Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Nahost
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  • ausgabe:  Nancy Spielberg | Nr. 58 (4/2014) - Kislev 5775
  • Lone Soldier – kämpfen und sterben für Israel

    Die wenig bekannte Brigade in der Israelischen Armee besteht aus jüdischen Freiwilligen aus der ganzen Welt.
    VON RENÉ WACHTEL

    Während der Operation „Protective Edge“ (Gaza-Krieg) im Sommer dieses Jahres wurde der Bevölkerung in Israel wieder bewusst, dass es eine besondere Gruppe von Soldaten in der IDF (Israel Defense Army) gibt – die Lone Soldiers. Es sind jüdische Freiwillige aus der ganzen Welt, die, obwohl sie nicht aus Israel stammen und auch ihre Eltern nicht hier leben, ihren Dienst in der Armee des Staates Israel leisten.

    Schon während des Unabhängigkeitskrieges 1948–1949 gab es eine Reihe von Lone Soldiers in der Armee. Etwa 4.000 Freiwillige kämpften an der Seite Israels (die meisten von ihnen waren Veteranen der britischen oder US-Armee). So bestanden etwa zwei Drittel der israelischen Luftwaffe aus Lone Soldiers (siehe Interview auf Seite 6). Als bekanntestes Beispiel gilt David „Mickey“ Marcus. Er war Israels erster General und befehligte die Israelischen Einheiten beim Kampf um Jerusalem. Marcus stammte aus einer rumänischen Familie, kam in den USA zur Welt (1901), kämpfte im Zweiten Weltkrieg in der United States Army und brachte es bis zum Colonel. Im Jänner 1948 kam er nach Israel und wurde wegen seiner Fähigkeiten bald zum General und Befehlshaber für die Verteidigung Jerusalems bestimmt. Er starb dann allerdings auf tragische Weise. Während einer Nachtpatrouille wurde er versehentlich von den eigenen Leuten getötet. Von einem Wachposten wurde er aufgefordert, das Passwort zu nennen, konnte es jedoch, weil sein Hebräisch so schlecht war, nicht richtig aussprechen und wurde erschossen. Er wurde in den USA am West Point Friedhof für US-Militärangehörige, die unter fremder Flagge kämpften, beerdigt. Premierminister David Ben Gurion meinte zum Tod von Mickey Marcus: „Er war der beste Mann, den wir hatten.“

    Fehlendes familiäres Umfeld
    Auch bei den anderen Kriegen, die Israel führen musste, waren immer Lone Soldiers im Einsatz. Um die Jahrtausendwende begann die Israelische Armee (IDF), ein professionelles Freiwilligen- Programm zu etablieren. So können junge jüdische Männer (zwischen 18 und 23 Jahren) und Frauen (zwischen 18 und 20 Jahren) aus der ganzen Welt ihren freiwilligen Dienst bei der Armee leisten.

    Pro Jahr gibt es ca. 5.000 jüdische Freiwillige in der IDF, 40 Prozent davon in Kampfeinheiten. Die meisten kommen aus den USA und Russland. Neben den üblichen medizinischen und psychologischen Tests („The Tzav Rishon“) für die Tauglichkeit ist es natürlich auch wichtig, gute Hebräischkenntnisse zu erlangen. So bietet die IDF ein spezielles Programm an (das bis zu einem Jahr dauern kann), um die Sprache gut zu erlernen. Dann müssen sich die Freiwilligen für eine Zeit von 18 Monaten für die Armee verpflichten.

    Um ihnen die Integration zu erleichtern, gibt es einige Vergünstigungen von Seiten der Armee, wie zum Beispiel Hilfe bei der Wohnungssuche, eine etwas bessere Bezahlung und auch die Möglichkeit, zumindest einmal im Jahr für 30 Tage die Familie im Ausland zu besuchen.

