Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Die Rabbiner von Wien | Nr. 27 (1/2007) - Nissan 5767
  • Professor im Wunderland

    NU traf den wissenschaftlichen Schirmherr der “Eliteuniversität” in Gugging, Haim Harari. Der ehemalige Präsident des Weizmann Instituts erklärt, warum er dem Projekt eine große Zukunft gibt und wie schnell er zum Kanzlerberater wurde.
    Von Rainer Nowak und Christian Thonke und Lukas Beck (Foto)

    Haim Harari, Physiker von Weltruf und Ex-Präsident des Weizmann Instituts, ist es gewöhnt, Fragen über den kleinen niederösterreichischen Ort Gugging zu beantworten. Der Hochenergie-Forscher, der 1940 in Jerusalem geboren wurde, bestellt sich also eine Melange und blickt neugierig auf die NU-Reporter. Ob er denn gleich ja gesagt habe, als er von der Industriellen-Vereinigung gefragt wurde, ob er das Projekt Elite-Uni in Österreich retten könne? Was sagt er zu dem umstrittenen Standort? Wann kommen die ersten Forscher? Und: Warum hat er Alfred Gusenbauer eigentlich geraten, die Studiengebühren mittels Sozialarbeit abzufedern?
    Der Professor nimmt den Kaffee-löffel aus seiner Melange und überlegt. Begonnen hatte alles mit seiner Bekanntschaft zu dem Innsbrucker Physiker Anton Zeilinger, dem geistigen Vater des Projekts Elite-Uni. „Zeilinger hat zwölf Wissenschaftler aus der ganzen Welt an einen Tisch gebracht und wir haben das Projekt diskutiert. Raus gekommen ist ein einseitiges Konzept: Wir haben es die Zehn Gebote für das neue Institut genannt“, lacht er.
    Seit dieser Sitzung im Jahr 2004 ist viel geschehen und Ende 2005, als die Wogen in Österreich um das neue Spitzeninstitut gerade besonders hochgingen, bekam Harari wieder einen Anruf aus Österreich. Diesmal war Claus Raidl, der Chef des Stahlkonzerns Böhler-Uddeholm, am Apparat. Ob er denn das Projekt noch retten könne? „Das wäre möglich“, hat der Professor aus Israel geantwortet, „aber nur, wenn ab jetzt unabhängige Experten aus dem Ausland die Leitung übertragen bekommen.“ Am Ende beugte sich die Politik dem Rat des Wissenschaftlers und er bekam, gemeinsam mit Olaf Kübler von der ETH Zürich und Hubert Markl von der Max-Plank-Gesellschaft, das Pouvoir, Spitzenforschung in Österreich zu gestalten.
    Die Standortfrage war damals freilich bereits politisch beschlossen. Niederösterreichs mächtiger Landeshauptmann hatte sich mit Hilfe seiner Parteifreunde in der damaligen schwarz-blauen Bundesregierung gegen das rote Wien durchgesetzt. „Was den Standort betrifft, so hatte ich am Anfang eine klare Vorstellung: Man nehme eine Landkarte von Wien und Niederösterreich, zeichne eine Linie vom Stephansplatz zum Flughafen. Dort, wo diese Linie die Grenze zwischen Wien und Niederösterreich kreuzt, sollte das neue Institut entstehen – direkt an der Stadtgrenze. So wäre das Institut nahe genug am Flughafen und nahe genug an der Innenstadt und hätte die Förderungen zweier Bundesländer bekommen.“ Nachdenkliches Schweigen. „Ein Witz, natürlich“, schließt Harari schmunzelnd. So wie er ganz am Anfang dafür war, das Institut SNOW zu nennen. „Erstens weil das Wort „Schnee“ natürlich gut zum alpinen Österreich passt und zweitens weil das eine Abkürzung für „Science Niederösterreich Wien“ gewesen wäre. Das hat aber niemand ernst genommen.“
    Jetzt ist Harari mit dem Standort Gugging zufrieden, obwohl der Ort aus Sicht des Flughafens „auf der falschen Seite der Stadt“ liegt. Die Möglichkeiten des Campus selbst seien aber exzellent. „Es ist schön dort. Es gibt genügend Land, um weiter zu expandieren, und gute Gebäude, um eine hervorragende Infrastruktur zu schaffen.“

    Weniger glücklich ist der Physiker mit den Wörtern „Elite“ und „Exzellenz-Institut“, die Politiker so gerne in den Mund nehmen, wenn sie über das Institute for Science and Technology Austria reden. „Ich war immer der Meinung, dass man sich selbst erst ,Elite-Institut‘ nennen sollte, wenn man bewiesen hat, dass man wirklich gut ist.“

