Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Oberrabiner Lau | Nr. 21 (3/2005) - Tischrei 5766
  • Mit Schirm, Charme und Käppi

    Die verstorbene Batya Gur schrieb den ersten israelischen Krimi – einen Bestseller. Doch es gibt noch viele andere jüdische Autoren. Immer mehr jüdische Krimis kommen auf den Buchmarkt.
    Von Rainer Nowak

    Jüdische Krimis? Was soll an jüdischen Krimis anders sein als an nicht-jüdischen Krimis? Sind jüdische Krimis philosophischer? Subtiler? Mordlustiger? Nachdenklicher? Oder doch gerechter? Ist die Krimibranche gar antisemitisch? So oder so ähnlich fielen die Reaktionen auf meine schüchtern vorgebrachte Ankündigung aus, etwas über jüdische Krimis schreiben zu wollen. Das Dumme daran: Als hauptberuflicher Krimileser habe ich natürlich auch viele jüdische Autoren und/oder jüdische Plots gelesen, aber wirklich große, fundamentale Unterschiede habe ich bisher auch nicht gefunden. Denn: Ein guter Krimi ist ein guter Krimi ist ein guter Krimi. Und darunter gibt es eben auch jüdische. Daher ein kleiner Überblick – quasi mein höchst persönliches “best of”. Mit der Chance, dass dadurch doch noch eine Charakteristik jüdischer Krimis erkennbar wird. Die erste und beste Krimiautorin schlechthin war die große Batya Gur, die im vergangenen Mai 57-jährig an Krebs verstorben ist. Sie hatte den ersten bedeutenden israelischen Krimi überhaupt geschrieben: ihren großartigen Roman “Denn am Sabbat sollst du ruhen”, der im Milieu der Psychoanalytiker spielt. Mit diesem ersten Fall von Kommissar Ochajon wurde sie 1992 berühmt. Der Protagonist steht ganz klar in der Tradition der Helden der guten alten Hard Boiled-Krimis aus der Feder des großen Raymond Chandler. Hervorragend! Die Entscheidung, warum sie Krimis schrieb, hat die studierte Literaturwissenschafterin mit ihrem Respekt vor literarischen Kalibern wie Leo Tolstoi oder Thomas Mann begründet: “Ein Krimi ist nicht so anmaßend wie ein Roman.” Und: “Ein Krimi ist das beste Alibi, um etwas zu untersuchen, um nachzuforschen, um tiefer in die Gesellschaft einzudringen.” Das ist ihr gelungen. Eine weitere prominente Israelin, die sich an Kriminalgeschichten gewagt hat, ist Shulamit Lapid. Die 1934 in Tel Aviv geborene Schriftstellerin lässt die unkonventionelle Journalistin Lisi Baldichi ermitteln. Problem bei diesen Fällen: Die Story – etwa jene des Romans “Der Hühnerdieb” – wirkt doch recht konstruiert. Wie Gur ist auch ein anderer großer Autor jüdischer Krimis bereits verstorben: US-Schriftsteller Harry Kemelman schrieb die Rabbi Small-Reihe. Bereits Titel wie “Am Freitag schlief der Rabbi lang” oder “Am Sonntag blieb der Rabbi weg” weisen darauf hin, dass es sich hier um äußerst humorvolle Schilderungen aus dem Leben des Rabbiners Small handelt, der immer wieder den einen oder anderen kleinen Mordfall löst. Das Schöne dran: Die Vorgänge, Probleme und Intrigen innerhalb einer kleinen jüdischen Stadt-Gemeinde werden charmant und fast komisch dargestellt. Kemelman selbst meinte einmal über die Logik, mit der seine Fälle gelöst werden können: “Was Rabbi Small macht, ist das Denken des Talmuds anzuwenden.” Ein anderes gutes Beispiel für moderne jüdische Krimis: die zwölf Fälle von Lieutenant Peter Decker (Police Department von Los Angeles). Decker ist mit der orthodox-jüdischen Rina Lazarus verheiratet. Die stellenweise recht ironische Auseinandersetzung des harten Polizisten mit dem Judentum bleibt der rote Faden in allen Büchern. Am Beginn steht übrigens ein Mordfall Deckers in der orthodoxen Gemeinde, in der Rina lebt. Die beiden lernen einander kennen, dann lieben – und später tritt Decker sogar zum Judentum über. Im aktuellen zwölften Fall, in “Der Väter Fluch”, geht es um den Sohn reicher Eltern, der die Synagoge von Deckers Frau Rina schändet, indem er Bilder aus Nazi-Konzentrationslagern verstreut. Decker ermittelt, hilft die Synagoge neu zu streichen, vergisst den Fall – bis der jugendliche Vandale ermordet wird. Die Frage, wer dahinter steckt, wird natürlich gelöst. Waren es Drogenbosse? Eine Motorradgang? Oder hat Deckers jüdischer Stiefsohn etwas damit zu tun? Faye Kellerman gelingt das Kunststück, gute Plots zu konstruieren, den Polizeialltag, exakte Stadtbeschreibungen und Informationen über religiöse Hintergründe zu verweben. Und es ist wirklich amüsant, wenn der raue Ermittler mit Kollegen im Burger-Laden in Versuchung geführt wird, nicht koscher zu essen. Oder wenn er am Sabbat zu einem Mordfall gerufen wird. So viel sei verraten: Nicht immer ist der Sabbat heilig.

    Rainer Nowak

    Rainer Nowak

    Chefredakteur at Die Presse
    Der Herausgeber und Chefredakteur der Tageszeitung Die Presse ist ständiger NU-Mitarbeiter.
    Rainer Nowak

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