Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Zeitgeschichte
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  • ausgabe:  Maschek | Nr. 64 (02/2016) - Siwan 5776
  • Let’s go to the Mall

    Eine Erinnerung an den österreichischen Stadtplaner und Architekten Victor Gruen, der durch die Planung der ersten modernen Einkaufszentren in den USA für Aufsehen sorgte.
    VON DAVID BOROCHOV

    „Immer wieder wird mir die Vaterschaft für Shopping Malls in die Schuhe geschoben. Ich möchte die Gelegenheit nützen, diese zurückzuweisen. Ich weigere mich, Alimente für diese Bastardobjekte zu zahlen. Sie haben unsere Städte zerstört“, sprach Victor Gruen 1978, 22 Jahre nach Eröffnung des ersten modernen Einkaufszentrums der Welt. Verstört durch die Tristesse amerikanischer Vorstädte überlegte er sich, wie man in diesen zersiedelten Gebieten soziale, kommerzielle und kulturelle Interaktion ermöglichen könnte. Dabei orientierte er sich an der Wiener Innenstadt, welche für ihn bis zu seinem Lebensende als der Prototyp urbanen Lebens galt. Gruens künstlich geschaffenes Stadtzentrum sollte mit Cafés, Sitzgelegenheiten, viel Grün (lol), Bibliotheken und vielen, vielen Geschäften zu einer Art Nachbarschaftszentrum werden. Es dauerte nur wenige Jahre, bis es zu dem Symbol der Konsumgesellschaft wurde, als das wir es heute kennen.

    Grünbaum wächst

    Doch es war ein langer Weg, bis aus dem Wiener Kabarettisten und Bautechniker der amerikanische Umwelt- und Stadtplaner wurde. Viktor David Grünbaum erblickte 1903 als Sprössling einer gutbürgerlichen jüdischen Familie in Wien das Licht der Welt. Bereits in seiner frühen Jugend ließ sich sein späterer Lebensweg ungefähr vorausahnen: Er engagierte sich bei den Sozialistischen Mittelschülern und verbrachte viel Zeit in den Wiener Kaffeehäusern, wo er seine späteren Kollegen vom „Politischen Kabarett“ traf. Den Wunsch, Architekt zu werden, hegte er schon früh. Seine Verwirklichung ließ aber auf sich warten: Sein Vater, ein angesehener Advokat, investierte während des Ersten Weltkriegs das gesamte Familienvermögen in Kriegsanleihen. Nach dem Krieg verlor er naturgemäß alles, kurz darauf starb er. Nun musste sich der junge Viktor um die Familie kümmern. Er brach das Realgymnasium ab, in dem er sich so wohl fühlte, und ging notgedrungen auf eine Fachschule, um das Handwerk des Bautechnikers zu lernen. In dieser Staatsgewerbeschule begegnete ihm auch erstmals die hässliche Fratze des Antisemitismus, von dem er während seiner von Liberalismus und Intellektualität geprägten Gymnasiumzeit nicht das Geringste mitbekommen hatte. Nach dem Abschluss an der Gewerbeschule arbeitete er einige Jahre am Bau und wagte recht bald den Schritt in die Selbstständigkeit.

    Grünbaum blüht

    Aufgrund des Platzmangels und fehlender Ressourcen musste Gruen sein Schlafzimmer als Atelier und Arbeitszimmer nutzen. Mit einige Raffinessen gelang es ihm, eine wohnliche Arbeits- und Wohnstätte einzurichten. Seine ersten Aufträge stellten allesamt die Anforderung, möglichst viele Funktionen auf möglichst wenig Raum zu vereinen. Betätigte er sich anfangs noch als Planer von multifunktionalen Möbeln, machte er sich recht bald auch als Innenausstatter einen Namen und weitete sein Tätigkeitsfeld in der Folge auf Geschäftsportale und -innenräume aus.

    Parallel zu seiner beruflichen Tätigkeit führte Gruen abends mit großer Begeisterung das „Politische Kabarett“ mit Jura Soyfer und Robert Ehrenzweig. Später beschrieb er diese Auftritte als Höhepunkte seines gesamten Schaffens. Ab 1934 stand die junge Truppe unter Beobachtung, Vorführungen wurden regelmäßig von der Polizei und Heimwehr sowie Nazitrupps gestört.

    Als Gruen sich eines Tages daranmachte, die mit „Juden raus“-Klebern bedachte Außenmauer des Kabaretts von ebendiesen zu befreien, wurde er von zwei Nazis verprügelt. Die Polizei ließ die Schläger erwartungsgemäß frei, sperrte den Kabarettisten jedoch für eine Nacht in eine Zelle. Bei der darauffolgenden Conférence erzählte er von dem Vorfall und beschwerte sich über die zahlreichen Wanzen, die ihn am Schlafen gehindert hatten. Die Folge war eine neuerliche Vorladung bei der Polizei, die eine Anzeige wegen Amtsbeleidigung vorbereitete. Dass er mit dem Begriff „Wanzen“ nicht die Polizisten, sondern die sechsbeinigen Insekten gemeint hatte, konnte er bei einem Lokalaugenschein im Gefängnis beweisen.

