Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Zeitgeschichte
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  • ausgabe:  Maschek | Nr. 64 (02/2016) - Siwan 5776
  • Muhammad der Löwe

    Aus der österreich-ungarischen Provinz über Wiens Kaffeehäuser und das Berlin der zwanziger Jahre verschlug es Leopold Weiß bis in die Arabische Wüste, nach Britisch-Indien und zu guter Letzt für das junge Pakistan zu den Vereinten Nationen.
    VON FERDINAND ALTENBURG

    Leopold Weiß alias Muhammad Asad

    Die Donaumonarchie brachte zahllose Querdenker und Exzentriker hervor, wenige jedoch sind trotz all ihrer Errungenschaften und ihrem Einfluss in ihrer Heimat derart in Vergessenheit geraten wie Leopold Weiß – alias Muhammad Asad.

    Zur Welt kam er 1900 im galizischen Lemberg. Seine Eltern, Amalia und Kiwa Weiß, zählten zu jener Generation österreichischer Juden, unter deren Füßen sich der Spalt zwischen Akkulturation und Orthodoxie immer weiter zu öffnen begann. Kiwa war der erste Mann aus der orthodoxen Familie Weiß, der sich gegen ein Leben als Rabbiner und zunächst für die Naturwissenschaften, schließlich aber aus praktischen Gründen für den Advokatenberuf entschied. Es überrascht also wenig, dass Leopold Weiß zunächst in Czernowitz und später, zur Zeit des Ersten Weltkriegs, in Wien in den Genuss einer Gymnasialausbildung kam – eine Seltenheit unter den Einwanderern aus dem Osten. Nicht zuletzt aus Respekt seinem Vater gegenüber sorgte Kiwa auch dafür, dass sein Sohn intensiven Sprach- und Religionsunterricht erhielt, sodass Leopold schon früh fließend Hebräisch sprach, den Talmud zu diskutieren verstand und sogar des Aramäischen weitgehend mächtig war. Überhaupt war das Leben im Hause Weiß nach außen bereits liberal, nach innen aber eben nicht gläubig, sondern rein traditionell geprägt. An diese Verankerung in der Tradition, losgelöst vom Glauben, erinnert sich Asad in seiner Autobiografie Mein Weg nach Mekka, und vor allem die damit einhergehende Rolle des Rituals wurde vom jungen Leopold Weiß bald kritisch betrachtet. Er fühlte sich eingeschränkt, gar gelähmt. Auch konnte er wenig Verständnis für die Vorstellung aufbringen, dass sich Gott ausschließlich mit einem Volk befasst, es belohnt, wenn es ihm huldigt, es straft, wenn es ihn vernachlässigt. Er war auf der Suche nach Allgemeingültigkeit.

    Diese Suche führte in zunächst an die philosophische Fakultät der Universität Wien, später zur kunstgeschichtlichen. Weiß war jedoch vom allzu praktischen Zugang der Professoren enttäuscht, und so traf man ihn immer öfter in einem der vielen Wiener Kaffeehäuser an, wo er oft nächtelange mit anderen debattierte. Er galt als scharfer Kritiker des westlichen Materialismus und diagnostizierte in seinem Umfeld eine sich immer weiter ausbreitende „seelische Leere“.

    Nach einer totalen Abkehr von der akademischen Laufbahn versuchte er sein Glück als Journalist in Berlin. Auch hier tauchte er tief in das Milieu der Bohemiens ein, arbeitete als Hilfsregisseur bei Produktionen des Avantgardisten Friedrich Murnau und machte sich schließlich einen Namen als freier Journalist. Auf Einladung seines Onkels mütterlicherseits, des Freud-Schülers und Psychoanalytikers Dorian Feigenbaum, reiste Weiß 1922 spontan nach Jerusalem.

    Faszinierender Osten

    Dort verliebte sich der Suchende in den Orient und vor allem in die Einfachheit und dennoch vollkommen reine Spiritualität des Islam. Er wurde Korrespondent für die Neue Züricher und die Frankfurter Zeitung und veröffentlichte sein erstes Buch Der unromantische Orient, in dem er die teils idealisierenden, teils herablassenden europäischen Narrative hinterfragt. Es folgten ausgedehnte Reisen nach Transjordanien, Ägypten, ja bis nach Afghanistan. Er hatte seine spirituelle Heimat gefunden: 1926 konvertierte der galizische Jude Leopold Weiß gemeinsam mit seiner Frau, der Berliner Malerin Elsa Schiemann, in der Wilmersdorfer Moschee zum Islam und nannte sich von nun an Muhammad Asad, Muhammad der Löwe.

