Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Ben Dagan | Nr. 70 (04/2017) - Kislev 5778
  • Mutig und laut

    Seyran Ateş kämpft für einen liberalen Islam. Das macht sie zum Hassobjekt orthodoxer Männer und gefährdet ihr Leben. Peter Menasse hat mir ihr über ihre Motive und Positionen sowie über das von ihr mitbegründete europäische Volksbegehren „Stop Extremism“ gesprochen.
    FOTOS: HANS HOCHSTÖGER

     

    Seyran Ateş ist seit langem unbeugsam auf der großen Reise durch das Feuer. Die Anwältin, die aus einer türkisch-kurdischen Familie stammt und im Alter von sechs Jahren nach Deutschland kam, hat den Kampf um Gleichberechtigung und persönliche Freiheit früh aufgenommen und bis heute konsequent gefochten. Während des Jus-Studiums arbeitete sie in einer Berliner Informationsstelle für türkische Migrantinnen, die mit häuslicher Gewalt konfrontiert waren. 1984 drang ein Mann in das Zentrum ein, erschoss die Klientin, mit der sie gerade redete, und verwundete Seyran Ateş. Sie überwand ihre schweren Verletzungen, beendete ihr Studium und widmete sich danach der Arbeit als Anwältin. Sie forderte als Erste einen eigenen Straftatbestand gegen Zwangsverheiratung, trat für Hausbesuche von Sozialarbeitern in Familien mit türkischer und kurdischer Herkunft ein, um Frauen und Männer vor Zwangsehen schützen zu können, und engagierte sich ganz allgemein für eine zeitgemäße Auslegung des Islam.

    Im Jahr 2006 wurde sie erneut angegriffen, diesmal vom geschiedenen Ehemann einer Klientin. Nach einer Reihe von Morddrohungen zog sie sich 2009 aus der Öffentlichkeit zurück. Schließlich aber eröffnete sie drei Jahre später erneut ihre Anwaltskanzlei, die vor allem für hilfesuchende Frauen offensteht.

    Eine Moschee für alle

    Im Vorjahr ließ sich Seyran Ateş zur Imamin ausbilden und eröffnete in Berlin gemeinsam mit sechs Mitstreitern die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee. Dort beten Frauen und Männer gemeinsam, was zu riesiger Empörung von vielen Seiten geführt hat. Es ist ein Leben mit Todesdrohungen, Beleidigungen und Beschimpfungen, das Ateş führt, unerschrocken und unbeirrbar. Die Gründung der Moschee sei auf eine Kritik des CDU-Politikers Wolfgang Schäuble zurückzuführen, sagt sie uns in einem Gespräch in einem Wiener Hotel, bei dem wir von Sicherheitsleuten umgeben sind.

    „Ich war ab 2006 Mitglied der deutschen Islamkonferenz. Drei Jahre später hat man mich nicht mehr eingeladen. Das geschah auf Druck der islamischen Verbände, weil ich als Feministin nicht erwünscht war. Zu dieser Zeit hat Herr Schäuble immer wieder gesagt, dass wir liberalen und moderaten Muslime uns nicht so viel beschweren, sondern uns selbst organisieren sollten, um als alternative Ansprechpartner für die Politik zur Verfügung zu stehen.“ Die Idee war geboren, wenn es auch noch acht Jahre dauerte, bis sie umgesetzt wurde. Nach vielen Gesprächen kristallisierte sich heraus, dass es kein Verein oder Klub werden sollte, sondern eben die Moschee.

    Noch sind es kleine Anfänge, behindert durch die permanenten Drohungen von Seiten der radikalen Gegner. Es sind rund zwanzig feste Gemeindemitglieder und weitere fünfzig gelegentlich zum Beten vorbeikommende Gläubige, die es wagen, Teil dieser Revolution zu sein.