    Grünbaum entwurzelt

    Nach dem „Anschluss“ 1938 erkannte Gruen rasch die Notwendigkeit einer Flucht. In den ersten Wochen arbeitete er noch für seinen ehemaligen Angestellten im nunmehr arisierten Büro, wie durch ein Wunder gelang ihm die Flucht doch und er gelangte nach New York. Das Kapitel seiner Autobiografie, das seine ersten Eindrücke New Yorks schildert, schließt er mit dem Satz: „Alles ein bisschen betäubend – aber alles ohne NS-Dekoration!“

    Sowohl als Architekt als auch als Conférencier konnte Gruen in New York sehr bald Fuß fassen. Und auch das den Wiener Theaterkolleginnen und -kollegen gegebene Versprechen, deren Tätigkeit auf dem neuen Kontinent fortzusetzen, konnte er nach einem Englisch-Crashkurs erfüllen. Mit großer Trauer musste er feststellen, dass es von seiner Gruppe nur die wenigsten nach New York geschafft hatten. Trotz sprachlicher, personeller und finanzieller Hürden waren die Auftritte der „Viennese Refugee Artists Group“ am Broadway ein voller Erfolg. Eine Theaterkritik in der New York Times schloss mit den Worten: „Hitler’s loss: our gain!“

    Durch den überwältigenden Erfolg sah sich Grünbaum gezwungen, der amerikanischen Öffentlichkeit einen Gefallen zu tun und nannte sich nunmehr – auf Englisch aussprechbarer – Gruen.

    Relativ Gruen

    Einen großen Beitrag zu Gruens Erfolg leistete wohl auch das Empfehlungsschreiben eines der größten Wissenschaftler seiner Zeit: Albert Einstein. Noch in Wien hatte ein junger, erfolgloser Schauspieler Gruen einen Brief in die Hand gedrückt und ihn angefleht, diesen an die angegebene Adresse zu bringen. Ein Treffen in Princeton war erstaunlicherweise recht bald arrangiert, der Brief wurde dem Adressaten überreicht, es folgte ein kurzer Plausch. Gruen bat Einstein, ihm anhand eines Beispiels die Relativitätstheorie zu erklären, die er noch nicht ganz begreifen konnte. Einstein antwortete lächelnd: „Bis vor einigen Jahren wurde ich als bedeutender deutscher Physiker gerühmt. In einigen Jahren werde ich als bedeutender amerikanischer Physiker bekannt sein, und in noch fernerer Zeit werden mich die Deutschen wieder als berühmten deutschen Physiker reklamieren. Sehen Sie, das ist Relativität.“

    Schön Gruen

    Architektonischen Ruhm erlangte Victor Gruen nach dem erfolgreichen Broadway-Auftritt durch alte Bekannte. Wiener Kaufleute, unter ihnen der Lederwarenhändler Lederer und die Süßwarenhersteller Altmann& Kühne, mussten ebenso fliehen, und Gruen gestaltete für sie neue Geschäftsräumlichkeiten. Lederers Lederwarenboutique enthielt Elemente eines Museums, während der „Süßwarensalon“ der Graben-Confiseure sich architektonisch hauptsächlich an Juwelieren orientierte. Die Kritiker sparten auch diesmal nicht mit Lob: „An der Fifth Avenue liegen zwei Geschäfte einander genau gegenüber, die wohl als die schönsten Amerikas bezeichnet werden können: Lederer und Altmann & Kühne.“

    Gruen-Effekt

    Der Ruf, den er sich auf dem Gebiet der Laden- und Kaufhausgestaltung erworben hatte, verhalf Gruen zu Aufträgen für immer größere Projekte. Er führte letztendlich sogar dazu, dass ein psychologischer Effekt nach ihm benannt wurde: Beeinflusst die Gesamtkomposition eines Geschäfts das Kaufverhalten des Konsumenten dermaßen, dass dieser zum Kauf von Produkten verleitet wird, die er ursprünglich gar nicht benötigt hat, spricht man vom Gruen-Effekt. Für den Sozialisten Gruen, der für die amerikanische Konsumkultur nie sonderlich viel übrig hatte, ist das nur eines von vielen Beispielen für all die Widersprüchlichkeit im Laufe seines Schaffens.

