Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Rafael Kishon | Nr. 63 (01/2016) - Nissan 5776
  • Norman Manea – Ein Hooligan wird Achtzig

    Der Duft von angerösteten Zwiebeln in der Nase und der Geschmack von Russian Dressing im Mund – soll das meine Identität sein? Mit dieser Frage befasst sich der in der Bukowina aufgewachsene Norman Manea nicht nur in dem jüdischen Deli-Shop Barney Greengrass in New York, sondern in seinem gesamten Werk. Einblicke in das Leben eines Hooligans, dem die Sprache Heimat wurde.
    VON ALEXANDRA POPESCU

    Geradezu als Wundermittel gegen sämtliche Widersprüche, Ambivalenzen und Ungerechtigkeiten von Geschichte und Alltag wird die Identität eingesetzt, merkt der aus dem kommunistischen Rumänien nach New York emigrierte Autor richtig an. Als ob wir ein Recht auf Kontinuität und Kohärenz in unseren Leben hätten und sich die Suche danach nicht oft als Illusion entpuppe – nicht nur für die, die gehen, sondern auch für die, die bleiben. Oder wie der Schriftsteller sagt: „(…) bleibt der Mensch trotz aller großartigen technischen und zivilisatorischen Errungenschaften nicht doch verletzlich und einsam? Wie wird er mit Krankheit und Unsicherheit, mit der Demagogie, der Habsucht und den anderen traurigen Gesichtern der Wirklichkeit fertig?“

    Das Fremde

    Das Fremde kennt Norman Manea nur zu gut, denn dieses lernt er schon als Kind kennen. Als Fünfjähriger kommt er 1941 mit seiner Familie nach Transnistrien, ins Arbeitslager in der ukrainischen Steppe östlich des Flusses Dnjestr, wohin General Antonescu Juden, die in den Gebieten unter damals rumänischer Verwaltung lebten, deportieren lässt. Nach langen Fußmärschen, die Tausenden das Leben kosteten, warten hier Zwangsarbeit, Diphterie, Typhus und für viele auch der Hungertod.

    Die Familie Manea überlebt und kehrt zurück, in ein kommunistisches Rumänien, in dem der Vater unter dem Vorwand der Veruntreuung verhaftet wird. Vermutlich ist es seine jüdisch-bürgerliche Herkunft, die dem Regime nicht passt, merkt der Sohn an und lässt ihm trotz seiner Jugend eines klarwerden: Der Kommunismus vermag alles andere, nur keine Gerechtigkeit herstellen.

    Norman Manea studiert zunächst Technik, um sich wie viele Zeitgenossen zu beweisen, dass er ein Mann sei. Seit den 1960er-Jahren widmet er sich allerdings der Literatur, die bis zu seiner Emigration in den Westen im Jahr 1986 der strengen kommunistischen Zensur unterliegt. Das Exil vor dem Exil nennt er seine Erfahrungen als deportiertes Kind sowie als einer der vielen Erwachsenen, die in der kommunistischen Diktatur nicht das sagen durften, was sie dachten. Und ganz ankommen wird er auch im Ausland nicht: „Fremd oder entfremdet ist man schließlich immer und überall“, erklärt er später in New York, jener Stadt, die immerhin „das beste Hotel der Welt“ für ihn wird.

    Die Elternsprache als Schneckenhaus

    Doch das Klagen liegt Manea fern und genauso wenig geht es ihm darum, mit dem von Antisemitismus und Kommunismus gezeichneten Rumänien nur kalt abzurechnen. Immer wieder finden sich Liebeserklärungen an seine Heimat und die rumänische Sprache, die trotz alledem die Sprache der Großeltern und Eltern sowie der Liebe und Freundschaft sei. Manea erzählt fast zärtlich von der rumänischen Bäuerin Maria, die hunderte Kilometer zwischen Rumänien und der ukrainischen Steppe überwindet, nur um seiner Familie und ihm Kleidung und Essen ins Lager nach Transnistrien zu bringen.

    Die Elternsprache wird zur Konstante seines Lebens, auch nachdem er das kommunistische Rumänien mit fünfzig Jahren endgültig verlassen hat. Ein Schneckenhaus, das er überall mitnimmt und das ihm Schutz bietet, während das Englische eine „Mietsprache“ sei, die er sich ausgeliehen hat, um im öffentlichen Alltag in den USA zu überleben.

