Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Kommt Wiens zweite jüdische Gemeinde? | Nr. 14 (4/2003) - Kislev 5764
  • Parteigenosse Matthias Sindelar

    Friedrich Torberg hat den Wunderteam-Fußballer Matthias Sindelar mit einem legendären Gedicht zu einem Opfer des Nationalsozialismus gemacht. NU wurden jedoch just zu Sindelars 100. Geburtstag Dokumente übergeben, die zeigen, dass sich der Fußballer 1938, wenige Monate vor seinem Tod, im Zusammenspiel mit den Nazi-Behörden ein jüdisches Kaffeehaus angeignet hat.
    Von Peter Menasse

    Friedrich Torberg hat ihm nach dem Krieg ein literarisches Denkmal gesetzt. Mit seinem Gedicht „Auf den Tod eines Fußballers” machte er Matthias Sindelar zum großen Märtyrer, der keinen anderen Ausweg vor dem Nationalsozialismus wusste, als in den Selbstmord zu gehen: „Er war gewohnt zu kombinieren, und kombinierte manchen Tag. Sein Überblick ließ ihn erspüren, dass eine Chance im Gashahn lag.”

    Tatsächlich ist Matthias Sindelar, der Mittelstürmer des einstigen Wunderteams, am 23. Jänner 1939 in der Wohnung seiner Freundin Kamilla Castagnola an einer Rauchgasvergiftung gestorben. Die Zeitungsmeldungen über die Todesursache waren zunächst so widersprüchlich, dass alle möglichen Spekulationen, von Unfall über Selbstmord bis hin zu Mord, die Runde machten. Besonders die „Illustrierte Kronen-Zeitung” erging sich in wüsten Spekulationen und berichtete zwei Tage nach Sindelars Tod, dass alle Anzeichen darauf hindeuteten, „dass dieser prächtige Mensch, dieser vorbildhafte Sportsmann das Opfer eines Giftmordes geworden ist.”

    Am 27. Jänner meldete schließlich „Das Kleine Volksblatt”, dass die Obduktion der Leiche eindeutig eine Vergiftung durch Kohlenoxidgase ergeben habe. Laut „Feuerschutzpolizei” sei ein Kamingebrechen der Auslöser der Tragödie gewesen.

    Dennoch hat sich das Bild von Matthias Sindelar als Opfer des Nationalsozialismus dank Torberg unter den vielen verschiedenen Spekulationen durchgesetzt. So schön das Gedicht vom „Kind aus Favoriten”, das vom Leben nicht viel wusste und nur fürs Fußballspiel lebte, auch sein mag, es ehrt den Falschen.

    Der Zeitung NU übergebene Dokumente zeigen ein ganz anderes Bild des Mannes, der so gut kombinieren konnte. Matthias Sindelar hat im Zusammenspiel mit den Institutionen des Nationalsozialismus ein Kaffeehaus „arisiert” und den jüdischen Besitzer unter massivem Druck seines Eigentums beraubt.

    Das Kaffeehaus „Annahof” in der Laxenburger Straße 16 im Wiener Arbeiterbezirk Favoriten war bis zur Machtübernahme durch die Nationalsozialisten ein gut gehendes Lokal. Aus dem Protokoll eines Sachverständigen von 1938 im Auftrag der „Arisierungsstelle” geht hervor, dass sich je zur Hälfte jüdische und nichtjüdische Gäste bei Kaffee und Zeitung an den 37 armortischen trafen. Die großen Wohnhäuser in der Umgebung, ein Werk von BMW und ein Arbeiterwohnheim sorgten für einen steten Nachschub an Besuchern. Noch im Jahr 1937 hatte der Besitzer Leopold Simon Drill mit seinem Betrieb einen Umsatz von umgerechnet 76.000 Reichsmark gemacht. Das entsprach einem Betrag von 114.000 Schilling, wobei ein kleiner Mokka damals etwa 60 Groschen kostete.

    Bereits am 27. April 1938 setzte der „Staatskommissar in der Privatwirtschaft” einen langjährigen Parteigänger der NSDAP, Franz Roithner, als kommissarischen Verwalter ein. Die erste Maßnahme des Aufpassers bestand darin, „Ariern” den Besuch des Kaffeehauses zu untersagen. Das Kaffeehaus verlor damit zwar auf einen Schlag die Hälfte seiner Gäste, wurde aber in den nächsten Monaten immer mehr zum Treffpunkt der jüdischen Bevölkerung, die ihrerseits vom Besuch der meisten anderen Lokale ausgeschlossen war. In einem seiner Berichte stellte der Verwalter fest, dass der Geschäftsgang auch nach dem „Umbruch” sehr gut war.

    Dennoch trafen Mitte Juni 1938 zwei Anträge bei der Arisierungsstelle der Gast- und Schankgewerbe-Innung ein: der „Kaufantrag” des Berufsfußballers Matthias Sindelar für das Kaffeehaus Annahof und die korrespondierende „Verkaufsanmeldung” des Cafetiers Drill.

