Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Timothy Snyder | Nr. 43 (1/2011) - Nisan 5771
  • Only in America

    Das neu eröffnete jüdische Museum in Philadelphia erzählt die Geschichte der jüdischen Einwanderer als großen Erfolg im Stil des amerikanischen Traumes.
    Von Danielle Spera

    Es gibt in den USA eine Vielzahl jüdischer Museen, Holocaust-Museen oder Gedenkstätten. In Philadelphia ist aber noch eine Lücke geschlossen worden: Ein Museum für die Geschichte der amerikanischen Juden. Das „National Museum of American Jewish History“, liegt im Herzen jener Stadt, in der am 4. Juli 1776 die Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet wurde und zeigt eine amerikanische Erfolgsgeschichte – jene der jüdischen Einwanderer. Das amerikanische Judentum präsentiert sich stark, selbstbewusst und äußerst lebendig.

    Für Amerika-Reisende und Touristen aus aller Welt, ist Philadelphia vermutlich nicht gerade das Ziel der Wahl, doch nicht nur wegen seiner historischen Bedeutung ist es einen Abstecher wert. Wer einen Überblick über die Geschichte der Juden in den USA bekommen möchte, kommt um Philadelphia künftig nicht mehr herum. Das neu eröffnete Museum für amerikanisch-jüdische Geschichte ist nach Jahren des Fundraising (180 Millionen Dollar) und einer dichten Einbindung und Befragung der Besucher des alten Jüdischen Museums von Philadelphia verwirklicht worden. Ein Team an Historikern hat in enger Zusammenarbeit mit Kuratoren und Ausstellungsarchitekten eine Erfolgsgeschichte nachgezeichnet.

    Von den sefardischen Juden, die vor der spanischen Inquisition in die Neue Welt flüchteten und mit Juden aus Bayern in Planwagen gegen Westen zogen, über die Emigranten aus Russland und Galizien, die es Mitte des 19. Jahrhunderts nach Amerika geschafft hatten, bis zu den Gründervätern von Hollywood und schließlich aller von den Nazis Vertriebenen, denen es gelungen ist, in die USA zu kommen – vom Nobelpreisträger bis zum kleinen Handwerker zieht sich eine beispiellose Erfolgsgeschichte, die in einem beeindruckenden, aber doch architektonisch zurückhaltenden, fünfstöckigen Neubau zu sehen ist.

    Der helle offene Bau, mitten an der Independence Mall gelegen, lädt zum Besuch ein. Das transparente, moderne Gebäude aus grauem Stein und mit Glasplatten verkleidet, ist auf der Mall von Philadelphia nicht zu übersehen. Allerdings: Der Eintritt ist gar nicht so leicht möglich. Ein schwer bewaffneter Security- Mann mit kugelsicherer Weste und mehrere Sicherheitsleute, die an „Röntgen“-Schleusen positioniert sind, kontrollieren die Besucher auf das Genaueste – manchmal sogar strenger als jene Kontrollposten, die man heutzutage auf den Flughäfen antrifft. Eine traurige Folge des blutigen Überfalls eines Rechtsradikalen auf das Holocaust-Museum in Washington im Sommer 2009. Wenn man es aber dann geschafft hat, diese Sicherheitshürden zu überwinden, taucht man ein in die überwältigende Geschichte der amerikanischen Juden – von ihren Anfängen bis heute.

    Ein schicker Aufzug bringt einen ganz hinauf in den obersten Stock des Hauses, wo die Ausstellung beginnt. Die Stockwerke sind klar gegliedert – von den Anfängen der Einwanderung nach der spanischen Inquisition bis zum Beginn der Immigration aus Osteuropa, vom Ersten Weltkrieg bis 1945, der unterste Stock führt uns ausführlich und detailliert in die Gegenwart, wo die Besucher schließlich in einem kleinen TV-Studio über ihre eigene Religion, Tradition und Herkunft Auskunft geben und damit einen einzigartigen Beitrag für den Museumsinhalt liefern.

    Fast 30.000 Ausstellungsstücke sind aufs Dichteste in den historischen Kontext einbezogen. Von Büchern, Silberobjekten, religiösen Gegenständen, Kleidung, Briefen, Zeichnungen, Drucken, Gemälden und Fotografien bis hin zu neuen Medien und Instrumenten erstreckt sich das reiche Repertoire, aus dem das Narrativ gebildet wird: Was hat Amerika für die Juden getan und was haben amerikanischen Juden für Amerika geleistet.

