Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Telegramm aus Netanja
  • SCHLAGWöRTer: ,
  • ausgabe:  Pamela Rendi-Wagner | Nr. 68 (02/2017) - Tamus 5777
  • Nudnikit

    VON ANITA HAVIV-HORINER

    Meine Kinder können sich über nichts einigen, außer dass beide der einhelligen Meinung sind, dass ihre Mutter eine Nudnikit – auf gut Deutsch eine Nervensäge – ist. Dieser seltenen Harmonie auf meine Kosten konnte ich mich gestern wieder vergewissern.

    Ich habe mich nämlich wegen einer Bagatelle mit meinem Sohn gestritten. Das kleine Familiendrama fand im Auto auf dem Weg zum heiligen Schabbatmahl des Haviv-Clans statt. Der eher introvertierte und friedfertige Junior setzte auf Melodrama, das sonst eigentlich mein Terrain ist: „Wir sehen uns einmal die Woche ein paar Stunden und DU vergeudest sie mit Streit“. Meinen Hinweis, dass seine Sturheit unserer kostbaren Quality-Time genauso wenig zuträglich sei, überzeugte ihn nicht. Er geriet dermaßen außer sich, dass er drohte, unverrichteter Dinge zurück nach Tel Aviv zu fahren. Besonders schien ihn zu empören, dass ich – nachdem mein Fundus an rationalen Argumenten erschöpft war – die Keule der mütterlichen Autorität geschwungen hatte. Das sind israelische Söhne gar nicht gewohnt, daher überraschte es ihn, dass ich nicht einlenkte. Aus Rücksicht auf die anderen Familienmitglieder bestrafte er mich doch nicht so hart und blieb bei uns in Netanja.

    Meine Tochter, die schon vorgefahren war, öffnete uns die Tür. Sie erkannte auf den ersten Blick, dass Alarm angesagt war, und manövrierte mich auf ihre resolute Art ins Badezimmer. Am Wannenrand wollte sie Information über das Geschehen aus mir herausquetschen. Ihre Anteilnahme löste bei mir einen Tränenschub aus. Doch gerade als ich ihr mein Herz ausschütten wollte, wurde das Essen serviert.

    Der Abend verlief auch weiterhin recht unharmonisch, da sich die hitzige Diskussion mit Daniel in eisiges Schweigen gewandelt hatte. Also war ich recht erleichtert, als ich wieder nach Hause aufbrechen konnte.

    Im trauten Heim wollte meine Tochter nun endlich in Erfahrung bringen, wie ihr Bruder es geschafft hatte, mich dermaßen in Hysterie zu versetzen. Als ich ihr kleinlaut gestand, dass es um einen verlorenen Wohnungsschlüssel ging, schaute ausgerechnet sie – die Drama-Queen par excellence – mich entrüstet an: „Wegen eines Schlüssels machst du so ein Theater? Hast du nicht genug andere Sorgen? Wir leben doch in Israel.“

    Anita Haviv-Horiner

    Anita Haviv-Horiner

    In Wien geboren, 1979 Einwanderung nach Israel. Bildungsexpertin mit Schwerpunkt deutsch-israelischer Dialog.
    Anita Haviv-Horiner

    Neueste Artikel von Anita Haviv-Horiner (alle ansehen)