Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Christian Rainer | Nr. 66 (04/2016) - Kislev 5777
  • Rätselhafte Geschichte von Fußball und Nazismus

    Viele Behauptungen und falsche Angaben haben in Ländern wie Argentinien aus Matthias Sindelar einen Juden und ein Opfer des Nationalsozialismus gemacht. Der in Buenos Aires lebende Sportjournalist Camilo Francka recherchierte in Wien und legt nun die erste Biografie des österreichischen Fußballers auf Spanisch vor. Im Untertitel nennt sie der Autor „eine Geschichte von Fußball, Nazismus und Rätseln“.
    VON MILAGROS MARTÍNEZ-FLENER

    Matthias Sindelar ist als Fußballer und Mitglied des österreichischen „Wunderteams“ zwischen 1931 und 1933 bekannt. In Argentinien galt er bis vor kurzem auch als Jude, der beim Spiel gegen Deutschland im April 1938 das Siegestor schoss und fortan versteckt leben musste, bis er von den Nazis ermordet wurde. Die diversen Irrtümer waren so verbreitet, dass sogar der Argentinische Verband der Makkabäer Gemeindezentren (FACCMA) 2012 den Sindelar Cup ins Leben rief.

    Während seines Studiums hörte Camilo Francka zum ersten Mal diese Geschichten und fragte sich, warum ein Fußballer von den Nazis ermordet werden sollte. Seine Neugierde war geweckt. Neun Monate recherchierte er in Österreich, bis er sich mit einem anderen Bild des Matthias Sindelar konfrontiert sah. Dokumente und Historiker klärten ihn auf: Sindelar war kein Jude. Ein Interview mit Peter Menasse, Chefredakteur von NU, eröffnete ihm, dass Sindelar nach dem Spiel gegen Deutschland nicht versteckt leben musste, dass er sogar bei der „Arisierung“ des Cafés Annahof in Favoriten beteiligt war (siehe den Artikel „Parteigenosse Matthias Sindelar“ von Peter Menasse, erschienen in NU 14/2003). Als Erklärungsversuch, was Sindelar zur Übernahme des Cafés bewegte, schreibt Francka: „Arbeitslos und ohne Einkommen aus dem Fußball, da die Deutschen den Profifußball verboten hatten, zwang ihn die Not, neue Horizonte zu suchen. Ein Kaffeehaus zu haben, war eine reizvolle, machbare Möglichkeit (…)“

    In der Tat. In der von Francka erwähnten Steuererklärung des Annahof steht, dass das Kaffeehaus zwischen 1936 und 1937 nicht unter 50.000 Reichsmark Jahresumsatz machte, und möglicherweise hätte 1938 diese Summe übertroffen werden können. „Es ist offensichtlich, dass das Café Annahof sehr gut besucht und sehr profitabel war“, so Francka.

    Der FACCMA widmete Sindelar den Cup mit der Begründung, dass der Fußballer laut der Gestapo ein „Judenfreund“ war, und dass er das Kaffeehaus eines jüdischen Freundes zum Marktwert übernahm, als dieser von den Nazis gezwungen wurde, es zu verkaufen. Obwohl Sindelar das Annahof frequentierte und der Besitzer, Leopold Drill, im Fußballermilieu bekannt war, gibt es „keine konkreten Beweise einer engen Beziehung oder Freundschaft zwischen Sindelar und Drill“, schreibt Franka. Möglich ist, dass alles nur Zufall war und dass Sindelar „nicht einmal den Namen des Besitzers kannte“, fügt der Argentinier hinzu.

    Ein Mitläufer

    Am 1. Juni 1938 stellte Drill die Verkaufsanmeldung des Cafés und verlangte 54.000 RM. Nur zwei Wochen später bekam das „Arisierungsbüro“ den Kaufantrag von Sindelar. Laut Francka half ihm Hans Janisch, ein Bewunderer und Fußballfunktionär (Gaufachwart des ostmärkischen Fußballverbandes). In einem Brief an das „Arisierungsbüro“ bat Janisch darum, das Büro möge Sindelars Kaufabsicht unterstützen, was es auch tat. Der Fußballer erwarb das Café für lediglich 20.000 RM, wovon er 15.000 RM sofort zahlte und die restlichen 5.000 in halbjährlichen Raten zu 300 RM. Drill sah nie etwas von diesem Geld.

    Auch wenn Camilo Francka keinen Beweis für eine Mitgliedschaft Sindelars bei der NSDAP fand, kann man eine gewisse Nähe zur Partei nicht leugnen. Das Buch von Francka lässt den Schluss zu, dass die Fußballlegende ein Kind seiner Zeit war und wie so viele andere höchstwahrscheinlich ein Mitläufer war, der ohne böse Absichten aus den Umständen profitieren wollte.

    Angesichts dieser Erkenntnisse benannte der Argentinische Verband der Makkabäer Gemeindezentren den Sindelar Cup 2014 in „FACCMA Cup“ um.

     

    Camilo Francka
    Matthias Sindelar. Una historia de fútbol,
    Nazismo y misterios.
    Librofútbol, Buenos Aires 2016
    254 Seiten

    Milagros Martínez-Flener

    Milagros Martínez-Flener

    wurde in Lima geboren, wo sie Geschichte studierte. 1991 kam sie nach Wien und schloss ihr Doktoratsstudium in Geschichte hier ab. Auch den Lehrgang für Pressefotografie absolvierte sie in Wien.
    Milagros Martínez-Flener

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