    In den nächsten Tagen wurde der Antrag von Matthias Sindelar um einige fehlende Dokumente ergänzt. Als Erstes brachte Sindelar, der aus einer tschechischen Einwandererfamilie stammte, eine handschriftliche, eidesstattliche Erklärung bei, dass er arischer Abstammung sei.

    Als Nächstes folgte die Unterstützung der Partei: Zwar hatte Sindelar noch im Antragsformular in der Rubrik „Ist der Bewerber Parteimitglied?” mit „Nein” geantwortet, doch bereits zwei Wochen später erreichte die Arisierungsstelle ein Schreiben der „Kreisleitung IV der NSDAP-Gau Wien”, in dem festgehalten wird, „dass gegen die politische Einstellung des Parteigenossen Matthias Sindelar keine Bedenken bestehen”.

    Auch der österreichische Fußballverband, umbenannt zu „Deutsche Reichsliga Gau XVII – Fußball”, ersuchte die Arisierungsstelle, „dem besonderen Wunsch des Reichssportführers nachzukommen und seinem Interesse an der Vormachtstellung des deutschen Sports zu entsprechen”.

    Matthias Sindelar hatte alle Register gezogen und sich jedem Diktat gebeugt, um das Kaffeehaus des Leopold Drill zu übernehmen. Was aber hatte Drill bewogen, dem Verkauf seines gut gehenden Lokals zuzustimmen?

    Dazu wurde NU jetzt ein Dokument übergeben, das zeigt, wie Drill unter einen nicht zu ertragenden Druck gesetzt wurde. Der kommissarische Verwalter des Cafés Annahof verfasst am 9. August 1938 einen Schlussbericht, in dem er beschreibt, wie es ihm und den Nazi-Behörden gelang, Drill vom Verkauf zu überzeugen: „All mein Zureden, auch der mir zu Gebote stehende Druck hatte keinen Erfolg. Erst durch die Aktion der Kripoleitstelle Ende Mai war es mir möglich, ihn endlich so weit zu bringen, den Verkaufsantrag einzubringen. Es wurde damals veranlasst, dass mehr als die Hälfte der jüdischen Gäste in das Konzentrationslager Dachau aus verschiedenen Gründen eingeliefert wurden. Unter ihnen war auch der Sohn des Besitzers, der in den letzten Jahren der eigentliche Geschäftsführer war.”

    Leopold Drill war am Ende. Am 3. August erschien er gemeinsam mit Matthias Sindelar und dem kommissarischen Verwalter Franz Roithner beim Notar, um den „Verkauf” zu fixieren. Als Preis wurden 20.000 Reichsmark vereinbart, von denen 5.000 in kleinen Raten ab 1939 fällig wurden. Die restlichen 15.000 Reichsmark kamen auf ein Treuhandkonto, um „alle Schulden und Verpflichtungen des Verkäufers … nach den Weisungen der Devisenstelle … zu bezahlen.” Drill wurde verpflichtet, seine Konzession zu Gunsten des Käufers zurückzulegen und verzichtete „auf das Recht der Anfechtung wegen Verletzung über die Hälfte des wahren Wertes”.

    Viel Chance auf Anfechtung hat Leopold Simon Drill ohnehin nicht gehabt. Von den 15.000 Reichsmark ist ihm kein Pfennig zugegangen: Arisierungsabgabe, plötzlich auftauchende Forderungen des Oberkellners, vom Verwalter nicht bezahlte Krankenkassenabgaben und andere dubiose Forderungen ließen den Betrag nicht nur hinschmelzen, sondern machten aus Drill einen verschuldeten Mann. Bald darauf wurde er nach Theresienstadt deportiert und starb dort.

    Sein Sohn wurde aus dem KZ Dachau nach Buchenwald verlegt, von dort 1939 entlassen und konnte anschließend nach England fliehen. Nach Matthias Sindelars Tod im Jänner 1939 wurde seiner Mutter die Übernahme des Kaffeehauses untersagt. Der „Kreiswirtschaftsberater” der NSDAP klassifizierte Maria Sindelar als unzuverlässig: „Genannte ist Nationaltschechin, die für die Bewegung absolut nichts übrig hat. Sie war stets gegnerisch eingestellt, verteilt an tschechische Kinder Lebensmittel, ist eine große Egoistin, die nur auf sich bedacht ist. Einer Förderung durch den NS-Staat nicht würdig!”