    Nun begann die erste von zahlreichen Pilgerreisen nach Mekka, auf der ihm Prinz Faysal von Saudi-Arabien begegnete. Dieser machte Asad mit dem Herrscher des jungen Wüstenstaates bekannt, König Abdulaziz Ibn Saud. Eine innige Freundschaft entstand. Die nächsten Jahre verbrachte Asad als Berater am königlichen Hof, wo er eingehend den Koran studierte, sein Arabisch und Persisch perfektionierte und den Ruf eines Schriftgelehrten erlangte. Das Vertrauen, welches ihm entgegengebracht wurde, lässt sich besonders an den zahlreichen diplomatischen Missionen ablesen, auf die Muhammad Asad während seiner Zeit in Saudi-Arabien geschickt wurde. Eine führte ihn sogar als verdeckten Ermittler in ein Gebiet aufständischer Beduinen, um deren Geldquellen ausfindig zu machen. Später wird ihn Haaretz als „Leopold von Arabien“ bezeichnen.

    Pakistan

    1932 brach er nach Indien auf, wo er sich bald mit dem Denker, Philosophen und Poeten Muhammad Iqbal anfreundete. Dieser überzeugte ihn, in Indien zu bleiben. Hier brachte er sein zweites Buch Islam at the Crossroads heraus, in dem er vor einer Anpassung an den Westen warnte und für einen Wiederaufbau islamischer Zivilisationen plädierte, die als ergänzendes, nicht minder aufgeklärtes, aber dennoch religiöses Gegenstück zum Abendland fungieren sollten. Im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges versuchte er noch vergeblich, seinen Verwandten die Flucht aus Europa zu ermöglichen, wurde jedoch bei Ausbruch des Krieges 1939 als österreichischer Staatsbürger in Indien interniert. Hier begann Asad an seiner bis heute unübertroffenen Koranübersetzung zu arbeiten. Nach dem Krieg gründete er die Zeitschrift Arafat. A Monthly Critique of Muslim Thought und beteiligte sich 1947 maßgeblich am Aufbau Pakistans, wurde Minister für Religionsangelegenheiten und vertrat seine neue Heimat bis 1955 bei den Vereinten Nationen.

    Nach der Niederlegung seines Amtes führte Muhammad Asad ein vergleichsweise ruhiges Leben, reiste viel und starb 1992 in Spanien, wo er auf dem muslimischen Friedhof von Granada begraben liegt.

    Was bleibt?

    Asads Vermächtnis beschränkt sich nicht auf seine Biografie. Er ist, wie jeder Akteur im Weltgeschehen, ambivalent zu betrachten. Zeitlebens prangerte er den Materialismus des Westens, seinen moralischen Verfall durch den Ersten Weltkrieg und vor allem dessen Imperialismus an. Schon vor seinem ersten Kontakt mit dem Islam missbilligte er den politischen Zionismus, den er als eine Form dieses Imperialismus betrachtete. Bei seinem ersten Aufenthalt in Palästina debattierte er mit Größen wie Chaim Weizmann und begann die Frage nach dem Verbleib der ortsansässigen Bevölkerung zu stellen, wobei er dem jüdischen Glauben sein gesamtes Leben hohen Respekt und Dankbarkeit zollte. Umso interessanter ist seine Rolle im Staate Pakistan, der schließlich, wie Israel, nach dem Rückzug der Kolonialmächte als Versuch gegründet wurde, zwei Gruppen zu trennen, denen man ein friedliches Zusammenleben nicht zutraute.

    Von größerer Relevanz als sein politisches Erbe ist heutzutage wohl sein religiöses. Obwohl er in seinem neuen Glauben aufblühte, stand er dessen Mängeln nicht blind gegenüber. Asads Islamverständnis war ein durch und durch modernes, ohne Raum für Kopftuchpflicht und dergleichen. Er verstand es, die wissenschaftlichen und sozialen Errungenschaften des Abendlandes mit den ethischen und spirituellen des Morgenlandes zu vereinen. Mit The Principles of State and Government in Islam unternahm Asad den Versuch, Demokratie und Glauben zu harmonisieren – leider nur mit mäßigem Erfolg, wie sich heute zeigt. Was das Studium von Muhammad Asads Biografie bieten kann, ist ein Blick auf einen Islam der Kultur, der Verse, der Musik, der Architektur und Wissenschaft – und des Friedens.

    Ferdinand Altenburg

    Ferdinand Altenburg

    ist Zivildiener und schreibt für NU.
    Ferdinand Altenburg

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