Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Ruth Wodak | Nr. 45 (3/2011) - Tischri 5772
  • Mehr Schein als Sein

    Das Jewish Museum of Australia in Melbourne bietet hübsch aufbereitete Grundsatzinformationen über das Judentum, aber nicht viel mehr.
    Von Ruth Eisenreich (Text und Fotos)

    Erkundigt man sich bei den Bewohnern Melbournes nach dem Stadtteil St. Kilda, bekommt man widersprüchliche Antworten: „Ein Emigrantenviertel“, hört man da, aber auch „viele Ausgehlokale“; „alternative Subkultur“, aber auch „Strand und betrunkene Rucksacktouristen“; „hip und teuer“, aber auch „Junkies und Prostituierte“. Als das jüdische Viertel, das es von Mitte des 19. bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war, sieht St. Kilda heute kaum noch jemand. Die jüdische Gemeinde hat sich weiter stadtauswärts verlagert. Geblieben sind die 1872 erbaute Synagoge der modern-orthodoxen St. Kilda Hebrew Congregation und ein Schild mit der Aufschrift „Wir führen koschere Produkte“ an der Tür des 7-Eleven-Supermarktes eine Straße weiter. Zwischen Synagoge und Supermarkt steht seit 1995 das Jewish Museum of Australia. Dem hochtrabenden Namen zum Trotz findet es im ersten Stock eines unauffälligen zweistöckigen Gebäudes Platz.

    Im Erdgeschoß des Gebäudes befinden sich ein Raum für Wechselausstellungen, eine nur nach Voranmeldung benützbare kleine Bibliothek und eine Münzsammlung, bestehend aus neun Münzen. Die ständige Ausstellung befindet sich im ersten Stock. Hier spaziert der Besucher zunächst durch die Geschichte des Judentums: Ein in warmen Orangetönen gehaltener Gang mit geschwungenen Wänden bildet die „Zeitleiste der jüdischen Geschichte“. Am Boden sind in knappen Worten wichtige historische Daten festgehalten, Wandtafeln liefern Zusatzinformationen. Gegen Ende des Ganges durchbricht als Symbol für die Schoah ein rechteckiges graues Tor die Gemütlichkeit der geschwungenen orangen Wände. Auf einem bedrückenden Gemälde des Künstlers Jacques Wengrow drängen sich stellvertretend für die sechs Millionen im Holocaust ermordeten Juden über 6.000 Figuren in düsterem Schwarzweiß auf engstem Raum.

    Es ist die einzige bildliche Darstellung des Holocaust im Jewish Museum of Australia. Hier gibt es keine Fotos von Brillenbergen oder ausgemergelten KZ-Häftlingen, die Schoah spielt hauptsächlich als ein Grund für die Immigration europäischer Juden eine Rolle – vor allem im auf die Zeitleiste folgenden Raum, der sich mit der Geschichte der Juden in Australien beschäftigt.

    Die ist so alt – oder jung – wie die Geschichte der britischen Besiedelung Australiens. Zwölf Juden sind an Bord der First Fleet, die im Jahr 1788 die ersten britischen Gefangenen in die neue Strafkolonie bringt. Insgesamt kommen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, als Großbritannien die Deportation von Sträflingen nach Australien aufgibt, etwa 800 jüdische Gefangene nach Australien. Die meisten sind ungebildete Arbeiter mit geringen Kenntnissen der jüdischen Tradition, die ohne Gebetsbücher, Tefillin oder Mesusot in Australien ankommen und in den ersten Jahren zu sehr mit Überleben beschäftigt sind, um sich um ihre jüdische Identität zu sorgen.

    Jüdisches Leben entwickelt sich in Australien erst ab den 1820er-Jahren. Unter den freien Siedlern, die nun nach Australien einwandern und unter anderem Melbourne gründen, und unter den Goldgräbern, die ab den 1840er-Jahren kommen, sind auch einige Tausend Juden. Die ersten Synagogen und Friedhöfe werden gegründet, wie überall auf der Welt hauptsächlich in den größeren Städten – heute leben 90 Prozent der gut 100.000 australischen Juden in Sydney und Melbourne.

    Bis 1933 bezeichnen sich die meisten australischen Juden als modern-orthodox, streben aber mehr nach Assimilierung in der australischen Gesellschaft denn nach einem religiösen Lebensstil. Erst die Holocaust-Flüchtlinge und -Überlebenden und die Emigranten aus dem kommunistischen Osteuropa bringen das progressive, aber auch das ultraorthodoxe Judentum nach Australien und machen das jüdische Leben vielfältiger. Heute sorgen vor allem Immigranten aus Russland, Israel und Südafrika für das Wachstum der jüdischen Gemeinde Australiens.

