Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Nahost
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  • ausgabe:  Maschek | Nr. 64 (02/2016) - Siwan 5776
  • Ohne “Joni” kein “Bibi”

    Oberstleutnant Jonathan Netanjahu

    VON MARTIN ENGELBERG

    Jonathan („Joni“) Netanjahu (1946– 1976) war der um drei Jahre ältere Bruder des derzeitigen israelischen Premierministers Benjamin („Bibi“) Netanjahu. Jonathan, ein militärischer Haudegen, hatte schon vor der Entebbe- Geiselbefreiung an zahlreichen Kommandoaktionen der Eliteeinheit Sajeret Matkal der israelischen Armee teilgenommen. Er war das Sinnbild der jungen Israelis, der verwegenen, mutigen und draufgängerischen Helden, er war „einer der Besten Israels“, wie es der damalige Verteidigungsminister Schimon Peres bei seinem Begräbnis formulierte.

    Endgültig zu einer Romanfigur wurde Jonathan Netanjahu – er war der Befehlshaber des Befreiungskommandos –, als er von einem ugandischen Scharfschützen als einziger Soldat der Befreiungsaktion getötet wurde. Die Aktion wurde von „Operation Thunderbolt“ in „Operation Jonathan“ umbenannt. Fünf Jahre nach seinem Tod waren in Israel bereits rund 70 Schulen, Parks und andere öffentliche Orte und Einrichtungen nach ihm benannt. Damit wurde der Name Netanjahu und sein Heldentum tief im Bewusstsein der israelischen Gesellschaft verankert. Eine Tatsache, die dem jüngeren Bruder Benjamin ganz sicher bei seinem politischen Aufstieg zugutekam.

    Joni war jedoch auch ideologisch die Personifikation des modernen Israel. „Wir bereiten uns auf Krieg vor“, schrieb er seinem jüngeren Bruder Bibi, und „ich bin überzeugt, es wird eine nächste Runde geben und dann wieder eine. Aber ich würde jedenfalls lieber hier in einem fortwährenden Kampf leben, als Teil des wandernden jüdischen Volkes zu werden.“ Hier ist der heutige Premierminister sicherlich sowohl von seinem Helden-Bruder Jonathan als auch vom Vater der beiden, Benzion Netanjahu, geprägt. Dieser war Professor für jüdische Geschichte und weithin bekannt als Herausgeber der Encyclopaedia Hebraica. Benzion Netanjahu war zeitlebens ein vehementer Vertreter eines rechten Zionismus, der das ganze Erez Israel (das biblische Land Israels) als Heimstätte für das jüdische Volk beanspruchte. Mitunter äußerte er sich radikaler als seine politischen Mitstreiter, wie Zeev Jabotinsky, der „Vater des revisionistischen Zionismus“ oder die früheren Premierminister Menachem Begin und Jitzchak Schamir.

    Benjamin Netanjahu wurde so ein erfolgreicher Politiker, dem die Sicherheit Israels über alles geht und dem das Leben der Juden in der Diaspora und vor allem das Opfer-Sein zutiefst zuwider ist. Benjamin Netanjahu gründete auch ein Institut unter dem Namen seines gefallenen Bruders, das sich mit der Bekämpfung von Terrorismus beschäftigt. Nur aufgrund dieser Zusammenhänge ist der Erfolg und das Denken Benjamin Netanjahus zu verstehen.

    Martin Engelberg

    Martin Engelberg

    Der NU-Herausgeber ist Betriebswirtschafter, Psychoanalytiker, Coach und Consultant. Er ist Autor einer ständigen Kolumne in der Tageszeitung Die Presse.