Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Pamela Rendi-Wagner | Nr. 68 (02/2017) - Tamus 5777
  • Raunzen ist etwas sehr Jüdisches

    Danielle Spera war unterwegs mit der Sängerin und Kulturschaffenden Shlomit Butbul. 
    FOTOS: OURIEL MORGENSZTERN

    Die Frage, wo wir uns treffen, ist innerhalb von Sekunden geklärt: Es muss etwas mit Israel zu tun haben, sagt die Sängerin, Entertainerin und Schauspielerin Shlomit Butbul. Das „Hungry Guy“ Ecke Rotenturmstraße/Fleischmarkt ist dafür genau richtig. Es duftet nach frischem israelischen Fladenbrot, aber am späten Nachmittag möchte Shlomit bei den Pitot nicht mehr zugreifen, sondern bleibt diszipliniert bei einem kühlen Minzegetränk. „Israel ist mein Baum, denn dort sind meine Wurzeln“, sagt die 52-jährige dreifache Mutter, deren Familiengeschichte und Aufwachsen alles andere als einfach war.

    Dass sie oft als Tochter von Jazz- Gitti etikettiert wird, stört sie überhaupt nicht. „Ich bin die Tochter von Jazz- Gitti. Ich habe einen tollen Namen, ich heiße Shlomit Butbul. Wenn man mir noch einen Untertitel geben will, dann bitteschön! Ich bin sehr stolz auf meine Mutter. Sie ist für mich eine einzigartige Entertainerin. Manchmal geht sie mir auf die Nerven. Aber bei welcher Tochter ist das nicht der Fall?“

    Unglaubliche Familiengeschichten

    1965 wird Shlomit Butbul in Israel geboren. Schon ihre Mutter, die spätere legendäre Jazz-Gitti, mit bürgerlichem Namen Martha (Margit) Butbul, war dort mit einem schweren emotionalen Rucksack hingekommen. Den Ursprung bildete eine Rabbinersfamilie aus Galizien, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts in Wien ansiedelte. Shlomits Großmutter Frieda heiratet einen nichtjüdischen Mann namens Ferdinand. Er ist Chauffeur bei der SS, der sich aber für die Rettung des jüdischen Teils der Familie und anderer Jüdinnen und Juden einsetzt. Wegen ihrer Ehe wurde Frieda allerdings vom Rest der Familie mehr oder weniger verstoßen. Nach dem Krieg eröffnete sie das erste Geschäft für „Waren aller Art“ am Mexikoplatz. „In meiner Familie gibt es wirklich unglaubliche Geschichten“, so Shlomit Butbul. „Meine Großeltern hatten zu Beginn des Zweiten Weltkriegs eine Tochter, die an einem 13. Mai geboren worden war. Sie wurde krank und starb, weil es nicht die richtigen Medikamente gab. Neun Jahre später kam meine Mutter Gitti auf die Welt, an einem 13. Mai, genau wie ihre verstorbene Schwester.“

    Die Angst um dieses zweite Kind war überbordend, Gitti wurde verwöhnt und mit Essen vollgestopft, erzählt Shlomit Butbul. Und erst im Alter von 14 Jahren, als ihre Mutter starb, erfuhr Gitti, dass sie Jüdin ist. Mit 16 wurde Gitti zur Hochzeit ihrer Cousine nach Israel eingeladen, dann ging alles recht schnell. Gitti lernte einen Israeli kennen. „Übrigens der erste Sefarde in der Familie“, und es wurde geheiratet. Wenig später kam Shlomit zur Welt. Die Ehe der Eltern stand allerdings von Anfang an unter keinem guten Stern. Der Vater fuhr zur See und war kaum zu Hause. Die Mutter musste arbeiten und so kam Shlomit als Baby zu Zieheltern nach Kiryat Haim bei Haifa. Diese „Ersatzeltern“ sind bis heute wie ihre Familie. Trotz der Kriegssituationen, ständiger Bedrohungen und oftmaligem Schutzsuchen im Bunker erinnert sie sich an viel Geborgenheit. Das alles ändert sich abrupt, als sich ihre Mutter 1971 entscheidet, nach Wien zurückzukehren.

