zu werden.

    Der Rest ist Agonie. In den 1920er- Jahren wird Rubinstein immer verschrobener, spricht auf Turnieren wochenlang zu niemandem ein Wort und kommt nur ans Brett, um jene Züge auszuführen, die er vorher in einer Ecke des Turniersaals im Stillen ergrübelt hat. Es ist dies wohl ein Versuch, dem störenden Einfluss der Fliege zu entkommen.

    1931 beendet Rubinstein seine Karriere offiziell. Seine beiden Söhne erinnern sich an einen Vater, der dem Schachspiel der Kinder schweigend beiwohnt und bei groben Fehlern das Zimmer verlässt. Den Zweiten Weltkrieg überlebt Rubinstein in einer Nervenklinik in Belgien. Er stirbt 1961 in einem jüdischen Altersheim in Antwerpen. Partiefragmente wie Rubinsteins folgendes berühmtes Bauernendspiel dürfen allerdings – im Kosmos des Schachs – als unsterblich bezeichnet werden.

    Anatol Vitouch

    Anatol Vitouch

    ist Schachmeister und Absolvent der Wiener Filmakademie. Gründungsmitglied der Künstlervereinigung „DIE GRUPPE“.
    Anatol Vitouch

    Neueste Artikel von Anatol Vitouch (alle ansehen)