    Dass das IST Austria wirklich gut wird, daran glaubt Harari. „Jede Woche bekomme ich E-Mails von renommierten Forschern, die ich nicht kenne und mit deren Forschungsgebieten ich nie zu tun hatte. Sie fragen mich nach den Möglichkeiten von IST Austria. Das heißt nicht, dass sie sich bewerben – aber sie zeigen Interesse“, berichtet er. Wesentlich für den Erfolg des Projekts seien die finanziellen Mittel und das Rekrutieren einer „kritischen Masse“ von Forschern. „Es geht darum, die besten Köpfe aus Fächern zu bekommen, die miteinander verbunden sind. Wir versuchen, ,Cluster‘ zu schaffen. Ein Beispiel: Es gibt viele verschiedene Fächer, die sich mit der Erforschung des menschlichen Gehirns befassen. Biologen, Chemiker, Mediziner, Psychologen, Computer-Wissenschaftler etc. Wir wollen nicht entscheiden, welche Kompetenz der Wissenschaftler, der nach Gugging kommt, exakt haben muss. Wir wollen aber, dass der neue IST Austria- Forscher etwas in einen solchen
    Cluster einbringt.“

    Neben Finanzierung und Cluster-Bildungen wird das Institut einen weiteren Vorteil haben: „Es ist keine Universität; wird daher frei von den rigiden Uni-Strukturen sein und dazu noch möglichst wenig Bürokratie haben.“ Wer soll also an das neue Institut kommen? „Ich denke, dass diese Angelegenheit vor allem für europäische Forscher interessant wird, wahrscheinlich auch für jene österreichischen Spitzen-Wissenschaftler, die sich zurzeit ihr Geld im Ausland verdienen.“

    Harari misst den Erfolg des IST Austria an dem, was in zehn Jahren sein wird: 2017 sollen 500 Menschen in Gugging arbeiten. „Dann ist die kritische Masse erreicht, um internationale Spitzenforschung betreiben zu können. Alles andere wäre ein Misserfolg.“

    Bislang gibt es allerdings nur einen vorläufigen Manager des IST Austria, der im März seine Arbeit aufnimmt. Beschäftigte Nummer zwei und drei werden die Assistenten oder Assistentinnen des Interims-Geschäftsführers sein. Wann die Beschäftigten mit den Nummern 4 aufwärts in Gugging ihre Tätigkeit aufnehmen, will der Professor nicht genau sagen. „Das werden wir sehen. Mir ist es lieber, die Leute werden sehr gründlich ausgesucht, das mag länger dauern, als man macht hier Schnellschüsse.“ Deadline gibt es also keine? Harari: „Die einzige Deadline ist der öffentliche Druck. Die Medien, die fragen: Wann? Wann? Wann? Ich sage immer, bitte seid noch geduldig.“ Aber auch ihm ist klar: „Das kann ich nicht ewig sagen.“

    Generell sind ihm österreichische
    Medien mittlerweile ein bisschen suspekt geworden. Oder besser: das Zusammenspiel von Politik und Medien. Durch das fand sich Harari nämlich plötzlich als Freund Gusenbauers und Ideengeber für den heftig kritisierten Studenten-Dienst
    statt Studiengebühren in der Innen­politik wieder. Harari hatte vor längerer Zeit bei einer Veranstaltung am Karl-Renner-Institut SP-Bildungssprecher Josef Broukal von einem israelischen Erfolgsmodell berichtet, das am Weizmann-Institut begann: Studenten konnten sich die Gebühren ersparen, so sie sozial benachteiligte Schüler betreuten, sei es mit spezifischer Nachhilfe
    oder auch einem Museumsbesuch. Broukal gefällt die Idee, er erzählte seinem Parteichef davon. Was folgte war ein Termin-Ansuchen von Gusenbauers Büro beim Physiker. Es kam zu einem Lunch im Wiener Restaurant Vestibül, man sprach lange über Gugging und kurz über die israelische Gebühren-Alternative, bevor Gusenbauer noch vor dem Dessert zum nächsten Termin weitereilte, wie sich Harari erinnert. Dass ihn ein Mit­arbeiter Gusenbauers um eine schriftliche Unterlage für das Sozial-Modell fragte, wunderte ihn nicht wirklich, er hatte gerade eine auf seinem PC liegen, dass er danach nie wieder etwas hörte, war vielleicht ein bisschen sonderbar. Aber wirklich eigenartig wurde es dann erst als er via Zeitung erfuhr, dass er der Berater und Freund Gusenbauers sei. „Das geht schnell in Österreich“, so der Professor. Kein Wunder, dass er diese Geschichte streng von der Gugging-Entwicklung getrennt haben möchte. Dass aus dem Modell Israel in den ersten Wochen der neuen Regierung zudem in der öffentlichen Diskussion ein völlig anderer Ersatzdienst wurde – etwa ein allgemeiner Sozialdienst oder die ganz normale Vereinsmeierei – veranlasste Harari dann doch zu einer scharfen Anmerkung: Hilfsorganisationen und Profis im Sozialbereich so Konkurrenz machen zu wollen, sei schlicht „dumm“. Mittlerweile haben die zuständigen Minister Claudia Schmied und Johannes Hahn zurückgerudert und propagieren die pure ursprüngliche Idee. Weitere „österreichische“ Adaptionen sind dennoch zu erwarten. Und weitere potenzielle Ursachen für Harari, sich ein bisschen zu wundern.

    Rainer Nowak

    Rainer Nowak

    Chefredakteur at Die Presse
    Der Herausgeber und Chefredakteur der Tageszeitung Die Presse ist ständiger NU-Mitarbeiter.
    Rainer Nowak

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