    Der Islam und seine Auslegungen

    Seyran Ateş führt die unterschiedliche Auffassungen in der Auslegung des Islam darauf zurück, dass der Islam sich von der Aufklärung abgewendet hat. „Schauen Sie auf die katholische Kirche, die Kreuzzüge, auf die Entstehungsgeschichte der Religion, schauen Sie auf die orthodoxen Juden. Wenn man in die Orthodoxie geht, dann sind die monotheistischen Religionen in der Frauenfrage kaum unterschiedlich. Der Islam ist aber seiner Zeit hinterher, weil er sich, just als der Aufklärungsprozess im Westen eingesetzt hat, also am Ende des Mittelalters, von der Wissenschaft und der Philosophie abgewandt hat, während sich das Christentum genau in die andere Richtung entwickelte.“

    Sie und ihre Mitstreiter hätten den Namen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee gewählt, um auf frühe Verbindungen von Orient und Okzident hinzuweisen. „Ibn Rushd hat Aristoteles zur Idee der Aufklärung geführt. Ohne ihn wäre das nicht gegangen. Goethe wiederum hat die Spiritualität, Mystik und Poesie in der Sprache des Koran entdeckt. Wir wollen mit der Moschee dorthin zurück, wo die Wurzeln des Islam liegen. Die Kernaussage ist, wie bei allen Religionen, die Liebe. Die Liebe zu anderen Menschen, zu Gott, die Nächstenliebe und die Barmherzigkeit. Es geht um Spiritualität, um die Suche nach Antworten auf schwierige Fragen, ja um die Frage nach dem Sinn des Lebens“, sagt Ateş mit großer Überzeugungskraft und Energie, so als ob sie hier im versteckten Winkel des Hotels predigen wollte. Sie ist von ihrer Mission tief überzeugt.

    Die Sache mit den unterschiedlichen Auslegungen des Islam erinnert an einen Witz, der wahlweise in Israel gilt oder auch bei der österreichischen Nationalmannschaft. Die Israeli sind allesamt Präsidenten und wissen besser als ihre Regierung, wie ihr Staatswesen organisiert gehörte. Die österreichischen Fußballfans wiederum wissen allesamt die richtige Aufstellung ihrer Mannschaft besser als der Trainer.

    „Wenn zwei Muslime zusammenkommen, gibt es drei Interpretationen über den Islam“, meint die Anwältin im gleichen Sinn. „Das kommt daher, dass der Islam eine individualistische Religion ist, die keine Institution zwischen den Einzelnen und Gott kennt. Überall, von Marokko bis Tunesien, am Balkan oder in der Türkei gibt es ganz andere Auffassungen, als wir sie beispielsweise in Saudi-Arabien finden. Und von der arabischen Halbinsel ausgehend hat sich der Islam jeweils dort, wo er angekommen ist, auf ganz eigene Weise entwickelt. Daher haben wir diese extreme Vielfalt. Dazu kommt das extreme Festhalten am Text, das keine Veränderung und Entwicklung zulässt.“

    Der Hass auf Juden

    Wie aber, fragen wir Seyran Ateş, kommt es zu einem derart großen Hass auf Juden innerhalb der muslimischen Gemeinschaft? Sie hat eine philosophische und eine konkrete Antwort darauf: „Weil wir Cousins und Cousinen sind, die sich gespalten und getrennt haben“, meint sie zum einen, und „weil der Antisemitismus in fast allen muslimischen Ländern tradiert wird. Wenn er nicht in der Schule unterrichtet wird, so wird er jedenfalls in den Familien von Generation zu Generation weitergegeben. Der türkische Präsident Erdogan hat einmal eine Studie zum Thema Rassismus machen lassen. Ich glaube mich zu erinnern, dass 80 oder 90 Prozent gesagt haben, dass sie keine Juden als Nachbarn wollten.“

    In der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee wird der Antisemitismus thematisiert. Seyran Ateş ist auch in dieser Frage eindeutig: „Als im Jahr 2014 der Konflikt zwischen Palästina und Israel eskalierte, saß ich am Fernsehgerät, und mir kamen die Tränen. Ich bin sehr nahe am Wasser gebaut. Warum muss das sein? Ich musste etwas unternehmen. So habe ich meine Freundin Lala Süsskind, die frühere Vorsitzende der Berliner Jüdischen Gemeinde, angerufen, und wir machen seitdem in unregelmäßigen Abständen eine Mahnwache am Brandenburger Tor, und zwar Musliminnen, Jüdinnen, Christinnen, Atheistinnen, Homosexuelle und Buddhistinnen gemeinsam. Lala, die Jüdin und ich, die Muslimin, stehen Schulter an Schulter.“