    Gruene Geister

    Ein weiteres Projekt, das für ebendiese Widersprüchlichkeiten bezeichnend ist, war die Weltausstellung 1939 in New York. „Futurama“ wurde der Pavillon von General Motors getauft, Untertitel: „Die Straßen der Zukunft“. 200 Designer arbeiteten unter der Leitung von Norman Bel Geddes monatelang an einem spektakulären Modell, das die Zukunft des Straßenverkehrs maßgeblich beeinflusste. Die Idee: Nicht durch die Präsentation und Produktion neuer, toller Automodelle könne man den Individualverkehr antreiben, sondern umgekehrt. Wo Straßen sind, werden Autos sein.

    Die Geister, welche Gruen bei diesem Projekt herbeirief, holten ihn in den 1950er Jahren ein. Zu dieser Zeit hatte er sich vom Gestalter von Ladenflächen zum bedeutendsten Planer kommerzieller Bauvorhaben in Amerika hochgearbeitet. Als der Zweite Weltkrieg einen allgemeinen Baustopp brachte, erging sich Gruen in Plänen für die Re-Urbanisierung der amerikanischen Städte. Was aus seiner revolutionären Idee einer „Shopping Town“ für alle wurde, ist zu Beginn dieses Artikels mit seinen eigenen Worten deutlich gemacht worden. Der Autoverkehr, den er mit seinen Konsumtempeln beschworen hatte, verpestete die Luft und die Landschaft, führte zu Verkehrsstaus und Ärger.

    Die folgenden Jahrzehnte scheinen einer Art Wiedergutmachung für seine Sünden gewidmet gewesen zu sein. Er erkannte, dass der einzige Weg zu einer Re-Urbanisierung die Aufwertung und der Wiederaufbau des Stadtkerns ist. Die optimale Innenstadt solle von einer Ringautobahn umschlossen und autofrei sein, Parkgaragen kompensieren den Parkplatzmangel. Doch in kaum einer (Klein-)Stadt ging alles zu einhundert Prozent nach Plan.

    Er konnte seine Visionen in den Vereinigten Staaten schlicht nicht umsetzen. Zu viele Faktoren und Interessen waren in den Stadtplanungsprozess involviert: Das Gemeinwohl, private Investoren, Massenmedien und damit einhergehend nicht zuletzt die Anrainer der betroffenen Gebiete. In autoritär regierten Staaten, wie der Sowjetunion und Persien unter dem Schah, erging es ihm entgegen allen Hoffnungen sehr ähnlich. Er zog daraus den Schluss, dass zukunftsträchtige Konzepte mindestens 20 bis 30 Jahre brauchen würden, bis sie von den Menschen akzeptiert werden können.

    Gruen in Wien

    Also kam er nach Wien. Ab 1948 besuchte er seine alte Heimat alljährlich und freundete sich hier auch mit einem jungen, ambitionierten Politiker an, der sich um die Gruen-Kinder Peggy und Michael kümmerte und bis heute in Kontakt zu ihnen steht. Die Rede ist vom baldigen Bundespräsidenten a.D., Heinz Fischer. Er schrieb dankenswerterweise exklusiv für NU einige Zeilen über seinen einstigen Freund, den er nach dessen Remigration 1968 kennenlernte. Laut Fischer sind der Antisemitismus und die erzwungene Flucht in die USA die Gründe, wieso sich Gruen in Wien nie wirklich beheimatet fühlen konnte. „Er ist nur bedingt ein Österreicher geblieben, aber auch nie ein wirklicher Amerikaner geworden, und doch hat er beiden Ländern viel hinterlassen“, schreibt Fischer. Zusätzlich trug die Wohnung am Schwarzenbergplatz, die er sich einrichtete, dazu bei, dass er sich in Wien doch wohl fühlen konnte. Obwohl er aus seinem bis dato aktiven Unternehmen Gruen Associates ausgestiegen war, wurde er auch in Wien tätig: Er plante maßgebend die erste Fußgängerzone der Stadt, Kärntner Straße – Graben – Kohlmarkt, mit und dachte schon vor fast 50 Jahren an, innerhalb des Kerngebiets Oberleitungsbusse fahren zu lassen.

    Seine Ideen leben bis zum heutigen Tage fort, sei es in der Fuzo auf der Wiener Mahü oder im neuen Sarona Market in Tel Aviv, der das alte Templerviertel zu einer unglaublich angesagten Gegend gemacht hat. Oder, um zum Schluss auch den Maestro noch einmal zu zitieren: „Man könnte mich vielleicht als Träumer bezeichnen. Ich glaube aber, ein realistischer Träumer zu sein.“

     

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    Victor Gruen
    Shopping Town. Memoiren eines Stadtplaners (1903–1980)
    Herausgegeben von Anette Baldauf,
    Böhlau Verlag 2014
    408 Seiten, 39 EUR

    David Borochov

    David Borochov

    ist Student in Wien und schreibt neben verschiedensten anderen Tätigkeiten gelegentlich Texte für NU.
    David Borochov

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