    Ein Planwagen, wie ihn tausende Familien auf ihrem Weg „to the west“ benutzt hatten, wird zum Sinnbild für die Neue Welt, jenseits von Not, Hunger und Antisemitismus. Er lädt neben einem Feuerlager und einem Kaufmannsladen zur Benützung und zum Spielen ein, frei nach Disneyland. Der amerikanische Bürgerkrieg findet die jüdische Gemeinde geeint – im Gegensatz zu christlichen Gruppen, die sich in nördliche und südliche Kirchen aufspalteten. Die meisten Juden kämpften für die Union und gegen die Sklaverei.

    Ellis Island wird für Hunderttausende zum Synonym für oft demütigende Kontrollen nach der mühsamen Überfahrt auf den Einwandererschiffen. Diese Station verleitet zum Nachspielen jener Tests, die die Einwanderer über sich ergehen lassen mussten und die man hier an kleinen Monitoren durchlaufen kann. Hätte man es geschafft, Eintritt in die Neue Welt zu bekommen oder nicht?

    Wo sind die Neueinwanderer hingezogen, wie haben sie gelebt, waren sie willkommen – auch hier ist in sehr anschaulicher Form nachvollziehbar, wie sich das Leben abgespielt hat, von der Lower East Side über die Ursprünge der Filmindustrie in den Hügeln von Hollywood bis zum Leben auf dem Land. Wo das amerikanische Judentum allerdings während der Shoah geblieben ist und warum ein Aufschrei der amerikanischen jüdischen Organisationen angesichts des Holocaust ausgeblieben ist, bleibt unbeantwortet und klammert damit eine zentrale Frage aus.

    Das Engagement jüdischer Soldaten während des Weltkriegs und die Jahre danach leiten zur Bürgerrechtsbewegung über, an der die Juden in den USA einen verhältnismäßig großen Anteil hatten. Ihr enges Engagement mit den Anführern des schwarzen civil rights movements wird ebenso deutlich aufgearbeitet wie die Frauenbewegung, die nicht nur durch Galionsfiguren wie Betty Friedan und Gloria Steinem stark jüdisch geprägt war. Ein jüdischer Haushalt in den 1950er-Jahren von der Küche bis zum Wohnzimmer ist ebenso detailliert nachgebaut und damit erlebbar, wie die jüdische Sommerfrische in den Catskills, dem sogenannten Borscht Belt oder Jewish Alps, bis zu den jüdischen Feriencamps. Ein eigener Bereich zeigt in anschaulichen Kurzfilmen die stolze Synagogenarchitektur in US-Vorstädten der 1970er-Jahre und schließlich sorgen Ausschnitte von Auftritten jüdischer Entertainer im Fernsehen für einen humorvollen Ausklang.

    Im großzügigen Foyer des Museums findet man vor dem gut ausgestatteten Museumsshop und dem kleinen Museumscafé eine Installation, die die amerikanisch-jüdische Erfolgsstory am besten dokumentiert. 18 filmische Kurzbiografien stehen stellvertretend für den American (Jewish) Dream. Auch hier wurde das (künftige) Publikum des Museums eng in die Auswahl einbezogen. Aus hunderten vorgeschlagenen Namen wurde eine Liste von 218 amerikanisch- jüdischen Persönlichkeiten erstellt. Schließlich wurden per EMail, Post und direkten Besucherbefragungen im früheren jüdischen Museum von Philadelphia die 18 Personen ausgewählt. Insgesamt haben sich an der Befragung 210.000 Menschen beteiligt. Der Bogen der vorgeschlagenen Beispiele reicht von Albert Einstein über Menachem Mendel Schneerson, Estée Lauder, Barbara Streisand bis zu Golda Meir. Sie oder ihre Vorfahren sind angekommen mit großen Zielen, Hoffnungen und Träumen: Die Erfolgsgeschichte der amerikanischen Juden, verdichtet auf 25.000 m2.

    NATIONAL MUSEUM OF AMERICAN JEWISH HISTORY
    101 South Independence Mall East
    Philadelphia, PA 19106-2517
    Homepage: www.nmajh.org
    Öffnungszeiten:
    Dienstag bis Freitag, 10 bis 17 Uhr
    Samstag und Sonntag, 10 bis 17.30 Uhr
    Eintritt: 12 USD, Ermäßigungen für Studenten, Senioren, Militärs
    Kinder unter 12 Jahren umsonst

    Danielle Spera
    Die NU-Herausgeberin ist Direktorin des Jüdischen Museums Wien. Davor war sie ORF-Journalistin und Moderatorin. Sie studierte Publizistik und Politikwissenschaft.
    Danielle Spera

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