    Stop Extremism

    Seyran Ateş hat gemeinsam mit anderen die Initiative „Stop Extremism“ gegründet. Es ist das ein von der EU-Kommission genehmigtes europäisches Volksbegehren, das von der Politik konkrete Schritte gegen alle Formen der Diskriminierung, Gewalt und Unterdrückung fordert. Es geht dabei um ein Maßnahmenpaket gegen Terror, für den Schutz von Minderheiten und für ein friedliches Miteinander.

    Ein solches Volksbegehren braucht eine Million Unterschriften von Bürgern aus der Europäischen Union, um von der Kommission behandelt zu werden. Auf der Homepage heißt es: „Die Politik hat lange genug weggesehen! Europa hat jahrzehntelang um Frieden und Sicherheit gekämpft, wir lassen uns unsere Freiheit nicht mehr nehmen. Wir fordern von der EU ein gemeinsames konsequentes Vorgehen aller europäischen Länder gegen jede Form des Extremismus.“ Unterstützung kann über die Homepage https://www.stopextremism.eu/ geleistet werden.

    Einer der Mitgründer ist der österreichische Politikers Efgani Dönmez. Ihm wurde zuletzt vorgeworfen, dass er zwar stets die Türkei und Katar kritisieren würde, nicht aber Saudi- Arabien, und es wurde angedeutet, dass aus dem Königreich Geld an die Initiative fließen würde. Dönmez weist das scharf zurück, und Seyran Ateş ist davon überzeugt, dass es keine solche Geldflüsse gegeben hat. Von außen betrachtet, kann man den Eindruck gewinnen, dass Dönmez hier ein Opfer des schmutzigen österreichischen Wahlkampfs geworden ist.

    Ateş sieht diese Unterstellungen daher sehr entspannt. Sie würde sich allerdings durchaus wünschen, dass auch liberale Muslime das Projekt mitfinanzierten, meint sie mit vergnügtem Lächeln. „Ich wäre sehr dankbar dafür und würde die Kontonummer von Stop Extremism gleich hergeben.“

    Warum sie laut ist

    Was immer Seyran Ateş sagt, kommt mit großer Energie daher. „Ich habe mich irgendwann dafür entschieden, laut zu sein. Ich war lange Zeit leise. Nachdem ich angeschossen wurde oder auch nach meinem allerersten Buch, das 1983 unter einem Pseudonym erschienen ist. Ich habe irgendwann, das war ab 2003, nachdem ich Anwältin geworden bin und immer noch Mandantinnen erlebte, die zwangsverheiratet wurden, für mich entschieden, mit meinem Buch Große Reise ins Feuer nochmal laut zu werden. Und dann noch einmal lauter, weil es für mich unerträglich war, dass zwanzig Jahre seit meinem 1983 geschriebenen Buch vergangen waren und sich die Situation der Frauen so wenig geändert hatte. Und die Gesellschaft war sich dessen nicht bewusst. Als ich dann den eigenen Straftatbestand Zwangsverheiratung einforderte, habe ich Anfeindungen sogar von linker Seite bekommen. Da waren Sozialdemokraten und Grüne darunter, was mich total irritiert hat. So wurde mir klar, dass ich laut sein musste, um etwas zu erreichen. Im Jahr 2011 gab es dann doch den Tatbestand Zwangsehe im deutschen Strafrecht. Ein Beleg dafür, dass du nur was zum Essen kriegst, wenn du schreist.“

    Wir trennen uns, sie begleitet von ernst blickenden Männern. Es ist der deutsche Staat, der sie schützen muss, weil sie für die Gleichheit der Geschlechter und eine liberale Form der Religion eintritt.

    Peter Menasse
    Der NU-Chefredakteur ist selbstständiger Kommunikationsberater und Publizist. Er lebt in Wien und im Burgenland.
    Peter Menasse

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