Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Die Kabbalisten von Wien | Nr. 40 (2/2010) - Tammus 5770
  • Maschu, nicht meschugge

    Von Nina Horaczek

    Das Baby ist maschu. Das ist schon am Flughafen in Tel Aviv klar. Überall, wo es vorbei getragen wird, heißt es nur „maschu maschu“, was für ein tolles Baby. „Meschugge“ ist hingegen in Wien von Freunden zu hören. Ein Monat quer durch Israel, und das mit einer Fünfjährigen und einem Baby, sei einfach verrückt, Israel kein Land für einen Familienurlaub.

    Dabei gibt es kaum eine bessere Destination für Eltern, die Abwechslung von den Schauferlbrigaden-Zielorten Caorle, Jesolo oder Mallorca suchen. Denn wer meint, die Italiener seien die kinderfreundlichsten Leute, der war noch nie auf Familienurlaub in Israel.

    Alleine Tel Aviv hat alles zu bieten, was Eltern brauchen: Viel Strand samt Eisgeschäften, Spielplätze, die wahlweise Indoor- und Outdoor sind und dazu auch noch alles, was auch den Eltern einen erholsamen Urlaub beschert. Zum Beispiel tolle Strandcafés. Oder gute Bars. Oder Einkaufszentren, in denen man mit den Kindern die heiße Mittagszeit gekühlt überstehen und gleichzeitig shoppen kann. Denn nicht nur in der Stadt findet sich auf öffentlichen Räumen so gut wie immer zumindest ein kleiner Spielplatz, auch in den Einkaufszentren ist immer was für die Kleinen da. Manches, wie etwa der Indoor- Spielplatz im berühmten Dizengoff Center (www.dizengof-center.co.il) ist zwar etwas abgenutzt und klein, dafür gratis. Andere – etwa jener im Kellergeschoss des Weizmann-Shopping- Centers (http://www.3disrael.com/telaviv/weitzman_center.cfm) – haben gegen Eintritt etwas mehr zu bieten.

    Oder man plant gleich einen Besuch im Dyada (www.dyada.co.il) ein. Besonders schön ist das Dyada-Zentrum am Hafen, der Bobo-Familientreff von Tel Aviv. Da gibt es einen klimatisierten Indoor-Spielplatz auf zwei Ebenen mit großem Klettergerüst, Trampolin und Riesenbausteinen. Das ganze mit einer Glasfassade mit Blick aufs Mittelmeer.

    Für die ganz Kleinen gibt es einen eigenen Raum mit Rutsche, Bällebad und Kuschelplätzen. Während die Kinder sich hier gegen Eintritt ohne Sonnenbrandgefahr austoben, können die Eltern auf der Terrasse auf Loungemöbeln entspannen und die vorbeisegelnden Schiffe zählen. Oder im Dyada-Shop einkaufen, der bei seinen Kindersachen den Spagat zwischen pädagogisch wertvoll und cool mühelos bewältigt. Kulinarisch orientiert man sich hier an der Zielgruppe und nicht an deren Begleitpersonen – auf der Speisekarte stehen Pizza, Pasta, Bagels. Dafür machen sie im Dyada guten Kaffee.

    Oder man spaziert durch die vielen Boutiquen am Hafen. Als zusätzliche Gratis-Attraktion für Kinder rennen auch noch viele, viele Streunerkatzen durch die Stadt.

    Manches hier ist natürlich ein kleiner Kulturschock. Das Karussell im Luna-Park (www.lunapark.co.il) zum Beispiel. In diesem Vergnügungspark, gerade einmal einen Hauch moderner als der Böhmische Prater, reiten die Kinder nicht nur auf Pferden. Sie ballern auch vergnügt mit Kalaschnikows vom Karussell-Panzer. Dafür gibt’s am militärisch angehauchten Ringelspiel keinen Gender-Gap. Die Mädchen haben genauso viel Spaß an der Spielzeug-Panzerfaust wie die Buben.

    Angst vor Hunden ist auch keine gute Voraussetzung für einen entspannten Israel-Besuch, vor allem wenn man seinen Urlaub in Tel Aviv verbringt. Da sollte man damit leben können, dass ein fremder Vierbeiner mit dem eigenen Nachwuchs kuschelt. Es scheint, als würde jeder, der durch die Stadt spaziert, von einem Hund begleitet, vom Schoßhund bis zur Dogge. Die meisten sind geschoren und sehen dementsprechend lustig aus. Und alle haben eines gemeinsam: Sie sind ebenso entspannt und kinderfreundlich wie unerzogen. Da geht der Hund spazieren und der Besitzer hängt an der Leine hinten dran. Man sollte also nicht erschrecken, wenn ein fremder Hund dem Kind das Eis abschnorrt. Vierbeiner trifft man auch im Hayakon Park, einer fast vier Quadratkilometer großen Grünfläche gleich neben dem Luna Park. Am Shabbat wird hier fleißig gegrillt und gepicknickt und dementsprechend vollgemüllt sehen die Wiesen Samstagnachmittag auch aus. Dafür gibt es riesige Spielgerüste aus Holz zum Herumturnen, einen Fahrradverleih, einen Bootsverleih, eine Kletterwand, einen Minigolfplatz und ganz viel Palmen und Grün.