    Für Shlomit ein Schock. Sie sprach ausschließlich Hebräisch und fand sich als Sechsjährige in einer völlig fremden Umgebung wieder. „Wir sind am 21. Juni 1971 in Wien angekommen und ich sollte im September mit der Schule beginnen. Es war schwer. Ein völlig anderes Leben, eine andere Sprache. Meine Mutter hat bei der IKG um Hilfe gebeten, aber ohne Erfolg. Da kam eine polnische Jüdin mit einem marokkanischen Kind, ohne Geld, und brauchte Hilfe. Als meine Mama dann berühmt war, hat man ihr quasi eine Ehrenmitgliedschaft angeboten. Sie hat nur gesagt, damals, als ich Hilfe brauchte, wolltet ihr mich nicht haben. Warum also jetzt?“

    Eine nichtjüdische Tante springt ein und nimmt Shlomit bei sich auf. Die Tante sprach kein Wort Hebräisch, Shlomit kein Wort Deutsch. Dennoch wird sie zu einer engen Bezugsperson, fordert allerdings, dass Shlomit getauft wird, aus Angst, dass es wieder einmal zum Nationalsozialismus kommen könnte. Shlomits Mutter stimmt zu. Nach der Taufe landet Shlomit in einem katholischen Internat. Die Klosterschwestern gehen mit den jüdischen Wurzeln ihrer Schülerin behutsam um. „Sie waren sehr lieb zu mir, ich hatte also auch da Glück. In der damaligen Stimmung in Österreich galt ich als Ausländerin, ich war quasi ein schwarzes Kind, denn in Israel war ich viel in der Sonne, jeden Tag am Strand. Das heißt, ich war eine Außenseiterin, auch in der jüdischen Jugendorganisation Haschomer Hatzair, denn unsere Familie hat nicht in das konservative Schema der damaligen Zeit gepasst.“

    Die Weltbürger

    Shlomits Mutter schaffte es irgendwie, Lokale zu gründen und war auf dem Weg zur legendären Jazz-Gitti. Als sie krank wurde, ging Shlomit nach der Schule dort aushelfen, oft bis vier Uhr früh. So manche Dinge hätte sie gern geändert, die Mutter wollte aber von der Tochter keine Ezzes. „Sie hat sich von mir nichts sagen lassen. Wir sind beide sehr emotionell. Daraufhin habe ich mich mit 17 entschieden, nach Israel zu ziehen.“

    Sie absolviert dort den Militärdienst und trifft ihren Vater, den sie als Kind kaum je gesehen hat. Ganz nebenbei erfährt sie, dass sie einen Halbbruder hat, der eigentlich der Scheidungsgrund der Eltern war. „Er hat mich behandelt wie die reiche Schwester aus Europa, das ist mir auf die Nerven gegangen. Dennoch bin ich froh, dass ich meinen Vater getroffen habe, ich wollte ihn kennenlernen.“ Das war gut so, denn wenig später starb der Vater im Alter von 42 Jahren.

    Eigentlich wollte Shlomit in Israel einen jüdischen Mann heiraten. „Das war mir so wichtig, doch ich habe keinen gefunden. Ich dachte, dass ich dadurch mehr Stabilität bekommen würde. Das hielt das Leben aber nicht für mich bereit. Irgendwann habe ich das auch eingesehen und akzeptiert, denn ich war ja Jüdin und konnte das daher auch meinen Kindern weitergeben. Ich wusste, da kann ja nichts passieren.“

    Ohne Matura studiert sie Schauspiel und Gesang in Wien, Frankreich und Dänemark, überall mit Auszeichnung; sie spricht fünf Sprachen und erklärt voller Stolz, sie sei das beste Beispiel, dass man es im Leben auch ohne Matura schaffen kann.

    Dann tritt ein Mann in ihr Leben, nicht jüdisch, aus Luxemburg. Jahrelang betreiben die beiden ein Kulturcafé in Luxemburg, ein Kindertheater, Shlomit geht mit einer Band auf Tournee. Drei Kinder (heute neun, zwölf und 15 Jahre alt) werden geboren. Es zieht sie zurück nach Österreich, doch Wien ist ihrem Mann zu groß, man einigt sich auf Eisenstadt. „An das Burgenland habe ich Kindheitserinnerungen, an die seltenen Ausflüge mit meiner Mama – zum Kirschenstehlen oder an den Nacktbadestrand. Meine Mutter hat das geliebt.“ Doch die Ehe hält nicht, Shlomit lebt heute in Scheidung und hat in der Zwischenzeit einen jüdischen Mann gefunden. Auch er stammt aus Luxemburg, lebt aber in New York und unterrichtet dort eine spezielle Form von lateinamerikanischer Percussion. „Ich kann nicht von ihm verlangen, dass er sein Leben aufgibt. Er heißt Jerome Goldschmidt und mit jüdischem Namen Yitzhak ben Levi, wie mein Vater. Das kann auch kein Zufall sein. Ich bin eine richtige Jüdin, alles an mir ist jüdisch, ich bin eine jiddische Mamme. Ich möchte, dass meine Kinder starke, soziale Menschen werden, die Werte haben, die auch ich teile.“