    Ein Problem bleibt aber: Viele leiden unter dem fehlenden familiären Umfeld. Sie kommen am Schabbat in eine leere Wohnung, finden einen leeren Eiskasten vor, müssen sich selbst um die schmutzige Wäsche kümmern, und es mangelt die Nähe zur Familie. Aus diesem Grund haben sich Nonprofit-Organisationen für die Lone Soldiers gebildet, die den Freiwilligen helfen. Die bekannteste ist das Lone Soldier Center „Michael Levin“ (lonesoldiercenter.com), benannt nach Michael Levin, einem US-Amerikaner, der seinen Dienst als Fallschirmjäger bei der IDF absolvierte und im Libanonkrieg 2006 von einem Scharfschützen der Hisbollah getötet wurde. Freunde von ihm, meist selbst auch ehemalige Lone Soldiers, gründeten dann das Center.

    Dort hilft man den jungen Menschen in allen Belangen ihres Lebens, bei der Wohnungssuche, beim Finden von „Adoptiveltern“ oder dem Kontakt zu einer Familie, mit der sie am Freitagabend feiern können. Das Center hat mehr als 250 Freiwillige und unterhält Büros in Jerusalem, Tel Aviv, Haifa und Beer Sheva. Finanziert wird es ausschließlich durch freiwillige Spenden.

    Nach der Zeit in der Armee ist für viele Lone Soldiers auch die Entscheidung zu treffen, ob sie in Israel bleiben oder in ihr Heimatland zurückehren wollen. Es gibt zwar keine genauen Zahlen dazu, aber nach Schätzungen bleibt etwa die Hälfte der Lone Soldier auch nach ihrer Militärzeit in Israel. Auch hier bietet das Lone Soldier Center Hilfe und Unterstützung an.

    Die Lone Soldiers sind nicht alleine
    Während der Operation Protective Edge, bei der 64 israelische Soldaten fielen, starben auch drei Lone Soldiers bei den Kämpfen in Gaza. Der erste war der erst 21-jährige Sergeant Nissim Sean Carmeli aus Texas. Er kam mit 16 Jahren nach Israel. Zwei Jahre später ging er als Freiwilliger zur IDF, und zwar zur Golani Brigade, einer der besten Kampfeinheiten der Armee. Als die Eltern von Sean erfuhren, dass ihr Sohn während des Einsatzes in Gaza getötet worden war, befürchteten sie, dass keine Menschen zur Beerdigung ihres Sohnes kommen würden. Sean Carmeli war ein großer Fan der Fußballmannschaft Maccabi Haifa. Der Fanklub erfuhr davon, und sofort wurde ein Rundruf mit folgendem Text in den sozialen Netzwerken gestartet: „We don’t want his funeral to be empty. … Come and pay final respects to a hero who died so that we can live. It’s the least we can do for him and for our people.“ Bei der Beerdigung in Haifa einen Tag später begleiteten dann mehr als 20.000 Menschen Sean Carmeli zu seiner letzten Ruhestätte. Die Eltern und Geschwister von Sean Carmeli waren von dieser Geste des Respekts überwältigt.

    Am Tag darauf fand das Begräbnis von Staff Sergeant Jordan Bensemhoun, einem Lone Soldier aus Frankreich, in Ashkelon statt. Er wurde nur 22 Jahre alt. Der „Held von Ashkelon“, wie er genannt wurde, wurde auch von mehr als 10.000 Menschen am Friedhof begleitet. Viele von ihnen sagten: „Wir haben gefühlt, dass wir kommen mussten!“

    Bei der Beerdigung des dritten Lone Soldiers, Sergeant Max Steinberg aus Los Angeles, am Militärfriedhof am Mount Herzl in Jerusalem, begleiteten sogar 30.000 Menschen den Trauerzug. Seine Eltern, zum ersten Mal in Israel, konnten diesen Zustrom nicht begreifen. Viele der Menschen, die zum Begräbnis kamen, erklärten es ihnen: „Wir wollen der Familie zeigen, dass die Lone Soldiers nicht ,alleine‘ sind. Sie waren zwar Lone Soldiers, aber wir alle sind mit ihnen!“

    René Wachtel

    René Wachtel

    lebt in Wien und ist Kultusrat für CHAJ-Jüdisches Leben in der IKG.
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