Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Gal Gadot | Nr. 69 (03/2017) - Elul 5777/Tischri 5778
  • Lasik Roitschwantz

    Ilja Ehrenburgs großartiger Roman „Das bewegte Leben des Lasik Roitschwantz“ durfte erst nach 1989 in der Sowjetunion publiziert werden. Ursprünglich im Rhein-Verlag erschienen und danach lange vergriffen, wurde er nun vom Verlag Die Andere Bibliothek, Berlin, neu aufgelegt. Ein absolutes Muss für alle an jüdischer Kultur Interessierten.
    VON PETER WEINBERGER

     

    Im selben Jahr, als Ilja Ehrenburg in Paris seinen Roman Das bewegte Leben des Lasik Roitschwantz in russischer Sprache veröffentlichte, wurde Stalins „Sozialismus in einem Land“ in der Sowjetunion endgültig zur Realität. Trotzki war kurz davor über Alma Ata in die Türkei abgeschoben worden, Bucharin hatte eben einen letzten Versuch unternommen, die Zwangskollektivierung zu verhindern.

    Ehrenburgs Sprache ist, wie der Übersetzer, Waldemar Jollos, anmerkt, eigentlich eine Art jiddisches Russisch, mit dem er die Gedankenwelt talmudisch erzogener russischer Provinzjuden einzufangen versucht, eine Welt, durchsetzt von der Phraseologie eines Primitivmarxismus und „altjüdischer Lebensweisheit“: die Welt des Lasik Roitschwantz, eines kleinen Schneiders aus dem Städtchen Homel im Süden Weißrusslands. Es ist die Ausdrucksweise Lasiks, geprägt vom Wirrwarr neuer Eindrücke auf der Flucht über Polen, Deutschland, Frankreich, England und letztlich nach Palästina – der einzige Weg, um Bedrohungen, Gefängnissen und Hunger zu entkommen. Und Lasik redet und redet und redet, widerspricht wortreich und argumentiert mit aus dem Talmud entlehnten Geschichten.

    Am besten, man lässt ihn selber zu Wort kommen, z.B. vor einem sowjetischen Untersuchungsrichter:

    „Schuldig? Wenn ich in etwas schuldig bin, so nur darin, dass ich lebe. Aber daran bin ich auch nicht schuld. Daran sind lächerliche Vorurteile schuld und die schreckliche Cholera. Wäre nicht die Cholera gewesen, so gäbe es überhaupt keinen Lasik Roitschwantz. … Sie begreifen nicht, wovon die Rede ist? Das ist sehr einfach. Damals war eine große Cholera, sie war so groß, dass fast alle Juden gestorben wären, und die nicht gestorben sind, die wollten natürlich nicht sterben. … Da erinnerten sie sich, dass man den Tod, wenn nicht überlisten, so doch aufheitern könnte. Sie fanden den unglücklichsten aller Juden, einen Motel Roitschwantz. … Er besaß nur seinen trübseligen Familiennamen. Er wusch jede verächtliche Wäsche, und am Purim trug er für fünf Kopeken kostbare Geschenke von Haus zu Haus. Mit einem Wort, er hätte ruhig an der Cholera sterben können, und kein Mensch hätte ihn beklagt. Aber gerade er starb nicht. Reiche Juden stöberten diesen Motel Roitschwantz auf, und sie fanden dazu das allerunglücklichste Mädchen. Sie sagten: ‚Ihr sollt von uns dreißig Rubel kriegen, … aber eure Hochzeit wollen wir auf dem Friedhof begehen, um den Tod ein wenig aufzuheitern.‘ Ich weiß nicht, ob der Tod lustig wurde, und ob die Juden sich aufheiterten, der Bräutigam besaß ja außer seinem trübseligen Familiennamen auch noch einen riesigen Buckel, die Braut aber hinkte, um ganz offen zu sprechen. Ich weiß nicht einmal, ob die Cholera aufhörte, aber eines weiß ich, nämlich, dass ich, Lasik Roitschwantz, zur Welt kam, und darin scheint mir meine einzige Schuld zu bestehen.“

    Oder die Fragen eines polnischen Rittmeisters beantworten:

    „Ihr Name? Geburtsjahr? Sind in den Parteilisten vorgemerkt? Schön. Jetzt erklären Sie mir, wer Sie eigentlich sind?“
    „Ich? Ein Überbau.“
    „Wie …?“
    „Ganz einfach. Wenn Sie die Basis darstellen, so bin ich ein Überbau. Ich spreche mit Ihnen als ein alter Marxist.“
    „Wissen Sie was, lassen Sie diese Narreteien fahren! So leicht können Sie mich nicht nasführen. Ich erkenne Sie durch und durch. Antworten Sie, ohne den Dummen zu spielen, was sind Sie für ein Vogel?“
    „Wenn ich ein Vogel sein soll, also dann eine Eule. Wie? Sie kennen diese schmähliche Geschichte nicht? Aber ganz Homel kennt sie doch! Dann will ich sie Ihnen gleich erzählen. Zwei Juden sprechen miteinander: ,Was ist eine Eule?‘ ,Ein Fisch.‘ ,Warum sitzt sie dann auf einem Zweig?‘ ,Weil sie verrückt ist.‘ Nun also, so bin ich höchstwahrscheinlich ein Vogel oder ein Fisch, mit einem Wort, irgendetwas Verrücktes.“