    Das Jewish Museum of Australia präsentiert die gesamte Geschichte des australischen Judentums in einer einzigen riesigen Glasvitrine. Fotos und Dokumente kämpfen hier mit dutzenden Texttafeln um die Aufmerksamkeit des Besuchers, eine Chronologie oder sonstige Ordnung ist kaum erkennbar. Viel Wert wird auf einzelne Lebensgeschichten gelegt, die mit Fotos, Dokumenten und Tonaufnahmen präsentiert werden. Allein mit der Betrachtung dieser Lebensgeschichten könnte man Stunden verbringen – wenn einen die monotone Dauerbeschallung mit den immer gleichen zwei Sätzen („You never know where the journey of life is going to lead you. This country – Who’d have thought I’d come to call it home?“) nicht recht schnell in die Flucht schlüge. Schade, dass ausgerechnet jener Teil des Jewish Museum of Australia, der nicht auch in hunderten anderen jüdischen Museen der Welt in ähnlicher Form existiert, so lieblos mit Informationen überfrachtet wurde.

    Immer wieder betont wird im Jewish Museum of Australia, wie gut Juden in Australien aufgenommen worden seien und wie wohl sie sich hier auf Anhieb gefühlt hätten. Die dunkleren Seiten der Geschichte bleiben dabei fast vollkommen ausgeklammert: Der Antisemitismus, der um die Jahrhundertwende den vor den Pogromen in Osteuropa fliehenden Juden entgegenschlug; die Vorurteile und Unterstellungen, mit denen Medien und Politiker in den 1930er- und 1940er-Jahren Stimmung gegen jüdische Flüchtlinge machten; und die Angriffe auf jüdische Einrichtungen in den letzten zwanzig Jahren. Unter anderem wegen einer strikten Quotenregelung schafften es von 1933 bis 1945 nur etwa 8.000 Juden, nach Australien einzuwandern. Deutsche, österreichische und ungarische Juden wurden als „feindliche Ausländer“ eingesperrt. Auch nach dem Krieg waren jüdische Immigranten in Australien unerwünscht. Heute betont das offizielle Australien seinen Stolz auf die kulturelle Diversität des Landes und doch gab es in den letzten zwanzig Jahren dutzende Brandanschläge auf Synagogen und andere jüdische Einrichtungen, Bombendrohungen, Grabschändungen und körperliche Gewalt gegen Juden. All das handelt das Jewish Museum of Australia in einem Satz („Anti-Jewish sentiments and occasional acts of violence have also been a constant of Australian Jewish life“) ab.

    Zwei kleine Räume bringen dem Besucher des Museums anschließend den jüdischen Jahresablauf und die rituellen Aspekte des jüdischen Lebens von der Beschneidung über die Hochzeitszeremonie bis zum Begräbnis nahe. Die Erklärungen sind für Besucher mit wenig Wissen über das Judentum gedacht: Sie bleiben oberflächlich, fassen aber die wichtigsten Informationen präzise zusammen. Das Bemühen um eine kreative Präsentation des Materials ist überall erkennbar: auf den den unzähligen Videobildschirmen, Audiodokumenten und Touchscreens, im beweglichen Diorama eines Hochzeitspaares und in etwas willkürlich wirkenden Einrichtungen wie dem Schiffsrad, das der Besucher drehen muss, um etwas über die jüdische Einwanderung nach Australien zu erfahren.

    Im Eintrittspreis des Museums inkludiert ist eine Führung durch die Synagoge der St. Kilda Hebrew Congregation, die allerdings nicht immer zu den angekündigten Zeiten stattfindet. Ein engagierter älterer Herr begleitet die Besucher ehrenamtlich in die hübsche neobyzantinische Synagoge und beantwortet freundlich allgemeine Fragen, scheint aber selbst kein besonders profundes Wissen über das Judentum oder die Synagoge zu haben. Ästhetisches Vergnügen und Grundsatzinformationen, aber für einigermaßen informierte Besucher wenig Neues: Die Synagogenführung fügt sich perfekt ins Gesamtbild des Jewish Museum of Australia.

    JEWISH MUSEUM OF AUStRALIA
    PO Box 117
    26 Alma Rd St Kilda Victoria 3182
    Melbourne, Australien
    Telefon: +61 3 8534 3600
    www.jewishmuseum.com.au
    Öffnungszeiten:
    Dienstag bis Donnerstag 10 bis 16 Uhr
    Sonntag 10 bis 17 Uhr

    Ruth Eisenreich

    Ruth Eisenreich

    hat in Wien, Maynooth (Irland) und Melbourne Vergleichende Literaturwissenschaft und Journalismus & Neue Medien studiert und war Redakteurin bei der Wochenzeitung "Falter". Sie lebt als freie Journalistin in Wien.
    Ruth Eisenreich

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