    Just zum 100. Geburtstag von Matthias Sindelar muss seine Lebensgeschichte umgeschrieben werden. Noch zu Pfingsten dieses Jahres wurde zu Ehren des vermeintlichen Antifaschisten ein Fußballturnier von Migrantenvereinen als Symbol für Antirassismus veranstaltet. Im September diskutierte dann der Wiener Gemeinderat auf Antrag der SPÖ über die Ehrengräber aus der NSZeit. Laut einem Rechtsgutachten des Magistrats sind Ehrungen aus dieser Zeit nicht gültig. Eine Historikerkommission unter Leitung des Wiener Restitutions-Beauftragten Kurt Scholz prüft derzeit, was mit den Gräbern zu geschehen hat. Wie auch immer die Verantwortlichen entscheiden werden – Matthias Sindelar war kein Ehrenvoller. Ob ihm das unter den herrschenden Bedingungen möglich gewesen wäre, soll hier nicht diskutiert werden. Zu

    gedenken gilt es wohl eher des Verlierers im Match gegen die Nazis und des Mittelstürmers Sindelar: „Das Tor, durch das er dann geschritten, lag dunkel ganz und still. Er war ein Kind aus Favoriten, und hieß Leopold Simon Drill.”

     

     

    Wie Leopold Simon Drill um sein Vermögen betrogen wurde

    Im Jahr 1937 nahm Leopold Drill mit seinem Kaffeehaus umgerechnet 76.000 Reichsmark (114.000 Schilling) ein. Ein kleiner Mokka kostete 1937 etwa 40 Pfennig (60 Groschen). Der beeidete Sachverständige Julius Vesely schätzt im Juni 1938 in einem Gutachten den Wert des Kaffeehauses zum Stichtag 10. 3. 1938 mit 40.000 Reichsmark und veranschlagt zusätzlich für die Gewerbeberechtigung 5.000 bis 6.000 Reichsmark. Er stellt aber gleichzeitig fest, dass „mit Rücksicht auf die heutigen, momentan bestehenden Besitzverhältnisse und den damit verbundenen Rückgang des Geschäftsumsatzes der Betrieb mit 30.000 bis 32.000 Reichsmark zu bewerten ist.” Matthias Sindelar bietet bei der Arisierungsstelle 20.000 Reichsmark an und bekommt um diesen Betrag den Zuschlag. Davon sind 5.000 Reichsmark in Raten ab 1939 zu zahlen. Sie werden ihren Empfänger nicht mehr erreichen. 15.000 Reichsmark kommen auf ein Sperrkonto (Einlagebuch Nr. 235.391 bei der „Creditanstalt-Wiener Bankverein” in der Schottengasse).

    Es treffen Forderungen verschiedener Personen und Institutionen ein, die zusammen weit über 15.000 Reichsmark ausmachen: Arisierungsabgabe, Krankenkassen-Rückstände, Erwerbs- und Einkommenssteuer, Einkommenssteuer des in Dachau eingesperrten Sohns, Verkaufsvermittlung durch die Realitätenvermittlerin Marie Hackmüller, Instandsetzungsarbeiten, Forderungen des Kreditvereins der Ersten Österreichischen Spar-Casse, „welcher die Rückzahlung von Darlehen verlangt”, Forderungen von Mitarbeitern, die behaupten, nicht richtig entlohnt worden zu sein etc.

    Leopold Grill bekommt für sein Kaffeehaus schlussendlich überhaupt keine Bezahlung.

     

    Der Fußballer Matthias Sindelar

    Matthias Sindelar wurde 1903 im mährischen Dorf Kozlov bei Jihlava geboren. Die Familie zog, wie zehntausende Tschechen auch, am Anfang des 20. Jahrhunderts nach Wien in den Arbeiterbezirk Favoriten. Er begann seine Fußballkarriere beim Favoritner Klub Hertha, von wo er 1924 zur Wiener Austria wechselte. Dort wurde er zum vergötterten Fußballstar, zu einem schon zu Lebzeiten legendären Helden für die von der Wirtschaftskrise und der instabilen politischen Lage schwer getroffenen Österreicher. Sindelar, der seines schmächtigen Körpers wegen der „Papierene” genannt wurde, spielte 56 mal im Nationalteam, gewann mit der Austria zweimal den Mitropacup, den Vorläufer der europäischen Cupbewerbe, und galt in ganz Europa als ein Ästhet des Fußballspiels.

     

    Stichwort „Arisierung”

    Von etwa 33.000 jüdischen Betrieben wurden bis Anfang 1940 etwa 7.000 aufgelöst und 5.000 „arisiert” – die übrigen 21.000 liquidiert. Die „Entjudungen”, wie die „Arisierungen” auch genannt wurden, waren Enteignungen zumeist zu Gunsten von verdienten Parteigenossen.

     

    Siehe dazu: Hans Safrian/Hans Witek, Und keiner war dabei, Wien 1988

    Irene Etzersdorfer, Arisiert, Wien 1995

    Bericht der Historikerkommission (www.historikerkommission.gv.at )

    Peter Menasse
    Der NU-Chefredakteur ist selbstständiger Kommunikationsberater und Publizist. Er lebt in Wien und im Burgenland.
    Peter Menasse

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