Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Benny Fischer | Nr. 65 (03/2016) - Elul 5776
  • Lebendiges Erinnern

    In Frauenkirchen im Burgenland wurde im Frühjahr 2016 der „Garten der Erinnerung“ eröffnet. Bei einem Besuch präsentiert er sich als überraschend offener Ort, der Vergangenes wachhält, aber vor allem auch den Dialog anregt.
    VON BRIGITTE KRIZSANITS (TEXT UND FOTO)

    Ein Ort des Gedenkens und ein Ort des Erinnerns

     

    Das Tor zum „Garten der Erinnerung“ in Frauenkirchen scheint verschlossen. „Machen Sie es nur auf, da kann man hineingehen“, spricht mich ein Anrainer an und schiebt das Tor zur Seite. Ich trete ein in einen Bereich, der Geschichte in sich trägt. Und Namen. Aber auch Mauern, von deren Existenz bis vor kurzem niemand wusste.

    Der „Garten der Erinnerung“ soll ein offener Ort sein, erklärt Herbert Brettl, Historiker und Obmann der „Initiative Erinnern Frauenkirchen“. Zentrale Idee des 2011 gegründeten Vereins war es, „etwas“ an der Stelle zu machen, an der bis 1939 die Synagoge gestanden war. Dass aus „etwas“ dann „mehr“ wurde, dazu hat auch der Zufall beigetragen – in vieler Hinsicht. Durchs Reden, so sagt man im Burgenland oft, kommen bekanntlich die Leut’ z’samm. Und so kam man auf Martin Promintzer, Architekt mit Frauenkirchner Wurzeln, und die Künstlerin Dvora Barzilai, die sich der Gestaltung der Gedenkstätte annahmen. Als nun die baulichen Vorbereitungsarbeiten getroffen wurden, stieß man auf Mauern. Archäologen wurden hinzugezogen und stellten fest: Die Mauern waren Teil einer barocken Synagoge, die Anfang des 18. Jahrhunderts erbaut und im 19. Jahrhundert abgebrannt war. Was also sollte mit diesem Fund geschehen?

    Archäologie und Architektur

    Der ursprüngliche Plan, den von Barzilai geschaffenen Bronzeguss in Form einer Torarolle in der Mitte des Platzes aufzustellen, wurde verworfen, stattdessen ein eigenes Gebäudes geplant. Entstanden ist ein formschöner Glasbau, der von außen einen Blick auf das alte Fundament freigibt. In seinen Scheiben spiegeln sich 56 Namen. Es sind die Namen von Familien, die einst in Frauenkirchen gewohnt haben. Im Inneren des Bauwerks: vier Säulen. Sie waren Teil der Synagoge, die 1939 mitsamt ihren Grundfesten dem Erdboden gleichgemacht worden war. Nach einem Tipp aus der Bevölkerung hat man sie nun wieder ans Tageslicht gebracht. So wie diesen Hinweis gab es auch weitere Unterstützung zum Entstehen der Gedenkstätte – von der Kultusgemeinde, auf deren Grund sie steht, von der politischen Gemeinde, vom Land Burgenland, von vielen Anrainern, aber auch von Familien, deren Vorfahren Nationalsozialisten waren. Sie alle setzten mit ihrem Beitrag gemeinsam ein Zeichen.

    Zur Eröffnung des „Gartens der Erinnerung“ im Mai 2016 kamen auch viele Nachfahren von Vertriebenen. Die „Initiative Erinnern Frauenkirchen“ bat sie damals nach vorne. Sie sollten gemeinsam das Tor und damit auch die neue Gedenkstätte öffnen – eine symbolische Geste, die alle Anwesenden berührte, wie Herbert Brettl erzählt.

    Gedenken oder erinnern?

    Ob es ein Ort der Erinnerung sei oder des Gedenkens, frage ich ihn daher auch. „Für Außenstehende ist es ein Ort des Gedenkens, für Betroffene hingegen ein Ort des Erinnerns“, sagt der Historiker. Und er erzählt von einem Mann, den er vor kurzem dort traf und der ihm sagte: „Meine Großmutter ist in der Schoa umgekommen, sie hat keinen Grabstein. Jetzt aber habe ich für sie einen Ort der Erinnerung.“

    Während Herbert Brettl das erzählt, stellt eine Dame ihr Fahrrad auf der Straße ab. Sie tritt vorsichtig ein, sieht sich um, beginnt am Infoscreen zu lesen. Wir kommen ins Gespräch, sie sei Frauenkirchnerin, sagt sie, lebe aber seit 30 Jahren in Tirol. Ihr Vater habe bei einem jüdischen Schneider hier gearbeitet, sie wollte sich „das“ einmal anschauen. Und sie werde wieder kommen, mit ihrem Mann. „Das Tor ist immer offen“, sagt ihr Herbert Brettl daraufhin. „Sie müssen es nur zur Seite schieben.“ Und noch einmal bewegt jemand vor meinen Augen das Tor zu diesem Ort der Geschichte.

    Brigitte Krizsanits

    Brigitte Krizsanits

    studierte Germanistik und Geschichte an der Universität Wien und war anschließend in Wien und Prag in der Erwachsenenbildung tätig. Seit 2010 ist sie freie Journalistin und publizierte unter anderem die Bildbände Das Leithagebirge. Grenze und Verbindung und Eisenstadt.
    Brigitte Krizsanits

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