    Unbequeme Themen im Postkommunismus

    Maneas Blick ist unbequem. In seinen Werken spricht er nicht nur über die Lügen der Kommunisten, die das Leben immer mehr zur Maskerade verkommen lassen, sondern auch über das faschistische Rumänien davor. Einige der intellektuellen „Größen“ im Rumänien der 1930er-Jahre propagierten einen nationalistischen und antisemitischen Diskurs, unter dem der Autor und seine Familie so wie viele andere Juden und Roma zu leiden hatten. Daran wollte sich das postkommunistische Land nur ungern erinnern: Als Manea 1991 einen Essay veröffentlicht, in dem er die Beziehungen des Schriftstellers Mircea Eliade mit der rechtsextremen Eisernen Garde in den 30er-Jahren thematisiert, führt dies weniger zu einer Debatte über Eliade, als vielmehr zu einer feindseligen Kampagne gegen den „Juden“ und „Verräter“ Manea.

    Spätestens jedoch mit dem Werk Die Rückkehr des Hooligan (2004) wird der Schriftsteller zu einer nicht mehr überhörbaren Stimme des schlechten Gewissens Rumäniens. Mit dem autobiografischen Werk arbeitet er nicht nur seine und die Geschichte seiner Familie auf. Indem er die Absurditäten der rumänischen Geschichte zwischen Faschismus und Kommunismus thematisiert, konfrontiert er gleichzeitig das kollektive Bewusstsein der Rumänen mit ihrer Vergangenheit, in der sie nicht nur Opfer, sondern auch Täter waren.

    Hooliganismus

    Die Metapher des Hooligans ist bewusst gewählt. Sie beschreibt nicht die Handlungsweise gewalttätiger Fußballfans, sondern Dissidenten und Unruhestifter, die für das jeweilige Establishment zum Problem werden. Konkret referenziert Manea auf Mihail Sebastian, den jüdisch-rumänischen Schriftsteller der Zwischenkriegszeit, der mit seinem 1934 publizierten Buch Seit zweitausend Jahren für Aufruhr sorgte. Sebastian, der mit jüdischem Namen Iosif Hechter hieß, versuchte sich damit von den großen Ideologien seiner Zeit zu distanzieren und die schwierige „Wahl“ zu beschreiben, vor die er in einem immer antisemitischer werdenden Umfeld als Jude gestellt wurde – Assimilation oder Ausschluss aus der Gesellschaft. Trotz Assimilation tritt Letzteres ein.

    Auf den im Zuge der Veröffentlichung seines Buches immer lauter werdenden „Vorwurf“, dass er als Jude kein Rumäne sein könne, antwortet Sebastian mit der Streitschrift Warum ich Hooligan wurde und einem feinen Ausloten seiner eigenen multiplen Identität: „Ich möchte jene antisemitische Gesetzgebung kennen, die die unwiderrufliche Tatsache, dass ich an der Donau geboren wurde und dieses Gebiet liebe, annullieren könnte.“

    Doch die Würfel der Geschichte sind gefallen – Rumänien versinkt im Antisemitismus und im christlich-orthodoxen Fundamentalismus und organisiert ab 1940 Juden- und Roma-Deportationen nach Transnistrien.

    Multiple Identität

    Maneas Leben beginnt dort, wo Sebastians Geschichte aufhört. Vor dem Hintergrund der Deportations- und Exilerfahrungen im und außerhalb des Heimatlandes hält Manea von Etikettierungen wie „Rumäne“, „Jude“, „Amerikaner“, „Opfer“ oder „Dissident“ nichts. Seine und Sebastians fragmentierte, hybride Identität sowie ihr Holliganismus sind nichts anderes als ein Akt des Widerstands gegenüber starren Kategorien, die die Vielfalt der Existenz immer wieder zu zerstören drohen.

    Mit mehr als zwanzig Werken gehört Norman Manea zu den meist übersetzten zeitgenössischen Autoren rumänischer Sprache. Er lebt als Writer in Residence in den USA und unterrichtet Europäische Kulturgeschichte am Bard College in New York. Dass ihn der Rumänische Schriftstellerverband schon mehrmals für den Nobelpreis für Literatur vorgeschlagen hat, ehrt den Autor mit Sicherheit. Aber mehr als das ehren Maneas Werk die rumänische Sprache sowie die universelle Literatur. Im Juli wird er 80 Jahre alt.

     

    Buchempfehlungen:
    Norman Manea – Wir sind doch alle im Exil, 2015;
    Die Rückkehr des Hooligan, 2004;
    Über Clowns, 1998; Hanser Verlag

    Alexandra Popescu

    Alexandra Popescu

    ist Absolventin der Publizistik und Kommunikationswissenschaft. Im Rahmen ihrer publizistischen Tätigkeiten setzt sie sich u.a. mit der Darstellung des Holocausts in aktuellen rumänischen Geschichtsschulbüchern auseinander.
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