    Die größte Kinderattraktion sind aber die Strände. Kilometerweit zieht sich der Sandstrand die Küste entlang. Von einer Shopping-Tour durch’s Zentrum braucht es nur wenige Minuten, um am Meer zu sein. Meer mit Schwimmbecken kombiniert der Gordon Pool direkt am Strand, bei dem sauberes, kaltes Meerwasser in ein Swimmingpool und Kinderbecken gepumpt wird.

    Einen Strand mit großem Kinderspielplatz gibt es gleich beim früheren Dolphinarium, jener Diskothek, die 2001 von einem Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt wurde. Heute sind dort die Wellenreiter unterwegs, genauso wie muslimische Mädchen in Burkinis, den schwarzen Ganzkörper-Badeanzügen, der nur die Finger und die Zehen freilässt. Wenige Minuten weiter das Meer entlang ist man schon in Jaffa, dem arabisch bewohnten Teil von Tel Aviv. Dort gibt es die „Wünschebrücke“, auf der die Kinder ihre Hand auf ein Bild ihres Sternzeichens legen, aufs Meer schauen und sich etwas wünschen können.

    Wer das Tel-Aviv-Kinderprogramm durchgemacht hat (was sich während eines Urlaubs gar nicht ausgeht, schließlich gibt es noch den Safaripark (www.safari.co.il), das Kindermuseum (www.childrensmuseum.org.il), einen Wasserpark und vieles mehr), auf den wartet dann noch die Hauptstadt Jerusalem.

    Dort gibt es zwar kein Meer, aber auch noch einmal für Kinder viel zu sehen. Zum Beispiel einen Zoo mit Tieren aus der Bibel (www.jerusalemzoo.org.il), ein eigenes Wissenschaftsmuseum für Kinder (www.mada.org.il) und das Israel Museum (www.imjnet.org.il) mit einem „Youth wing“ mit Ausstellungen, Kinderworkshops und Kinderbibliothek.

    Weil das immer noch nicht alles ist, kann man von Jerusalem aus weiter ans Tote Meer fahren und seine Kinder im Wasser schweben lassen oder einen Ausflug in die Wüste machen. Ein besonderes Erlebnis ist die Alpaka Farm (www.alpaca.co.il) in der Wüste Negev. Auf dieser Farm mit Lamas, Alpakas, einem Dromedar, Eseln und Pferden können die Kinder beim Tiere-füttern helfen, Lama reiten oder – wenn sie alt genug sind – einen Ausflug auf Pferden durch die Wüste machen.

    Noch ein Stück weiter unten in Eilat, direkt an der Grenze zu Ägypten und Jordanien, kann man im Roten Meer Fische ansehen oder mit Delfinen schnorcheln (http://www.dolphinreef.co.il). Hier ist so viel los, dass auch Teenager glücklich werden. Oder man fährt in die entgegengesetzte Richtung, in den Norden, nach Galiläa zu einer Rafting- Tour und zum Schwimmen im See Genezareth, dem größten Süßwassersee Israels.

    Trotz dieser Vielfalt an Dingen, die man mit Kindern in Israel machen kann – vielleicht ist es gar nicht nur das Angebot, sondern die Art, die einen Familienurlaub in Israel so entspannt ablaufen lässt. Vielleicht liegt es daran, dass die Israelis selbst nicht die leisesten sind und am liebsten ins Handy brüllend in der Gegend herumrennen. Bei so einer Geräuschkulisse ist auch Kinderlärm kein Thema. Selbst im Nobelschuppen rümpft keiner die Nase, wenn man mit Kindern auftaucht. Stattdessen bekommt die Familie den Tisch mit der weichen Couch, damit es der Nachwuchs auch sicherlich gemütlich hat. Und das sind dann die Momente, in denen einem wieder einmal bewusst wird, was in Wien fehlt.

    Nina Horaczek

    Nina Horaczek

    geboren 1977, ist Politologin, Buchautorin und Politikredakteurin der Wochenzeitung „Falter“. Für ihre journalistische Arbeit wurde sie mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet, darunter dem Prälat Leopold Ungar-Preis (2006). Zuletzt veröffentlichte Nina Horaczek gemeinsam mit der ORF-Journalistin Claudia Reiterer die kritische Biographie „HC Strache. Sein Aufstieg. Seine Hintermänner. Seine Feinde.“ (Ueberreuter Verlag).
    Nina Horaczek

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