    Lasik kann selbst im Gefängnis von Vergangenem schwelgen, z.B. von einem Hochzeitsessen:

    „Und ich habe gegessen. Ich habe zum Beispiel gehackte Leber mit Ei gegessen. Das wär einmal. Und ich habe Gänsehals mit Grütze gegessen. Das war Nummer zwei. Und ich habe Grieben gegessen und Knödel und Sülze. Das ist wohl schon Nummer fünf. Aber was soll die dumme Rechnerei? Hundert Gänge habe ich gegessen. Was für ein Huhn! Aber ich bin wirklich ein Idiot, ich habe ja den farcierten Fisch total vergessen! Er war mit rotem Meerrettich angemacht, und dann ,Kugel‘ mit Rosinen, ,Zimes‘ mit Pflaumen und Rettich mit Ingwer. Aber warum soweit vorauseilen? Es ließe sich noch allerlei über die Gänsehälschen sagen. Sie waren so schön gebraten, dass man in ganz Homel das Krachen der Kruste hörte, und die Farce war mit Zwiebeln und Pilzen angemacht. …“

    Oder man lässt ihn vor anderen vor sich hin philosophieren:

    „Und da fand sich damals ein kluger Mann, der den Augenblick mit einem Schlag erhellte. Er sprach so: ‚Wenn ein wohlbeleibter Mann auf einem kleinen Eselchen reitet, so ist es ihm unbequem, und dem Esel ist es unbequem, und wenn sie endlich angekommen sind, sind sie beide froh. Aber nun entsteht die Frage: wessen Freude ist grösser, die des Reiters oder die des Esels?‘ …. Was nun aber mich betrifft, so meine ich, dass der Esel sich doch noch mehr gefreut hat …“

    Um zu überleben, scheut er sich nicht, kleinere oder größere Gaunereien zu begehen:

    „‚In einer halben Stunde werde ich Ihnen Erde aus Palästina bringen. Das ist die beste Sorte Erde. Sie kommt geradenwegs vom Grab der Rahel, der Zadik von Rowno hat sie mir geschenkt. Ich habe sie für mich selbst aufbewahrt.‘ Lasik ging auf die Straße hinaus. Er ging bis zum Park, hob rasch ein Häufchen Erde in sein Taschentuch und wurde sentimental: „Wo wird Roitschwantz sterben? In welchen Abtritt wird man seinen schändlichen Leichnam werfen?“

    Und er hat seine eigenen Ansichten über Religionen, die er einem Mithäftling erklärt:

    „Wir beide sind augenblicklich ordentliche Leute, denn wir sind zwei arme Teufel, die sich in einem schimpflichen Gefängnis befinden. Aber Sie könnten ja morgen Papst werden, und ich könnte noch ein Rothschild werden. Und dann werden wir sicher alle heißen Tränen vergessen und einfach die üblichen Schweine werden. Solange der arme Zimmermann von der Wahrheit träumte, stand er so hoch wie der absichtliche Gott, aber da hat man ihn zum Gott in goldenem Rahmen ausgerufen, und sehen Sie, da ist er ein gewöhnliches Stück Möbel geworden. … Jeden Tag, glaube ich, werden hundert Roitschwantze gekreuzigt, und kein Mensch legt dagegen Verwahrung ein. Aber das Kinderlachen? Aber das frische Brot auf dem Tisch des Armen?“

    Viele von Lasiks Geschichten, die er in seine langatmigen Reden einstreut, sind fast poetisch:

    „Im … Zimmer stand eine alte Schlaguhr. Der Schlag dieser Uhr erinnerte an eine Frauenstimme. Er war so herrlich und so traurig, dass ich lächeln und weinen musste, wenn ich ihn hörte. Ich … redete mir selbst zu: ‚Sie geht ein wenig nach oder um ein weniges geht sie vor.‘ Ich bewegte den Zeiger, und die Uhr schlug abermals, und mit mir redete aus ihr ein wunderschönes Mädchen, es redete zu mir von Liebe und Leid, es sprach zu mir von den Sternen, den Blumen … wenn die Vögel singen und der Regen herabrauscht.“

    Erschöpft vom Leben, stirb Lasik schließlich am Ende seiner Reisen über dem Grab Rahels, nachdem er mit dem Grabwärter einen letzten Disput über Begräbniskosten ausgefochten hat:

    „Lasik lag unbeweglich da. Er atmete nicht mehr. Ein kindliches Lächeln schwebte auf seinem toten Antlitz. … Und als der Wächter dies Lächeln Lasiks erblickte, erstarrte er. Er vergaß völlig das Geld für das Begräbnis. Es kamen nicht die gewohnten Gebete über seine Lippen. Nein, er ließ die Kerze zu Boden fallen und musste heiß aufweinen. Ruhe in Frieden, armer Roitschwantz! Länger wirst du nicht von der großen Gerechtigkeit träumen, und auch nicht von einem kleinen Zipfelchen Wurst.“

    Peter Weinberger

    Peter Weinberger

    war bis 2008 Professor für Allgemeine Physik an der TU Wien und ist seitdem Gastprofessor an der New York University. Er ist auch literarisch tätig.
    Peter Weinberger

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