    Wie es um die Religion steht? Mit ihrer Mutter gab es keine religiösen Feste, dafür mit ihren Zieheltern in Israel. Shlomits Kinder feiern alles, Pessach und Ostern, Chanukka und Weihnachten. Den Kindern liest sie viel über das Judentum vor. Anfangs hat sie Hebräisch mit ihnen gesprochen. Dann war es aber zu viel, denn sie sind mit vielen Sprachen aufgewachsen: Deutsch, Luxemburgisch, Französisch, aber alle haben israelische Namen: Noam, Nava und Naima. Sie leben und erleben alles, sie sollen Weltbürger werden. „Wir sind für den Frieden selbst verantwortlich. Scholem ist mir wichtig, ich möchte auch in meiner Familie Scholem haben.“

    „Wien ist ein charmantes Dorf“

    Shlomit Butbul kennt das Leben in den verschiedenen Ländern. Am Burgenland liebt sie das mediterrane Klima, die Ästhetik des Neusiedler Sees, dort hat sie das Gefühl, sie sei am Meer und die Menschen seien netter, freundlicher, hilfsbereiter, ganz abgesehen von der jüdischen Geschichte des Burgenlandes. Die Synagoge und der Friedhof von Eisenstadt sind wichtige Plätze für sie.

    Was verbindet sie mit Wien? „Wien ist ein charmantes Dorf geblieben. Und ich habe es gern, dass die Leute so raunzen, das ist etwas sehr Jüdisches. Allerdings: die Juden raunzen, aber sie gehen weiter. Wien bietet heute alles.“ Ihre Konzerte mit Liedern in hebräischer Sprache sind nicht nur in Wien begehrt. Und in ihrer burgenländischen Wahlheimat hat sie den Kulturverein SHIR-Music gegründet. „Als ich begonnen habe, hebräische Lieder zu singen, war kein Platz dafür. Dieses Genre war ganz klar besetzt von Timna Brauer, mehr Platz gab es nicht. Unlängst kam nach einem Konzert eine Frau zu mir und sagte: ,Es macht gar nix, dass ma ihre Liada net versteht …‘ Was mir so gefällt, ist, dass die Menschen mir ganz verschieden begegnen. Es gibt ein großes Interesse am Judentum. Noch immer fühlen sich viele schuldig. Ja, es gibt Antisemiten, aber noch viel mehr Menschen, die ganz anders denken, daran soll man sich orientieren.“

    Der Platz, an dem sie sich am meisten zu Hause fühlt, ist Israel. „Ich bin in Israel ein anderer Mensch, ich bin eine Israelin, ich diskutiere über alles oder nichts, ich bin schnell, ich kämpfe, ich bin tough. In Israel wird alles getan, dass die Frauen stark, aktiv und klug sind. Sie können aus jeder Situation etwas machen. Gib mir ein Zelt und ich mach dir ein Schloss daraus. Die Menschen fahren in die Karibik, nach Asien, an die schönsten Strände, aber mein Strand ist der von Kiryat Haim, wo meine Zieheltern leben. Der Geruch, die Limonadenverkäufer, das ist meine Heimat.“

    Apropos Familie: Ich frage Shlomit, wie es sich mit einer so starken Mutter lebt? „Ich war viel allein, heute liebe ich sie, bewundere sie, wie sie alles geschafft hat. Sie ist, wie sie ist.“ Frieden zu machen, geht das mit ihr? „Ihr Herz ist stärker als ihr Widerstand, ihre Liebe ist stärker als ihr Schmerz, sie fühlte sich verlassen von ihrer Mutter, sie hatte eine schwere Kindheit und Jugend, sie war wurzellos. Heute bin ich selber Mutter und sage, das ist nicht meine Geschichte, sondern deine Geschichte. Es geht darum, dass wir uns die Hände reichen. Ich kenne die Fehler einer Mutter, die schönen Seiten, aber auch die Gemeinheiten. Weil ich auch Mutter bin. Eine Tochter versucht immer, es besser zu machen – ob es mir gelingt, weiß ich nicht, aber ich bemühe mich jeden Tag. Manchmal ist meine Mutter ungerecht, emotional, laut. Ich gebe nicht auf, denn irgendwann wird sie nicht mehr sein. Ich will dann nicht sagen, hätte ich nur … Jede Familie hat ihre Geschichte, ich glaube nicht, dass es in anderen Familien besser ist. Es ist nicht gut, wenn man sein eigenes Nest beschmutzt, es ist doch viel besser, wenn man es sich schön gestaltet und das Gute aus seinen Wurzeln herausholt. Was man anfeindet, kommt zu einem selbst zurück.“

    Danielle Spera
    Das NU-Gründungsmitglied ist Direktorin des Jüdischen Museums Wien. Davor war sie ORF-Journalistin und Moderatorin. Sie studierte Publizistik- und Politikwissenschaft.
    Danielle Spera

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